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Bad Camberg: "Angst vor der Natur ist Angst vor dem Leben"

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Stephan Engelhardt (Dritter von links) führte die kleine Gruppe in die Geheimnisse der Wildkräuter ein.
Stephan Engelhardt (Dritter von links) führte die kleine Gruppe in die Geheimnisse der Wildkräuter ein. © Petra Schramm

Gänseblümchen gekostet: Exkursion mit dem Wildkräuterkenner Stephan Engelhardt

Bad Camberg -Knapp 20 Wanderer in wetterfester Kleidung warten vor der Kreuzkapelle in Bad Camberg, als ein schlanker Mann mit federndem Schritt auf die Gruppe zusteuert. "Ein kleines Grüppchen", meint er, "vor der Zwangspause durch Corona trafen sich bis zu 80 Personen zur Kräuterwanderung."

Das Wetter ist tatsächlich nur etwas für Mutige. Stephan Engelhardt muss sich selbst noch eine Jacke holen, um dem stürmischen Wind standzuhalten. Bevor es ins Detail geht, erklärt er seinen Zuhörern, warum er diese Kräuterwanderung veranstaltet, was man erwarten und was man nicht erwarten darf.

Sein eigenes Leben sei kein Maßstab, aber immerhin ein Beispiel dafür, was Kräuter bewirken können. Mit 35 Jahren so schwer an einer Krankheit aus dem rheumatischen Formenkreis erkrankt, dass ein Dasein im Rollstuhl drohte, beschloss er sein Leben total auf den Kopf zu stellen, Psyche und Körper zu "entgiften". Sein Weg führte ihn über vegetarische und vegane Ernährung zu einem abwechslungsreichen Speiseplan aus Wildkräutern. Das Ergebnis kann er heute, viele Jahre später, eindrucksvoll präsentieren: Ein gesunder Mensch mit einer Fitness wie nie zuvor steht - allen Prognosen der Schulmedizin zum Trotz - vor den Teilnehmern!

Denjenigen, die nun glauben, nach zwei Stunden den Schlüssel für die Heilung eines Leidens in der Hand zu halten, muss Stephan Engelhardt enttäuschen. Es gibt nicht das eine Kraut gegen eine Krankheit! Und weiter ist sein Ziel nicht die Vermittlung von Wissen über möglichst viele Kräuter, sondern viel mehr der Versuch, eine neue Sehweise zu vermitteln und die Tür zu öffnen in ein Gebiet, das jeder für sich durch Selbstbeobachtung individuell finden muss.

Die Wiese vor der Kreuzkapelle wird wenige Minuten später zum reich gedeckten Tisch. Gänseblümchen? "Probieren Sie ruhig", ermuntert der Kenner. Er registriert das Zögern bei einigen. "Haben Sie Angst? Vor Hunden? Vor Schuhen, die über die Wiese laufen? Vor der Natur sollte man keine Angst haben. Angst vor der Natur ist Angst vorm Leben! Nehmen Sie sich ein Beispiel an Kindern mit ihrer Unvoreingenommenheit."

Nicht jeder hat Lust auf Gänseblümchen, aber alle, die das Experiment wagen, bestätigen, dass sie gut schmecken. Engelhardts Vorschlag, den wie gewohnt zubereiteten Salat mit erst wenigen Gänseblümchen zu ergänzen und dann langsam den Anteil zu steigern, erntet Kopfnicken. Ähnlich das Prozedere beim mittleren Wegerich, dessen Blätter und Blüten gewebestärkend und entzündungshemmend wirken. Hier werden auch die äußerlichen Anwendungen erklärt. Der vorsichtig ausgedrückte Pflanzensaft beruhigt Insektenstiche, hilft bei mancherlei Hautirritationen und ist sogar als Nothelfer für Wanderer da, die sich eine Blase erlaufen haben. Einfach auf die befallene Stelle träufeln.

"Jede Rosensorte schmeckt anders"

Vorkoster wird Stephan Engelhardt auch beim Klee, dann bei den Holunderblüten (hmm!) und mit verzücktem Gesicht bei den Blüten der Heckenrose (Dessert). Jede Rosensorte schmeckt anders, meint er. Dann die Taubnessel, die Wicke. Langsam kommen Kommentare wie "Das schmeckt aber nussig."

Es gibt eine Anziehungskraft zwischen Mensch und Pflanze, es gibt Lockmittel wie Duft oder Farbe, es gibt Sympathie. Niemand widerspricht. Jeder, der eine Pflanze versorgt, um ihr Leben zu erhalten, entwickelt eine bestimmte Beziehung zu ihr.

Beim Löwenzahn regt sich angelernter Protest: Die ist doch giftig. Nein, das ist ein Fehlurteil. Die Blüten eignen sich gut zum Verzehr, und auch die weiße Milch ist nicht giftig. "Wie kann denn der ungeübte Kräutersammler Giftiges vermeiden?", fragt ein Teilnehmer. Die Antwort ist simpel: "Am besten sollte man zuerst nur die Pflanzen essen, die man kennt. Das Wissen erweitert sich von selbst, wenn man in diese Ernährung einsteigt. Gewarnt werden muss allerdings davor, zu schnell zu viele Wildkräuter zu verzehren, wenn der Körper nicht daran gewöhnt ist. Das bewirkt nämlich eine zu schnelle Entgiftung des Körpers, und das kann schmerzhaft sein, wie man von jedem Entzug weiß."

Die nächste Frage führt zu einer ausführlichen Antwort: "Wenn Sie sich nur von Wildkräutern ernähren, wie viele brauchen Sie am Tag?" Stephan Engelhardt hat einen Korb mit einem Klappdeckel dabei. Er nimmt eine Mahlzeit am Tag zu sich, die besteht aus einem voll gesammelten Korb plus Obst. Gesammelt wird, wenn die Pflanzen die Kraft der Sonne und des Lichts schon aufgenommen haben. Man nimmt Leben zu sich. Entsprechend wird "liebevoll" gesammelt, nicht durch grobes Herausrupfen, sondern durch Abkappen der Spitze. So entwickeln sich Doppeltriebe, so dass der Natur nichts entnommen wird. Die Kräuter halten sich im Schatten auf einem feuchten Tuch locker gelagert sogar über mehrere Tage frisch, wenn man sie täglich fein besprüht.

Mit diesem Grundwissen ausgestattet, tritt die Gruppe den kurzen Weg zum Ausgangspunkt an, aber dann gibt es doch noch einen Halt bei der Brennnessel. Von deren Heilwirkung hat jeder schon gehört, aber wie soll man sie pflücken, ohne fürchterlich gebrannt zu werden? Stephan Engelhardt macht es vor. Am Stiel und an den Blattunterseiten wachsen keine Nesselhaare. Also packt man sie am Stiel und streicht langsam von unten nach oben, so dass die Blätter sanft gedrückt werden. Dabei verlieren sie ihre Brennkraft.

Beim Abschied wünscht sich der Wildkräuterkenner, dass der eine oder andere langsam umsetzt, was er gelernt hat, und einen anderen Blick auf seine Umwelt gewinnt.

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