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Der Bayrische Hof Bad Camberg im Jahre 1905.

Tor zur Altstadt

Der Bayrische Hof in Bad Camberg gehört wieder der Stadt - Investoren bekunden Interesse

Michael Traut, ein ausgewiesener Heimatkundler, der seit vielen Jahren im Verein Historisches Camberg (VHC) aktiv ist, hatte die Tatsache, dass fast genau 200 Jahre, nachdem das öffentliche Gelände unterhalb des Untertorturms von der Stadt versteigert wurde, es nun wieder in städtischen Besitz übergegangen ist, zum Anlass für die Recherchen zum Bayrischen Hof genommen.

Der Platz im Clubraum des Bürgerhauses reichte kaum aus für die zahlreichen Zuhörer, die etwas über Geschichte und Gegenwart des Untertorturms und die angrenzenden Gebäude erfahren wollten. Das große Interesse zeigte, dass das Gebäudeensemble am unteren Eingang der Altstadt nicht nur architektonisch sondern auch im heimatgeschichtlichen Sinne einen besonderen Platz einnimmt. Denn der Bayrische Hof und damit das gesamte Gelände des ehemaligen sogenannten Nassauischen Hains unterhalb der östlichen Stadtmauer gehört nun wieder der Stadt und es besteht nun die Möglichkeit, dieses Gelände gezielt und angemessen städtebaulich zu entwickeln.

Peter Cathrein

Mit Auszügen aus dem Einwohner- und Gewerberegister und Stadtplänen erläuterte Michael Traut, wie die Besitzverhältnisse zahlreicher Gebäude im Bereich Kirchgasse und untere Strackgasse entstanden. Ab 1839/41 ist Peter Karl Cathrein als Eigentümer der Liegenschaften um den Untertorturm belegt. Er stammte aus einer wohlhabenden Familie, die seit 1795 als Camberger Bürger eingetragen waren und er hatte bereits im Alter von ca. 40 Jahren das Kapital, das gesamte Anwesen zu erwerben. Die Familie erwarb nach und nach durch Kauf und eine geschickte Heiratspolitik zahlreiche Gebäude in der Altstadt und eröffnete mehrere Gaststätten, unter anderem den Guttenberger Hof. Sein zweiter Sohn, Peter Cathrein, war von 1884 bis 1906 Bürgermeister von Camberg. Nach einigen Besitzerwechseln übernahm Mitte der 1870er Jahre der Neffe von Peter Karl Cathrein die Gebäude und das Gelände um den Untertorturm. Unter Wilhelm Send, Turm-Send genannt, gab es eine rasante bauliche Entwicklung auf dem Gelände unterhalb der Stadtmauer. 1878 wurde eine überdachte Kegelbahn gebaut, der Garten wurde liebevoll angelegt, wenig später wurde ein „Tanz-Saal“ gebaut. Alles wurde Stück für Stück vergrößert und erweitert, es fanden zahlreiche Veranstaltungen statt.

Saalbau und Tanzkurse

Michael Traut zeigte viele Anzeigen und Presseartikel aus der damaligen Heimatzeitung, dem „Hausfreund für den Goldenen Grund“, die deutlich machten, dass ab diesem Zeitpunkt, auch in der Zeit des Nationalsozialismus und bis in die letzten Jahre des Bestehens vor einigen Jahrzehnten, der Saalbau sowohl für Festivitäten, Traditionsveranstaltungen und Tanzkurse, wie auch für politische Veranstaltungen genutzt wurde. Und auch auf der andere Seite des Turms wurde Heimatgeschichte geschrieben. Das dortige Schuhwarengeschäft Nikolaus Schmitt, später Lehmann, wurde etwa zeitgleich eröffnet und schloss erst vor wenigen Jahren als Traditionsgeschäft seine Pforten.

Michael Traut (vorne) präsentiert seine Forschungen. Das Interesse ist riesengroß.

Von 1904 bis in die 80er Jahre gab es im Bayrischen Hof das Kino. Das Lokal wurde bis 1993 geführt, dann wurde das Areal von den Besitzern an einen Investor verkauft, der die sogenannten „Altstadtarkaden“ dort errichten wollten. 1996 wurde dann der Abriss des Bayrischen Hofes angekündigt.

