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Ailertchen im Aufwind

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Von: Anken Bohnhorst

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Wer es pur und unmittelbar mag, der entschied sich beim Flugtag in Ailertchen für die Flugllibelle.
Wer es pur und unmittelbar mag, der entschied sich beim Flugtag in Ailertchen für die Flugllibelle. © Anken Bohnhorst-Vollmer

Drei Tage knatterte es über der kleinen Gemeinde im Westerwald. Motorflugzeuge und Kunstflieger schwirrten durch die Luft, Segelflugzeuge glitten elegant über Wald und Felder, und ab und zu öffnete sich der Himmel und entließ ein paar Fallschirmspringer: Flugtag in Ailertchen.

Zuerst ist es ein wenig eng für die vier Männer, die in das kleine Sportflugzeug geklettert sind. Doch wenn der Flieger abhebt und auf rund 4000 Meter steigt, und wenn die Männer dort oben abspringen und an ihren Fallschirmen zu Boden segeln, dann ist es da – das Gefühl von unendlicher Weite und Freiheit, sagt Kai Nendse, einer der Springer von Skydive Ailertchen. Er und seine Kollegen werden mit ihren Sprüngen den diesjährigen Flugtag in der kleinen Westerwald-Gemeinde eröffnen. Doch bevor die Skydiver ins Geschehen springen, hält Daniel Stein vom Flugsportverein Ailertchen eine Ansprache. „Piloten-Briefing“ nennt er das.

Alles genau geregelt

Etwa ein Dutzend Männer und Frauen hat Stein um sich versammelt: Die Piloten von Motor- und Segelflugzeugen sowie von den Modellfliegern und eben die Springer. Die Veranstaltung sei offiziell genehmigt, sagt Daniel Stein, was wie jedes Jahr ein sehr langes Prozedere gewesen und daher erwähnenswert sei. Die Uhrzeiten für den Flugbetrieb seien auf 19 Uhr ausgeweitet worden. Die maximale Flughöhe darf 4400 Fuß nicht übersteigen, und der Abstand zwischen den verschiedenen Flugzeugen ist ebenfalls festgelegt. Auch bei Start und Landung gelten Abstandsregeln. Mindestens 50 Meter müssen zwischen den Maschinen und den Absperrbändern liegen, hinter denen die Zuschauer stehen. Anschließend zählt Stein auf, wie viele Flugstunden Piloten absolviert haben müssen, um Passagiere zu befördern. Bei dieser Veranstaltung setze man die erfahrensten Flieger ein, sagt er, als vertrauensbildende Maßnahmen sozusagen. Die Voraussetzungen für Fallschirmspringer, die einen Begleiter im Tandemsprung mitnehmen, nennt er auch. Mindestens 150 Sprünge, zehn davon innerhalb der letzten 90 Tage.

„Heli“ im Selbstbau

Danach ist der Himmel freigegeben. Die Skydiver schlüpfen in ihre Overalls, schnallen sich die zusammengepackten Fallschirme um und traben zu ihrer Cessna 182. Ein paar Meter entfernt von ihnen sitzen Peter Weingarten und Lukas Kühn vor einem weiß blitzenden, schlanken Segelflugzeug. Sie sind Flugschüler, erzählen die beiden 14-Jährigen. Beim Flugtag im vergangenen Jahr haben sie zum ersten Mal in einer Maschine gesessen, sich vom Wind tragen und begeistern lassen. Beim Segelfliegen werde Majestätisches mit Eleganz kombiniert, bestätigt ein Mann. Tatsächlich ist auch eine Portion Kraft erforderlich, wenigstens wenn es darum geht, das Flugzeug vom Landepunkt zurück zum Start zu ziehen. Auf dem Flugplatz in Ailertchen übernimmt das ein Traktor, der an der Außenlinie des Flugfelds entlang tuckert.

Weniger Schlepperei haben da die Modellflieger und -flugzeugbauer. Zum Beispiel Helmut Morgenschweis, der anhand einer Bauanleitung einen etwa 1,50 Meter langen Hubschrauber, einen „Heavy Transport Helicopter“, gebastelt hat. An die 100 Arbeitsstunden dürften da schon zusammengekommen sein, meint er. Das Material, Metallteile, Rotorblätter, Holzleisten, hat er aus dem Baumarkt und vom Fachhandel, sagt er und schraubt weiter. Neben Morgenschweis steht Uwe Gerlach. Vor ihm ein Tisch mit Multicoptern, besser bekannt als Drohnen. Alle Systeme seien mit Kameras ausgestattet, erklärt er. „Das ist wichtig, gerade für die Ü-40-Kunden.“ Um zu schauen, was der Nachbar macht? „Ach was“, entgegnet der Verkäufer. „Was in Nachbars Garten los ist, weiß man doch längst.“

Dennoch bleibt der Wunsch, die Welt von oben zu erkunden, mächtig. Immer wieder knattert die Piper 28 mit Daniel Stein und den anderen Piloten vom Flugsportverein durch die Luft. Und wer das Fliegen noch etwas unmittelbarer erleben möchte, steigt zu Berthold Franke in dessen ultraleichtes Luftsportgerät, einen gelb lackierten Freiluft-Doppelsitzer. 472,5 Kilogramm darf die Maschine inklusive Pilot, Copilot und Kraftstoff wiegen, sagt Daniel Stein.

Der Reiz dieses Flugzeuges bestehe unter anderem in dessen gemäßigtem Tempo. Während eine Motorsportmaschine bei 100 Stundenkilometern abhebt, geht diese Fluglibelle bereits bei 50 Stundenkilometern hoch.

Auch das Sicherheitskonzept unterscheidet sich von anderen Fliegern: Am oberen Ende der Konstruktion ist ein weißer Zylinder angebracht. Gerät der Pilot in die Bredouille, zieht er an einem roten Hebel und katapultiert damit einen Fallschirm aus dem Zylinder. An diesem Schirm schwebt das Flugzeug dann zu Boden. Diese Attraktion soll es am Flugtag selbstverständlich nicht geben.

45 Sekunden freier Fall

Dafür werden ein paar Kunstflüge gezeigt. Kurven, Loopings, Spitzkehren beispielsweise. Die Kunstflugpiloten Walter und Toni Eichhorn aus Bad Camberg sowie der Allgäuer Tim Tibo haben sich angesagt. Rainer Erbeldinger vom Flugsportverein ist überzeugt: „Die Gastpiloten werden mit ihren Vorführungen die Besucher begeistern.“ So wie Kai Nendse und seine Kollegen vom Verein Skydive. Rund 20 Minuten hat ihre Cessna gebraucht, um sich zur Sprunghöhe empor zu schrauben. Der freie Fall dauert 45 Sekunden, der Flug mit dem Schirm etwa vier Minuten. Jedes Mal ist es wieder die Erfüllung eines Traums, sagt Nendse. Mehr als 630 Mal ist der 34-Jährige bislang gesprungen.

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