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Esther Bejarano steht aufrecht. Das Leid, das ihr unter den Nationalsozialisten angetan wurde, hat sie nicht gebrochen. Bis heute kämpft die 94-Jährige zusammen mit den Musikern der "Microphone Mafia" gegen Krieg und Gewalt.

Auschwitz-Überlebende

"Das ist meine Rache an den Nazis"

Als junge Frau überlebte sie Auschwitz. Heute, mit 94 Jahren, singt und tanzt sie auf den Bühnen der Republik gegen Hass und Gewalt, für Menschlichkeit. Begleitet wird sie dabei von einer deutsch-türkisch-italienischen Rap-Gruppe. 

Elz – Mehrmals standen die rund 600 Besucher im Bürgerhaus Elz auf, um Esther Bejarano Respekt zu zollen und ihr Applaus zu schenken, so bewegend war dieser Abend. Bereits zur Begrüßung durch Stefan Schneider, Bezirksvorsitzender der Gewerkschaft Verdi Limburg-Weilburg, war spürbar, wie großartig der Abend werden würde. "Die Zahl der Besucher übertrifft deutlich unsere Erwartungen", sagte Schneider, "das ist ein klares Zeichen gegen Antisemitismus und Rassismus." Und der Applaus war groß.

Nummer 41948

"Wenn ich hier oben stehe, rede, singe, tanze und lache, dann ist es meine Rache an den Nazis", sagte Esther Bejarano. Die heute 94-Jährige hat das Konzentrationslager Auschwitz überlebt. Im Alter von 18 Jahren kam sie mit einem Transport im Viehwaggon nach Auschwitz. Direkt nach der Ankunft fand die erste Selektion statt, ihr wurde der Kopf geschoren, die Würde genommen. Ihr wurde die Nummer 41948 eintätowiert. "Namen wurden abgeschafft, wir waren nur noch Nummern", liest sie aus ihrem Buch vor. Sie hatte dann das Glück, dass sie in das Mädchenorchester kam. "Sonst wäre ich verreckt."

Viele Besucher in Elz bewunderten, mit welch starker Stimme Esther Bejarano aus ihren Erinnerungen las und dass sie überhaupt in der Lage war, von diesen Zeiten zu sprechen, ohne dass ihr die Stimme brach. Bejaranos Großmutter väterlicherseits war Christin, nach der verqueren Logik der Nazi-Ideologie war die junge Frau also zu einem Viertel arisch. Dies bedeutete für sie, dass sie ins KZ Ravensbrück geschickt wurde. Dort arbeitete sie bei Siemens in der Montage. Im Januar 1945 seien die Mischlinge zu Ariern erklärt worden. erzählt die 94-Jährige. "So ein Schwachsinn! Wie viele Mischlinge hatte man schon ermordet", kommentiert sie. "Ich nutzte die Vorteile, die sich dadurch ergaben, doch im Herzen blieb ich Jüdin."

Zweite Geburt

Mit dem Ende des Krieges begab sie sich auf den sogenannten Todesmarsch, doch sie und sieben weitere Mädchen konnten fliehen und fanden Rettung bei den Amerikanern. Mitten auf einem Dorfplatz verbrannten die amerikanischen Soldaten ein Bildnis von Hitler. Esther Bejarano spielte Akkordeon bei dieser Siegesfeier. "Das war meine Befreiung, meine zweite Geburt", beendete sie ihre Lesung, und das Publikum applaudierte stehend.

Generationswechsel: Im Jahr 1989 gründete sich die deutsch-türkisch-italienische Rap-Gruppe "Microphone Mafia" rund um Kutlu Yurtseven. Ihre Musik soll Protest ausdrücken. Protest gegen das Schweigen in der Gesellschaft, gegenüber Ungerechtigkeit und auch, um aufmerksam zu machen auf Dinge in der Gesellschaft, die schieflaufen. Yurtseven lernte 2007 die damals 82 Jahre alte Esther Bejarano kennen. Es dauerte nicht lange und das gemeinsame Projekt war geboren. Beide, so verschieden sie sind, wollen erinnern an die Vergangenheit und mahnen, dass solche Zeiten nicht wiederkommen. "Widerstand braucht nicht den erhobenen Zeigefinger, sondern ein Lächeln", sagt Yurtseven.

Das Leben ist schön

Und so wird zwischen den ernsten Liedern viel gelacht und Spaß gemacht. Alte jüdische Volkslieder und Balladen werden kombiniert mit neuen Rap-Texten. Den dreien auf der Bühne gelingt eine Verschmelzung zwischen dem Alten und dem Neuen. Und so singen sie von der Ohnmacht in der Gesellschaft: "Menschen sterben, doch du bist still, Menschen leiden, doch du bleibst still." Und dennoch sind sie sich sicher, dass gemeinsam etwas bewegt werden kann, auch wenn es nicht einfach wird. Sie singen davon, dass das Leben schön ist, weil es das Leben ist. "Wahres Leben ist da, wo Freiheit ist, wahres Leben ist da, wo Wahrheit ist." Und ganz am Ende singt Esther Bejarano mit einem Lächeln auf den Lippen: "Wir leben trotzdem, wir sind da." Und der Applaus brandet los.

Die Veranstaltung wurde organisiert von der Gewerkschaft Verdi Limburg-Weilburg mit Unterstützung des DGB Limburg-Weilburg, des Bündnis Courage, der KAB und des evangelischen Dekanats Runkel. Die Spenden, die am Ende gesammelt wurden, bekommen die Stiftung Auschwitz-Birkenau und die Gedenkstätte Hadamar.

Heike Lachnit

Die beiden Brücken mit Blitzern am Elzer Berg sind weg, doch es wird weiter "geblitzt". In drei Tagen hat das derzeit am Fahrbahnrand der A3 postierte Gerät 3700 Tempoverstöße erfasst.

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