Eröffnung der Alten Jüdischen Schule

„Bad Camberg ist meine Heimat“

In einer Feierstunde im Kurhaus Bad Camberg wurde das Bürgerprojekt „Alte Jüdische Schule“ offiziell übergeben.

Von Gertrud Brendgen

Es prickelte förmlich im Kurhaus. Und das nicht nur, weil zu Beginn der Veranstaltung zum Sekt-Empfang geladen war. Eine Mischung aus Spannung, Freude, aber auch Erleichterung war zu spüren. Erleichterung darüber, dass sechs arbeitsreiche Jahre von Erfolg gekrönt wurden. Freude darüber, dass so viele Menschen Anteil daran nahmen. Und natürlich Spannung, wie der große Tag nun seinen Lauf nehmen würde.

Die Liste der prominenten Gäste, die Doris Ammelung vom Verein „Historisches Bad Camberg“ begrüßte, war lang und zeugte vom großen Interesse an dem Bürgerprojekt. Dass darüber hinaus 32 ehemalige Bad Camberger jüdischen Glaubens beziehungsweise deren Nachkommen aus verschiedenen Ländern angereist waren, um an den Feierlichkeiten teilzunehmen, war für die Verantwortlichen eine besondere Wertschätzung der geleisteten Arbeit.

Einige dieser Gäste bereicherten die Veranstaltung mit bewegenden Grußworten. Ruth Akron (93), die einst in Camberg lebte, war aus Israel angereist. Sie sagte: „Bad Camberg ist meine Heimat, Israel mein Zuhause.“ Sylvia Hurst (90) kam aus England. Sie verbrachte als Kind häufig ihre Ferien bei den Großeltern in Bad Camberg und erzählte von ihren Erinnerungen.

Bei allen lobenden Worten, die das Bürgerprojekt im Rahmen der Veranstaltung von prominenter Seite erfuhr, war dies vielleicht die lohnendste Anerkennung für das ehrenamtliche Engagement: „You made our Day (Sie haben uns den Tag versüßt)!“ bedankte sich Doris Ammelung vom Verein Historisches Camberg bei diesen Gästen am Ende sichtlich bewegt.

Kontroverse Debatten

Doch zuvor gab es Rückblicke auf die vergangenen sechs Jahre: Bürgermeister Wolfgang Erk (SPD) beschrieb den „politischen“ Werdegang des Projekts. Er erinnerte an die durchaus kontrovers geführten Debatten im Stadtparlament bis hin zum Beschluss, das Anwesen für 17 500 Euro zu erwerben und dem Verein zu übereignen. Darüber hinaus wurden 170 000 Euro aus dem Etat für die Altstadtsanierung dem Projekt zur Verfügung gestellt, für weitere Mittel musste der Verein selbst sorgen. „Die damals vereinbarten Zahlen wurden eingehalten. Der Verein kümmerte sich um Spenden und leistete selbst etwa 3000 ehrenamtliche Arbeitsstunden“, berichtete Erk. Er dankte dem Verein auch dem Architekten-Team Stephan Dreier, Hermann Birkenfeld und Doris Ammelung für die großartige bauliche Umsetzung. Sein besonderer Dank galt Walter Lottermann, der 2010 verstarb. Er hatte das Projekt damals mit ins Leben gerufen.

Vorbildliche Initiative

Architekt Dreier gab einen spannenden Überblick über die historische Bedeutung des Anwesens in der Hainstraße und die Bauphasen anhand beeindruckender Bilder und Zahlen. Ruth Wagner, Staatsministerin a. D., machte in ihrer Rede deutlich, wie wichtig das Erinnern ist und lobte die Initiative der Bürgerschaft als vorbildlich.

Danach war die Reihe an den Gästen jüdischen Glaubens, ihre Grüße und Dankbarkeit, aber auch Ermahnungen gegen das Vergessen in Worten oder Musik, wie der Jazz-Pianist Ted Rosenthal, auszudrücken. Angereist waren sie aus den USA, Israel, der Schweiz, Brüssel und England.

Für Betroffenheit sorgte die darauf folgende Ansprache von Phillipe Pierret, dem Direktor des jüdischen Museums Brüssel. Er berichtete von dem Attentat in Brüssel: Ein Mann hatte am Samstag im Museum um sich geschossen und dabei zwei jüdische Besucher aus Tel Aviv, einen belgischen Besucher und eine Mitarbeiterin getötet. In einer Schweigeminute gedachte man der Opfer.

Grußworte der Vereine und einen Geldumschlag überbrachte Roman Pflüger. Musikalisch aufs Feinste umrahmt wurde der Festakt vom Cellisten Christopher Herrmann. Danach bot sich die Gelegenheit, die Alte Jüdische Schule zu besichtigen. Wobei Doris Ammelung darauf aufmerksam gemacht hatte, dass die „Alte Jüdische Schule nicht als Gedenkstätte verstanden werden soll, sondern vielmehr als Dokumentationszentrum, das die in weiten Bereichen verlorene Stadtbefestigung virtuell auferstehen lassen und das Wissen um die von den Nationalsozialisten zerstörte jüdische Gemeinde Cambergs aufrecht erhalten soll“.

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