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Es wird spannend (von links): Justin, Thore, Colin und Penelope spielen das von Lehrer Tobias Biedert entwickelte Spiel „Democracy“.

Spielend lernen

Test mit Schülern: Tobias Biederts hat das Spiel "Democracy"entwickelt

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„Democracy“: Tobias Biedert, Lehrer an der Schule im Emsbachtal in Niederbrechen, hat ein Spiel entwickelt, dass in kleiner Auflage produziert wurde. Die ersten Schüler spielen es begeistert und lernen dazu. Denn es geht um die großen Fragen unserer Zeit, um Bildung, Gerechtigkeit, Stabilität und Wohlstand

Niederbrechen - „Bildung, hab ich schon!“, ruft Thore und legt die Karte beiseite. „Ich weiß, dass Du Bildung brauchst“, foppt Justin. Der Zwölfjährige ist auch schon gebildet – zumindest liest man es auf einer seiner Karten, die er auf dem Tisch ausgebreitet hat. Plötzlich geht alles ganz schnell. „Ich brauche keinen Gebrauchtwagen, ich kann mit dem Bus fahren“, lacht Penny und legt die Karte beiseite. Colin sammelt immer mehr: Einen guten Schulabschluss, Lehre, Beruf.

Dann das Unglück: Bürgerkrieg! Penelope muss sich wappnen. Die Runde endet recht schnell, denn die Kinder merken: Sie haben für sich selbst gesorgt, aber nicht für ihren Staat. Das heißt: Wer nicht rechtzeitig Bündnisse schließt, den trifft eine kriegerische Karte ganz anders als Teilnehmer mit guten Verbündeten. Dann geht’s ans Verhandeln. Wer das nicht kann, keine „guten Karten hat“, weil er allein dasteht, ist schnell am Ende. Wie diese Spielrunde. Macht nichts: Die Kinder starten gleich neu.

Justin Kühlenberg, Thore Jakob, Colin Ebel und Penelope Schröder testen gerade „Democracy“ (Demokratie), das neue Spiel, das ihr früherer Englischlehrer erfunden hat. Lang, lang ist’s her, als Tobias Biedert mit der Biene-Maja-Brotdose und kleinen Kärtchen durch die Schule zog. Seit über einem Jahr beschäftigt er sich mit diesem Spiel, dessen Regeln nicht ganz einfach zu beschreiben sind, mittendrin aber sehr deutlich werden.

Verbündete finden

Videto (die Initiative für Vielfalt, Demokratie und Toleranz) hat das Projekt mit 5000 Euro unterstützt. Das Geld ist in die Produktion des Spiels geflossen, das es jetzt in einer kleinen Auflage gibt. Deshalb können es Justin, Thore, Colin und Penelope in einer optisch ansprechenden Aufmachung spielen. Vier Steine liegen parat, die mit kleinen Stäben bestückt werden in drei verschiedenen Farben – Zeichen für die Bündnisse. Das ist jetzt wichtig, denn in der nächsten Runde verbünden sich die Staaten. Ruckzuck haben alle vier jeweils drei Verbündete. Mehr geht nicht. Und wieder geht es ans Eingemachte, nur unter viel besseren Voraussetzungen.

Ach so: Am Anfang, das ist immer so, spielen zwei Demokratien gegen zwei Diktaturen. Ziel ist, alle Staaten zu Demokratien zu machen, denn dort gibt es bessere Chancen auf Bildung, Gerechtigkeit, Stabilität und Wohlstand. Das wollen die Menschen, und wer im Großen vorsorgt, wird es auch im Kleinen schaffen. Tobias Biedert, Diplom-Sozialpädagoge sowie Haupt- und Realschullehrer, erklärt das so: „Die Gesellschaft driftet nach rechts, und die Europäische Union droht zu zerfallen. Den Bedrohungen, denen sich Menschen stellen müssen, wollen viele mit Abschottung und Ausgrenzung Herr werden. Die Bürger haben Angst, ihren Wohlstand zu verlieren und verlangen Schutz vom Staat. Aber ist wegsehen und Grenzen errichten der richtige Weg?“

Die Schüler lernen gerade, dass das nicht so ist. Sie teilen ihre Karten, stabilisieren die Staaten. Erst dann gelingt es jedem einzelnen, seine Chancen auf Bildung, einen guten Beruf, zu verbessern. „Wer seine Aufmerksamkeit nur auf den individuellen Wohlstand legt, wird merken, dass er in dem Spiel nicht weit kommt. Der Alleingang ist der Weg in zahllose Krisen. Er ist nicht der Weg gegen die Angst, sondern der Weg zu ständiger Angst“, bemerkt Schulsozialarbeiterin Madlen Wagner.

Zufall spielt eine Rolle

Bei Justin, Thore, Colin und Penny wird es laut: Gerade ist Colin dabei, jede Menge Karten anzuhäufen. „Ja, ein bisschen Glück ist auch im Spiel“, beobachtet Lehrer Biedert. Je Runde werden Karten gezogen und gewürfelt. Der Zufall spielt bei aller Strategie immer auch mit.

Der Pausengong signalisiert: große Pause. „Können wir weiter spielen?“, bettelt Thore. Die Schulstunde war viel zu schnell vorbei, und so wird die komplette Pause angehängt. Denn das Spiel macht Spaß. „Ich bin eine Diktatur“, stöhnt Penelope in der nächsten Runde. Nach vielen, vielen Zügen wird sie es schaffen, in die Demokratie zu wechseln. Dann geht vieles leichter. „Das ist wie Deutschland und Nordkorea“, erklärt Colin den Unterschied.

„Man kann an jeder Stelle des Spiels stoppen und über die Entwicklung sprechen“, sagt Tobias Biedert. Die letzte Runde hat 20 Minuten gedauert. Das war schon ordentlich. Alle haben hinzugewonnen, Gesamtsieger ist Colin, der sich als erster mit allen verbündet hatte und – so wollte es der Zufall – anschließend sehr gute persönliche Chancen nutzte. Das ist wie im richtigen Leben.

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