Ein Schulkind arbeitet mit einem Buch und einem Tablet von zuhause.
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Bad Cambergerin fordert, dass Kinder als Corona-Zweitkontakt weiter in die Schule gehen dürfen. (Symbolbild)

Corona-Petition gestartet

Bad Cambergerin will Familien mit Schulkindern entlasten

  • vonPetra Hackert
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Kinder unter zwölf Jahren haben in Hessen schon als Corona-Zweitkontakt ein Schulverbot. Eine 41-jährige Alleinerziehende mit drei Kindern hat daher ein Petitionsverfahren gestartet, um das Gesetz zu ändern.

Limburg-Weilburg - Kevy Ellen Erlach und ihre Kinder sind genervt. Schon wieder alle daheim, es fühlt sich an wie Quarantäne, wenn es auch nur teilweise eine ist. Der Hintergrund: Im Gegensatz zu anderen Bundesländern hat das Land Hessen Schulverbote für Zweitkontakte unter zwölf Jahren eingeführt.

Corona: Kinder mit Kontakt zu Infizieren haben Schulverbot

Das bedeutet, dass diese Kinder jedes Mal, wenn ein Erwachsener oder Jugendlicher innerhalb der Familie einen Erstkontakt hatte, zwei Wochen nicht in die Schule gehen dürfen. Dabei geht es nicht nur um zwei Wochen, macht die 41-jährige Bad Cambergerin deutlich.

In ihrem konkreten Fall: Sie hat drei Kinder, sieben, zehn und 13 Jahre alt. Ihr Ältester hatte Kontakt zu einem Corona-positiv getesteten Lehrer. Das bedeutet, er muss zu Hause bleiben. Aber auch die beiden jüngeren Kinder haben Schulverbot. Das Homeschooling bei drei relativ kleinen Kindern fordert die Diplom-Sozialwissenschaftlerin, die außerdem noch halbtags arbeitet. Sie ist alleinerziehend. Zum Glück darf sie Homeoffice machen.

Corona in der Schule: Quarantäne wegen positiv getestetem Erstklässler

Das zweiwöchige Schulverbot endet heute (Montag). Ihre jüngste Tochter (7) dürfte dann wieder in die Grundschule gehen. Nur: Die Atzelschule war Corona-bedingt bis zum Wochenende ganz geschlossen. In der ersten Klasse, die ihre Tochter besucht, gab es außerdem ein positiv getestetes Kind. Deshalb stand schon letzte Woche fest: Die 1 c ist, unabhängig davon, ob die Schule am heutigen Montag wieder öffnet, für weitere zwei Wochen in Quarantäne. Sprich: Ihre Siebenjährige dürfte zwar zur Schule gehen, hätte aber keine Klasse mehr.

Wir hatten das alles schon einmal im März.

Kevy Ellen Erlach

Hier potenziert sich gerade einiges. Für ihre Familie schlimm: "Wir hatten das alles schon einmal im März bis zu den Sommerferien. Mitte Mai sind die Alleinerziehenden zum Glück systemrelevant geworden. Bis dahin war ich zwei Monate alleine mit den Kindern." Ihr Mittlerer kennt kaum einen normalen Unterricht. "In der ersten Klasse war er ein halbes Jahr gar nicht in der Schule, jetzt, in der zweiten, geht es mit Unterbrechungen weiter."

Schulverbot wegen Corona: Verdummen die Kinder?

Die Sozialwissenschaftlerin meint: „Ich habe das Gefühl, dass unsere Kinder in der Situation, wie sie gerade ist, verdummen.“ Sie gebe sich Mühe, unterrichte daheim mit, gehe mit den Kindern nach draußen, aber arbeite eben auch noch. „Ich kann mir vorstellen, dass es für viele am einfachsten ist, die Kinder vor den Fernseher zu setzen.“

Das beschäftige, sei aber keine Lösung. Gestern fand ihre Jüngste die Situation toll. "Ich darf zu Hause spielen", freute sie sich. Ihr zehn Jahre alter Bruder vermisst seine Schulkameraden. "Ich mag Homeschooling nicht", stellt er fest. "Wir können nicht so gut unterrichten wie die Lehrer", bestätigt seine Mutter. Ihre kleine Tochter habe völlig verlernt, wie man das "A" und das "S" schreibt. Das sollte sie eigentlich schon können. Jetzt wird es halt wiederholt. Doch was lernt sie insgesamt in dieser Zeit?

Corona-Petition: Kinder als Zweitkontakt sollen weiter die Schule besuchen dürfen

Die ganze Situation sei sowohl für die Kinder als auch für die Eltern unzumutbar, sagt die Bad Cambergerin. Ihr Bruder lebt in Nordrhein-Westfalen. Seine Kinder dürften auch als Zweitkontakt die Schule besuchen - weil dort die Regelung anders ist. Daher hat sie eine Petition beim Hessischen Landtag eingereicht und parallel dazu eine Online-Petition gestartet.

