Das Kinderoasen-Wiesen-Team stürmt los aufs Tor.
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Das Kinderoasen-Wiesen-Team stürmt los aufs Tor.

Fit bleiben - 200 Jahre Kneipp

Bad Camberg: Im Team ist die Welt in Ordnung

  • Petra Hackert
    VonPetra Hackert
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Die Lebensordnung ist die Säule der Kneipp-Therapie, die am schwersten zu fassen ist

Bad Camberg -Luca ist am Ball. Er rennt, die anderen Jungs folgen ihm, immer weiter auf das Tor zu. Das sieht anders aus als gewohnt. Ein gelber und ein roter Topf stecken umgedreht auf der Wiese. Das ist alles. Dazwischen Jakob. Er trägt als einziger Handschuhe. Sie sind blau und sehen ziemlich groß aus. Der Sechsjährige verfolgt konzentriert den Lauf, beachtet die Richtung und. . . fängt. Keine Chance für Torjäger Luca. Der Torwart hält den sonnengelben Ball in Händen, lässt ihn an der Brust abprallen und kickt ihn zurück ins Spiel. Weiter geht's!

Jetzt ist einer hingefallen. Der Junge schaut vorwurfsvoll zu seinem Nebenmann, reibt das Knie. Doch der andere konnte gar nichts dafür. "Du hast Dich selbst zu Fall gebracht", ruft Jakob, der alles beobachtet hat. Kurzes Überlegen - akzeptiert. Er ist wohl auf der Wiese gestolpert.

Torben, Tom, Luca, Louis, Erik, Jonathan: Sie sind eifrig bei der Sache, und die Zusammensetzung der Teams wechselt im Laufe des Spiels. Einmal stimmt gar nichts mehr. "Hey, ihr habt jetzt fünf Spieler und wir sind nur zwei", greift Jakob sein. So geht's nicht, und gleich wird neu gemischt. Wer das spannende Training auf der Wiese der Kneipp-Kita "Kinderoase" verfolgt, fiebert schnell mit. Durch die Fußball-EM motiviert, wird jetzt noch viel mehr gekickt als vorher. Manche kennen sich richtig gut aus. "Ein Junge hat daheim mit seinem Papa geübt, damit er mitspielen kann", erzählt Kneipp-Erzieherin Antje Martin.

"Den Kindern tut es so gut, wieder zusammen zu sein", bestätigt Kita-Leiterin Irina Kitt. Die Corona-Regeln waren lange Zeit streng. Gruppen durften nicht gemischt werden, weiß-rotes Flatterband markierte auf der Außenfläche die Bereiche. "Manche haben an den Seilen gestanden und so zu den anderen geblickt." So: Irina Kitt hat es automatisch nachgemacht: Hängende Schultern, trauriger Blick. Sie wollten doch zu ihren Freunden. . . Womit wir schon beim Thema Kneipp wären. Der Lebensordnung nämlich. Sie ist eine der fünf Säulen der Lehre, zu der noch Wasser, Bewegung, Ernährung und Kräuterkunde gehören. Das Coronavirus hat die Lebensordnung mächtig durcheinandergewirbelt und neue Regeln gesetzt. Auch das ist eine Ordnung, wenn man sich als Kindergartenkind daran gewöhnt hat, immer nur in einer Gruppe zu bleiben, sogar beim Toilettengang. "Sobald ein Kind aus einer anderen Gruppe da drin war, durften sie nicht mehr rein. Die Kinder haben jetzt noch gefragt, ,darf ich. . .?'", berichtet Irina Kitt.

Kinder brauchen Regeln. Erwachsene übrigens auch. Routinen, die das Leben bestimmen, Dinge, auf die man sich verlassen kann. Manchmal scheinen sie ungerecht, wie zum Beispiel, wenn der Spielplatz in Einzelbereiche unterteilt ist und man sich nur noch von weitem sehen darf.

Seit dem 5. Juli ist das anders. Und: Die Kinder haben das gefeiert wie die großen. Sie haben - wie bei einem Ersten Spatenstich in der Politik, einer Einweihung oder Straßenfreigabe - die Bänder durchgeschnitten. Ganz feierlich. Seitdem wird wieder nach neuen Regeln gespielt. Eigentlich sind das die alten, und man gewöhnt sich blitzschnell dran.

"Sie waren super", sagt Irina Kitt zum Verhalten der Zwei- bis Sechsjährigen in der Coronazeit mit den hohen Inzidenzen. Jetzt sind sie es auch: In der Fußballmannschaft auf der Wiese dürfen alle mitspielen. Ein Mädchen ist deutlich zu winzig für die großen Jungs. Die sind schon fünf und sechs Jahre alt, Vorschulkinder. Die sehr Kleine hält einen blauen Ball hin, mit dem Konterfei der Eiskönigin bedruckt. Er hat auch ziemlich wenig Luft. Plötzlich läuft ein Junge auf sie zu. "Der falsche Ball", merkt er und schwenkt ab. Die Kleine lächelt scheu. Sie wird noch ein wenig üben. Aber eines Tages . . .

