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Mitten im Dorf in Dorndorf: Birgit Jung-Stillger (rechts) weiß, wie wichtig das kleine Schwätzchen für die Altenheimbewohner ist.

Pflege-Serie

Das Altenheim mitten im Dorf

Jede Menge Pflegeheime und Tagespflegeeinrichtungen, aber zu wenig Kurzzeitpflegeplätze. Zwar gibt es im Landkreis 43 ambulante Pflegedienste, aber in einigen Gemeinden ist es schon schwer, den passenden Dienst zu finden. Und wie sieht es aus mit den Pflegekräften? In einer Serie widmen wir uns dem Thema Pflege in allen Facetten. Heute geht es um ein Altenheim mitten im Dorf, quasi mit Familienanschluss.

Als ihre Eltern die ersten Alten aufnahmen, nannte man die noch „Insassen“, nicht Bewohner. Damals nannte man diese Form des Zusammenlebens aber auch noch nicht Wohngruppe. „Meine Mutter war eine Herbergsmutti für Alte“, sagt Birgit Jung-Stillger und lacht. Das ist jetzt 40 Jahre her, aus der alten Tankstellen-Werkstatt in Dorndorf ist längst ein modernes Altenheim geworden. Inzwischen leben hier nicht mehr sieben Menschen, sondern 27 und da sind die Besucher der Tagesstätte noch nicht mitgerechnet und die Menschen, die der ambulante Pflegedienst Jung betreut, schon gar nicht.

Als Birgit Jung-Stillger das Altenheim vor 28 Jahren von ihren Eltern übernahm, hatte sie sechs Mitarbeiter, heute sind es 67. Was natürlich daran liegt, dass sie und ihr Mann das Unternehmen immer wieder erweitert haben, aber auch daran, dass die Menschen, die ins Altenheim gehen, längst nicht mehr so fit sind wie früher. In der Regel kämen die Menschen erst mit Pflegegrad 3 oder 4, also dann, wenn ein eigenständiges Leben nicht mehr möglich ist – auch nicht mehr mit Unterstützung eines Pflegedienstes. „Das ist zu spät“, sagt Birgit Jung-Stillger. Natürlich gehe „ambulant vor stationär“ und es sei gut, dass das so im Gesetz steht. Aber irgendwann sei es zu spät, die alten Leute selbst zu fragen, was sie eigentlich wollen. Und viele Familien wollten das ja auch gar nicht: Sie seien froh, wenn sie die Verantwortung auf einen Dienstleister übertragen könnten.

„Kindern fehlt Empathie“

Überhaupt: die Kinder. Eigentlich müsse man die im Altenheim mitbetreuen, sagt Birgit Jung-Stillger, zumindest müssten sie und ihre Mitarbeiter immer wieder zwischen den Kindern und ihren Eltern vermitteln. Viele nähmen ihren Eltern die Selbstständigkeit. Es sei allerdings auch schwer zu akzeptieren, dass die Eltern vielleicht irgendwann einmal andere Vorstellungen vom Leben haben, dass die Mutter vielleicht irgendwann mal keine Wasserwellen mehr will, weil der Besuch beim Friseur ihr zu anstrengend ist. „Den Kindern fehlt oft die Empathie“, sagt Birgit Jung-Stillger. Davon bräuchten die Pflegekräfte dafür umso mehr.

Genau wie ein ganz besonderes Arbeitsethos: Bestimmte Standards müssen eingehalten werden, auch wenn sie nicht bezahlt werden“, sagt Birgit Jung-Stillger. Und das sei in einem kleinen Altenheim sicherlich einfacher möglich als in einem großen. Natürlich müsse auch sie betriebswirtschaftlich denken, natürlich müssten auch ihre Mitarbeiter Rechenschaft ablegen, aber sie müssten eben auch bereit sein, Verantwortung zu übernehmen.

„Die Dinge, die man tut, muss man immer für sich selbst vertreten können. Dann ist das in Ordnung.“ Und wenn man das beherzige, gebe es auch gar keinen Grund, über die Pflege zu schimpfen. Pflegebedürftige hätten heute zum Glück einen gesetzlich geregelten Anspruch auf finanzielle und personelle Hilfen. „Die Pflege ist nicht arm“, sagt Birgit Jung-Stillger. Und die Pflegebedürftigen seien es auch nicht, „jedenfalls nicht im Sinne von schlecht versorgt“. Jedenfalls nicht in ihrem Haus.

Lange Warteliste

Und das spreche sich herum. Derzeit stünden 35 Frauen und Männer auf der Warteliste, alle aus Dorndorf. „Seit 2012 nehmen wir eigentlich nur noch Bewohner aus Dorndorf“, sagt Birgit Jung-Stillger. Damit die Menschen in ihrer Heimat bleiben können. „Wir sind ein Teil der Dorfgemeinschaft.“ Die Alten müssten weiter dazugehören. Und dafür müsse das Altenheim eben mitten im Dorf sein. „Es geht nur gemeinsam.“

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Das gilt auch für die Arbeit im Altenheim: „Jeder Einrichtungsbetreiber sollte nachweisen, dass er mitarbeitet“, sagt Birgit Jung-Stillger. Damit er sehe, welche Leistung er verkaufe und was er seinen Mitarbeitern abfordere. Sie mache immer noch regelmäßig Nachtwache im Altenheim, sei Springer in der ambulanten Pflege, und „durch die Tagesstätte laufe ich jeden Tag auf dem Weg ins Büro“. Und ihr Sohn, der das Altenheim irgendwann einmal übernehmen will, hat nicht nur Gesundheitswirtschaft studiert. Er arbeitet in der Küche mit, macht Dienstpläne und übernimmt Fahrdienste. Die Tochter, studierte Sozialarbeiterin, arbeitet in der Tagesstätte. Und Hubert Stillger, gelernter Bäckermeister, hat auch schon lange umgeschult: Er ist der Pflegedienstleister und Hygienebeauftragte und springt immer da ein, wo er gebraucht wird. „Ein richtiges Familienunternehmen“, sagt Birgit Jung-Stillger und strahlt. Und wenn sie dann einmal im Jahr die Bewohner fragt, ob die etwas auszusetzen oder Wünsche haben, dann ist sie noch viel zufriedener.

Liesel Heep, eine Bewohnerin, formuliert es so: „Hier ist man richtig aufgehoben.“ Seit sie im Altenheim Jung lebe, müssten sich ihre Kinder keine Sorgen mehr machen. Anders als bei den Heimen, in denen sie vorher lebte. Birgit Jung-Stillger hat ihre eigene Formulierung für Glückseligkeit: „Wenn ein Bewohner abends nach dem gemeinsamen Beten im Bett liegt und strahlt – das ist es.“

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