Für eine intensive kommunalpolitische Auseinandersetzung sorgte der vorgesehen Verkauf des Schulgartens an den Investor für die Errichtung eines Parkhauses. Dies führte dazu, dass 1996 erstmals ein Bürgerentscheid in Bad Camberg durchgeführt wurde. Bei diesem Bürgerentscheid entschied sich die Mehrheit der Camberger für den Verkauf des Schulgartens an die GPI. Da die Firma nicht den Kaufpreis für den alten Schulgarten zahlte, beschloss die Stadtverordnetenversammlung im Mai 1997 das Aus für die Altstadtarkaden. Das Gebäude und der Garten verkamen nun immer mehr, da sich keiner um das Anwesen kümmerte. Zur 1000-Jahrfeier erhielt der Untertorturm im Jahr 2000 einen neuen Verputz und einen neuen Helm. Über die Gestaltung des Geländes unterhalb des Untertorturms wurde in den folgenden Jahren immer wieder diskutiert. Pläne sahen einen Abriss des Kinos vor und die Erhaltung der Gaststätte mit einem kleinen Anbau und einem Gastgarten. Damit wäre die Stadtmauer in diesem Bereich wieder von der Frankfurter Straße erlebbar geworden. Diese Projekte scheiterten aber an den Kaufpreisvorstellungen der alten Investoren.

Testentwurf

2015/16 kam dann wieder Leben in die Diskussion um die zukünftige Nutzung des Bayrischen Hofes, da der Eigentümer das Gelände für einen bezahlbaren Preis verkaufen wollte. Käufer war der neue Eigentümer des Lehmannschen Anwesens, der dort zur Zeit saniert und umbaut. Die Stadt nahm aber ihr Vorkaufsrecht für das Gebäude Bayrischer Hof und das dazugehörige Gelände in Anspruch und kaufte das Anwesen für 75 000 Euro. Der ursprüngliche Käufer erhielt eine Abfindung für die bisher geleisteten „Säuberungs- und Aufräumarbeiten“. Für die Diskussion wurde ein Konzept von einem Planungsbüro entworfen, das bisher jedoch nur im Magistrat vorgestellt und nicht öffentlich in den städtischen Gremien diskutiert wurde. „Der Testentwurf greift im Wesentlichen wieder das Konzept der GPI auf – hinter einer neuen modernen Architektur verbirgt sich aber wieder eine massive Bebauung des Geländes. Neu ist, dass entlang der Stadtmauer eine Gasse von der Bebauung freigehalten werden soll, damit die Erlebbarkeit der Stadtmauer gewährleistet wird. Auch eine mögliche Erweiterung auf das städtische Grundstück Schulgarten für eine optionale Bebauung mit einer Tiefgarage ist in dem Testentwurf vorgesehen. Zurzeit finden verschiedene Untersuchungen statt, und es haben auch Investoren ihr Interesse angemeldet, auf dem Grundstück ein Projekt zu verwirklichen“, so Trauts Informationen. Er wünsche sich, dass es eine offene und konstruktive Diskussion in den Gremien und in der Bevölkerung gebe, damit dieses städtebaulich prägende Quartier auch in Zukunft eine passende Gestaltung als Eingang in die Camberger Altstadt erfahre.

Julia Schlösser

Info: Das Kino und das Turmdach

Auch eine wichtige Camberger Institution beherbergte das Gebäude unterhalb des Untertorturms: das erste und letzte Camberger Kino.

Bereits 1904 fand eine Veranstaltung mit Edisons Elektrischem Riesen-Kinematograph statt. Direkt nach dem Ersten Weltkrieg wurden dann die „Modernen Lichtspiele im Saalbau Bayrischer Hof“ mit 253 Plätzen eröffnet.

Wie der „Hausfreund im Goldenen Grund“ berichtete, war die Vorstellung bis auf den letzten Platz ausverkauft. Der Zuschauerraum grenzte direkt an das Lokal. Der Kinosaal wurde Mitte der 50er Jahre vergrößert. Er fasste dann 400 Zuschauer.

1945 wurde beim Beschuss durch die Amerikaner in den letzten Kriegstagen das Kinodach beschädigt und der Turmhelm abgeschossen.

Der schiefe Turm ohne Dachhelm war nun 45 Jahre ein Wahrzeichen der Stadt Camberg und beliebtes Fotomotiv. Das Kino zeigte noch bis Anfang der 1980er Jahre aktuelle Filme, bevor es für immer geschlossen wurde. (js)

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