Derweil sortiert sich das Kinderoasen-Wiesen-Team neu: Ein Junge stürmt aufs Tor. Und wieder klappt es nicht. "Elfmeter", ruft einer. "Nein, das war ein Freistoß", erklärt Torwart Jakob. Die gelbe Kugel rollt auf Erzieherin Antje Martin zu. Sie schnappt sich den Ball und wirft ihn zurück. "Gelbe Karte", ruft ein Kind. "Da höre ich mich selbst reden", schmunzelt die Erwachsene. Ja, sie hat den Ball angefasst. Das darf nur der Torwart. . .

Bei der Ordnungstherapie geht es um Regeln, und Sebastian Kneipp hat gut erklärt, wie wichtig sie für das eigene Leben und das Zusammensein sind. Sie strukturieren den Alltag, helfen, Missverständnisse zu vermeiden - und damit auch Stress. "Ich konnte den meisten kranken Menschen helfen, als ich Ordnung in ihre Seelen brachte", stellte der Wasserdoktor, der vor 200 Jahren geboren wurde, einmal fest.

Um im Bild zu bleiben: Für die Kita-Kinder hat sich diese Ordnung durch Corona hin- und hergewandelt. Sie haben alte und neue Regeln akzeptiert, konnten gut miteinander umgehen. Das Fallen der Schranken (in diesem Fall das Zerschneiden der Bänder) hat ihren Alltag verbessert, Freiheiten sind hinzugekommen.

Und: Es geht auch um Akzeptanz. Die Kinder zollen den Erzieherinnen automatisch Respekt. Das funktioniert aber auch untereinander, denn sie sind sehr gute Beobachter. Jakob ist ausgesprochen fair. Das gilt nicht nur für das Team, in dem er gerade spielt. Er erklärt allen die Fußballregeln, und die ändern sich nicht. Deshalb blicken alle Augen automatisch zu ihm, sobald es eine Situation gibt, mit der nicht alle zurechtkommen - weil sie noch nicht genug wissen. Das ändert sich, je länger sie spielen, denn der Junge kann sehr gut erklären. Er ist Torwart, Spielertrainer, Lehrer und ein Kind, das einfach nur herzhaft lachen kann, wenn ein guter Spielzug gelingt. Sogar, wenn er dabei ein Tor einfängt. Auch das gehört dazu.

Freunde sind wichtig - Wie man Kinder von Anfang an stärkt

Der Begriff Lebensordnung nach der Kneippschen Lehre, wird oft in einem Satz gut und verständlich zusammen gefasst: "Erst als ich Ordnung in die Seelen der Menschen brachte, hatte ich vollen Erfolg." Das Element Lebensordnung ist das übergeordnete Prinzip der Kneippschen Lehre. Es beinhaltet die harmonische Einheit zwischen Körper, Seele und Geist als entscheidende Voraussetzung für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen.

Wichtig für ein gesundes und glückliches Leben ist eine gute Lebensbalance. Ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen An- und Entspannung ist wichtig und unerlässlich. Dazu gehören Menschen, mit denen man Zeit verbringt und sich dabei wohl fühlt. Auch bei den Kleinsten gehören Freunde und gute Spielpartner zur gesunden Entwicklung dazu. Es geht darum ein sinnerfülltes, zufriedenes Leben im Einklang mit sich und der Natur zu führen.

Kinder benötigen Freiräume, die ihre Entwicklung und ihre Lebensenergie fördern, ihre Selbstwirksamkeit und die Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens erkennen lassen. Verwöhnen Sie ihre Kinder von Anfang an mit Liebe, Nähe und aktiver Zuwendung. Finden Sie gemeinsam mit Ihrem Kind heraus, was es für eine gute Entwicklung benötigt. Es geht bei allem was ein Kind macht, um eigene Erfahrungen. Diese benötigt ihr Kind, um sich gesund und glücklich zu entwickeln. Ein Spiel mit Freunden, Zeit zusammen mit anderen Kindern zu verbringen ist wichtig.

Ohne selbst gemachte Erfahrungen, lernen Kinder nicht eigenständig und können das in ihnen steckende Potenzial nicht voll ausnutzen. Die Ideen des Gegenübers beflügeln das eigene Nachdenken und die Fantasie.

Jakob erklärt in der Kita "Kinderoase", mit wem er am liebsten spielt: "Mit meinem Freund Thorben. Er hat so einen tollen Pool und mit ihm kann ich Lego bauen, er hat tolle Ideen." Jakob (6) sagt noch dazu: "Ein Freund ist man für immer!"

Im Kinderspiel kann echte Teamarbeit ablaufen. Rollen werden verteilt, klare Aufgaben und Absprachen "passieren" einfach unbewusst und sind doch so hilfreich für eine gute und gesunde Entwicklung der Kinder. Alle sehen den Fortschritt und sehen ihre Beteiligung am Ganzen.

Kinder brauchen Kinder, mit denen sie die Welt für sich entdecken können und wachsen können. Ermöglichen Sie Ihrem Kind ein Spiel, frei von Wertungen, es sollte selbstbestimmt und respektvoll sein. Es geht um selbst gemachte Entdeckungen, diese machen klug und stark. Nehmen Sie sich und Ihren Lieben ein bisschen Zeit für Freude am Spielen. Ein Spiel, frei und ohne Ziel, so entsteht eine Zeit der Entspannung mit guten Menschen.

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