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Der Bachlauf des Emsbachs fließt gut anderthalb Meter höher, zeigen Henning Heinze (Zick-Hessler), dahinter v. l. Heinz Romanowski, Karsten von Sommerfeld (beide Hessen Mobil), Thorsten Matvijof (Baufirma Schäfer) und Sonja Lecher (Hessen Mobil).

Renaturierung

Bad Camberg: Die Emsbach-Aue bekommt ein völlig anderes Gesicht

  • vonPetra Hackert
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890 000 Euro fließen in die Renaturierung des Gewässers zwischen Bad Camberg und Würges

Bad Camberg -Den symbolischen ersten Spatenstich zur Bad Camberger B-8-Umgehung wird es in diesem Jahr nicht geben - pandemiebedingt. Dennoch plant Hessen Mobil den Baubeginn. "Nach derzeitigem Sachstand beginnen die Arbeiten voraussichtlich im Dezember an der Brücke über die Landesstraße 3030 bei Erbach", erläutert Sonja Lecher, Sprecherin der Behörde. In vollem Gange ist eine andere Baumaßnahme, die mit der Umgehungsstraße zu tun hat: Die Renaturierung des Emsbachs zwischen der Kernstadt und Würges. Das ist die größte Ausgleichsmaßnahme für die knapp sieben Kilometer lange Umgehung. Der Natur wird etwas zurückgegeben, wenn an anderer Stelle Flächen versiegelt werden.

Ein Kilometer Bach, 15 000 Kubikmeter Erde

Der Abschnitt des Bachlaufs zwischen den beiden Stadtteilen ist etwa ein Kilometer lang. Rund 15 000 Kubikmeter Erde werden bewegt, eine Baustraße von 5500 Metern ist errichtet, 890 000 Euro werden investiert, nennt Sonja Lecher die nackten Zahlen. Schon von weitem sehen Passanten die orangeroten Absperrungen, die Baustelle und Wege kennzeichnen. Drei bis sechs Personen sind je nach Bauphase im Einsatz, teils mit schwerem Gerät.

Feuchtes Stroh und dicke Steinbrocken liegen an einer Stelle seitlich des Bachlaufs. Das Stroh diente als Filtersperre während der Bauzeit, um die Gewässereintrübungen zu minimieren. Es ist noch mehr verschwunden: Ein altes Wasserkraftwerk, zur Zeit der Hitler-Diktatur vom Reichsarbeitsdienst erbaut, ist dem Erdboden gleich gemacht. Es war nie in Betrieb. Jahrzehntelang diente es Jugendlichen aus Bad Camberg und Würges als Abenteuerspielplatz. An dieser Stelle wird vollständig renaturiert. Stehen bleiben wird das alte Wehr, das näher an Bad Camberg als an Würges liegt. Damit Fische den Emsbach trotzdem ungehindert passieren können, wird das Umgehungsgerinne geschaffen. Gerinne - das hört sich klein an, doch es ist ein großer Eingriff. Das neue Flussbett des Emsbachs wird sich an dieser Stelle teilen. Ein langer Graben in feuchter Erde: So sieht es jetzt aus. Später wird der Bach dort fließen, als sei es nie anders gewesen.

"Ein Teil der Umbauten ist nötig, um den Fischaufstieg zu ermöglichen", erklärt Henning Heinze vom Ingenieurbüro Zick-Hessler in Wettenberg. Staustufen, Wehre - die hindern Forellen, Elritzen, Döbel und Bachschmerlen am Schwimmen. "Aber auch ein dicker Saibling hatte sich hierher verirrt", berichtet Heinz Romanowski, der das Projekt für Hessen Mobil betreut. Dies weiß man, weil alle Fische im Zuge der Baumaßnahme abgefischt wurden und unterhalb des Wehres wieder eingesetzt werden mussten. Außerdem gibt es im Emsbach Signalkrebse, die die früher heimische Krebsart verdrängt haben - dies nicht nur hier.

Ausdrücklich loben Romanowski, Karsten von Sommerfeld (Fachbereichsleiter bei Hessen Mobil) und Thorsten Matvijof (Bauleiter der ausführenden Firma Schäfer aus Weilmünster) die gute Zusammenarbeit, auch mit der Unteren Wasserbehörde, die beim Landkreis angesiedelt ist. Der Austausch mit Michael Kühn funktioniere reibungslos.

Bis zum Jahresende soll alles fertig sein

Das gesamte Projekt umfasst drei Bauabschnitte, die bis zum Jahresende abgeschlossen sein sollen:

Anhebung des Bachbetts,

Rückbau der Eindeichung,

Bau des Umgehungsgerinnes.

Hier gab es erhebliche Höhenunterschiede zu beseitigen. Die Eindeichung war teils bis zu zwei Meter hoch. Der Emsbach hatte sich fast ebenso tief in den Boden eingegraben. Auch deshalb, weil sich die Fließgeschwindigkeit des Gewässers durch die Absperrung rechts und links vergrößert hat. Bei Hochwasser gab es keine Möglichkeit, auszuweichen. Die Wassermassen drückten, das Bachbett sank immer weiter ab. An manchen Stellen musste es gut anderthalb Meter angehoben werden, um auf den jetzigen Stand zu kommen. Es hatte also einmal einen Höhenunterschied von bis zu vier Metern vom obersten Punkt des Deichrands bis zur Sohle gegeben. Die neue Form wirkt nicht nur in Sachen Fischaufstieg. Es geht auch um Hochwasserschutz.

Der Canyon ist verschwunden

Das Wasser kann nun leichter in den angrenzenden Retentionsraum, die Auenflächen, abfließen. "Durch den Verbund von Gewässer und Aue entstehen hochwertige Flächen für den Naturschutz", sagt Heinze. Teilweise ist die Eindeichung auf einer Seite stehen geblieben. Vorher sah es aus wie ein Canyon zwischen Würges und Bad Camberg. Diese Steilwände sollen künftig als Lebensraum für Eisvögel dienen. Beim Baustellenbesuch lässt sich ein Fischreiher blicken. Er ist öfters da, wissen die Experten. "Wir haben bewusst versucht, die Bäume zu erhalten", merkt Henning Heinze zum Bestand an. Dazu gehört eine seltene Ulmenart. Dort, wo der Erhalt der Bäume nicht möglich war, wird ein Teil des Wurzelwerks genutzt und in den Bach gesetzt, um den Fischen Deckungsmöglichkeiten zu geben. Die besonders dicken Steine, die in den unteren Teil der Sole eingebaut werden, sollen verhindern, dass sich der Bach auch künftig wieder eingräbt.

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