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Bad Camberg: Warum man bei der Post Brot gekauft hat

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Circa 100 Menschen, von jung bis alt, nahmen am Ortsrundgang durch Oberselters teil.
Circa 100 Menschen, von jung bis alt, nahmen am Ortsrundgang durch Oberselters teil. © Raphael Stahl

Ortsrundgang im Rahmen des 1250. Dorfjubiläums

Oberselters -"Wej schie, des ihr all do seid". So begann Hilde Weil unter Applaus die Übersetzung der Begrüßung von Ortsvorsteher Ottmar Stahl zum Oberselterser Ortsrundgang "Obernselderscher un Auswärtische". Von Kindern bis Senioren waren circa 100 Menschen zum Ortsrundgang "Oberselters gestern und heute" gekommen.

Nach dem Start am Bürgerhaus gab es unterwegs kurze Informationen zur Hammermühle und dem Hammersteg. Am Mineralbrunnen erzählte Josef "Jupp" Zimmermann über die Geschichte des Brunnens, dessen Bedeutung für Oberselters und von seiner eigenen Zeit dort von der Lehre bis zum Geschäftsführer. Die Zusammenfassung in Mundart: "Do kunnt ihr seje, des aus dem Lierboub noch wos worn es", erfreute sowohl das Publikum wie auch den Vortragenden.

Weiter ging es durch die Brunnenstraße. Bernd Reifert, Sohn des ehemaligen Gastwirtes Peter Reifert, berichtete über die Veränderungen der Metzgerei und Gastwirtschaft im Laufe der Jahrzehnte. In der Ortsmitte erfuhren die Teilnehmenden von den drei Gaststätten, die es um 1900 dort gab. Auch zur alten Schule und der Bürgermeisterei sowie zu mehreren Geschäften gab es Informationen. So zur Kolonialwaren- und Kohlenhandlung", wo es seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die 1950er Jahre Kohlen und Lebensmittel zu kaufen gab.

Dass früher schon Vorschulkinder mit Einkaufszettel und Portemonnaie ins Dorf zum Einkaufen geschickt wurden, verwunderte die Kinder, die mit dabei waren. Sie antworteten nur mit Schulterzucken auf die Frage wohin sie denn alleine einkaufen gehen könnten. Ein Highlight waren die Erinnerungen an die "Schnuggeltüten" mit einzelnen Bonbons und anderen Süßigkeiten, die die Kinder für Pfennigbeträge ihres Taschengeldes dort selbst zusammenstellen konnten. Als 2015 der letzte Inhaber, "Schousterpetersch" Walter, verstarb, schloss damit das letzte Lebensmittelgeschäft in Oberselters.

Überhaupt erfuhren die Kinder noch andere, interessante Sachen. So zum Beispiel staunten Sie darüber, dass es in der alten Schule für alle Kinder nur drei Klassen gab: das erste und zweite Schuljahr, das dritte und vierte Schuljahr und in der dritten Klasse das fünfte bis achte Schuljahr.

Auf dem Fußgängersteg ging es über die Bahngleise. Er ersetzt seit Beginn der 1960er Jahre einen der beiden Bahnübergänge, die es im Ort gab. In der Johannes-Luth-Straße erfuhr man von der "Plattfußfabrik", der Firma "Arcophor". Sie stellte von 1968 bis zum Beginn der 1990er Jahre Schuheinlagen her. Auch eine weitere Gaststätte, "De Kall", die es hier von 1956 bis zum Beginn der 1970er Jahre gab, wurde gewürdigt.

In der Ahornstraße gab es eine Metzgerei. Später gab es dort ein "Quelle"-Geschäft in dem man Bestellungen abgeben und abholen konnte. Dazu die Frage eines Kindes: "Was ist Quelle? Wir bestellen bei Amazon".

Im Quellenweg gibt es einige schön erhaltenen Häuser. Ein Haus war jedoch nicht mehr wiederzuerkennen: ein ehemals reich mit Stuck verziertes Haus, in dem von 1957 bis 1977 das Oberselterser Postamt untergebracht war.

Am Ort der ehemaligen Dreschhalle erzählte Heinz Josef Schaaf in "Obernselderscher Platt" über die Aktivitäten seines Vaters, der zunächst in den 1950er Jahren eine Dreschmaschine anschaffte und am südöstlichen Ortsrand eine Lohndrescherei betrieb. Als dieses nicht mehr rentierte, begründete er in den 1970er Jahren die mittlerweile international tätige Firma "Schaaf Technologie GmbH".

Im weiteren Verlauf erfuhren die Teilnehmenden noch Wissenswertes über die sechs großen Bauernhöfe, die Mitte der 1960er Jahre aus dem Ortskern in die Feldgemarkungen aussiedelten. Im "Schmandviertel", wo es früher ertragreiche Bauernhöfe gab, erzählte Constantin Stahl von dem Oberselterser Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg neben der Emsbachbrücke. Er ist heute in Teilen noch in der darüber erbauten Halle erhalten. An der Emsbachbrücke endete nach gut zwei Stunden der Ortsrundgang. Hier klärte sich auch die Frage, warum man auf die Post Brot kaufen ging. Die erste "Posthülfsstelle" mit Fernsprecher war dort bei der Bäckersfamilie Stahl Ende des 19. Jahrhunderts eingerichtet worden.

Ansonsten waren unterwegs noch manche Anekdoten zu hören. Die Initiatoren beendeten hier unter Applaus den Rundgang. Bernd Weil empfahl das neue Buch "Oberselters gestern und heute", das mit vielen Fotos von einst und jetzt die Veränderungen in Oberselters zeigt. Dieses Buch des Oberselterser Verschönerungsvereins ist beim Brunnenfest am 21. August erhältlich. Im Saal des Bürgerhauses gibt es dann auch eine Ausstellung dazu.

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