Das Ziel: "Ich hoffe sehr, dass die bisherigen Maßnahmen ganz oder wenigstens für Alleinerziehende entschärft werden." 89 Unterstützer haben bis jetzt die Online-Petition von Kevy Ellen Erlach unterschrieben und das Ganze auch teilweise kommentiert.

Corona-Petition: Weitere Mütter äußern sich zum Thema

Kirsten Metz aus Hünfelden unterstützt das Anliegen, "weil die Maßnahme unverhältnismäßig ist und die Kinder dadurch - je nach Familiengröße und wenn es schlecht läuft - wochenlang die Schule nicht sehen. Distanzunterricht bekommen sie auch nicht. Zugleich sind es jetzt diejenigen, die im Unterschied zu den älteren Jahrgängen weiter ohne Abstand den Unterricht besuchen müssen. Aus meiner Sicht ein Widerspruch in sich".

Sabrina Burbach aus Oberselters ergänzt: "Mein Elfjähriger kann die Regeln ebenso gut umsetzen wie meine Zwölfjährige." Olga Hölzer aus Limburg schreibt: "Meine beiden Kinder sind 13 und elf. Meine Tochter (11 Jahre) war bereits vom Betretungsverbot betroffen. 14 Tage - unzumutbar, und die Schule/Lehrer sind dafür nicht vorbereitet. Das Kind musste sich selbst um die Hausaufgaben kümmern."

Auch Stefanie Breton aus Leun befürwortet die Petition, "weil ich zwei U-12-Kids habe, Alleinerziehende bin und mit dieser Regelung, wenn es schlecht läuft, wochenlang nicht arbeiten gehen könnte".

Das sagen die Behörden

Die gesetzliche Regelung in Hessen unterscheidet sich von der in anderen Bundesländern. Dennoch bestehe ein Schulbesuchsverbot nicht automatisch jedes Mal, wenn ein Kind im Alter unter zwölf Jahren Kontakt zu einer Person hatte, die ihrerseits im Kontakt zu einer infizierten Person stand, erläutert Philipp Bender, stellvertretender Pressesprecher im Hessischen Kultusministerium. Es wird juristisch:

"Nach § 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 Alt. 1 der Zweiten Verordnung zur Bekämpfung des Coronavirus (2. CoV) dürfen Schülerinnen und Schüler im Alter unter zwölf Jahren nur dann nicht den Unterricht und andere reguläre schulische Veranstaltungen in Präsenzform besuchen, wenn Angehörige des gleichen Hausstandes einer individuell angeordneten Absonderung nach § 30 des Infektionsschutzgesetzes aufgrund einer möglichen Infektion mit SARS-CoV-2 unterliegen."

Zum bloßen Kontakt der oder des anderen Hausstandsangehörigen mit einer infizierten Person müsse also hinzukommen, dass das Gesundheitsamt aus diesem Kontakt den Schluss gezogen hat, der oder die Hausstandsangehörige habe sich bei diesem Kontakt infiziert, und deshalb ihre oder seine Absonderung im Einzelfall angeordnet hat.

"Da das Gesundheitsamt zur Feststellung des Verdachts einer Infektion mit Covid-19 zunächst den Sachverhalt, dass es einen ,Erstkontakt' im wörtlichen Sinne gab, auf die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung des Virus hin einschätzen muss und im Fall der Covid-19-Infektion Ermessen hinsichtlich der Anordnung der Absonderung eingeräumt ist, besteht hier kein Automatismus", so das Kultusministerium.

Im Rahmen der Ermessensausübung werde das Gesundheitsamt auch die Umstände des Einzelfalls so zu berücksichtigen haben, dass die Rechtsfolgen für den unmittelbar betroffenen Hausstandsangehörigen sowie für Schulkinder, die im Haushalt leben, zumutbar bleiben.

Das Hessische Sozialministerium wiederum nennt bestehende Strukturen, um in Notlagen zu helfen: Die Betroffenen würden nicht allein gelassen. Im Krankheitsfall sei die Krankenkasse der richtige Ansprechpartner, auch die örtlichen Jugend- und Sozialämter unterstützten. Die Pandemie beende bei Alleinerziehenden auch nicht das Umgangsrecht des Ehepartners, der helfen könne.

Der Landkreis Limburg-Weilburg als Schulträger stellt fest: "Grundsätzlich ist es notwendig, dass sich die Kontaktperson der Kategorie I (also die Person, die tatsächlich Kontakt zu einer infizierten Person hatte) vom Rest der Familie räumlich und häuslich weitgehend isoliert. Dann gibt es für die weiteren Haushaltskontakte eigentlich keine Beschränkungen. Erfahrungsgemäß funktioniert dies bei kleineren Kindern nicht. Deswegen hat der Gesetzgeber diese Regelung getroffen. Wenn die Trennung funktionieren würde, wäre es nicht zwingend notwendig", erklärt der Pressesprecher des Landkreises Jan Kieserg. Falls die haushaltsführende Person erkrankt und niemand im Haushalt die Funktion übernehmen könne, bestehe die Möglichkeit einer Haushaltshilfe, die über die Krankenkasse finanziert werde.

(Petra Hackert)

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