1. Startseite
  2. Region
  3. Limburg-Weilburg
  4. Bad Camberg

Bad Camberg: Wasser - wichtigstes Lebensmittel

Erstellt:

Von: Petra Hackert

Kommentare

Die NNP öffnet Türen: Führung durch den Trinkwasserbehälter Kreuzkapelle der Stadt Bad Camberg mit der Leiterin der Stadtwerke Sonja Seelbach (vorne links am Geländer).
Die NNP öffnet Türen: Führung durch den Trinkwasserbehälter Kreuzkapelle der Stadt Bad Camberg mit der Leiterin der Stadtwerke Sonja Seelbach (vorne links am Geländer). © Petra Hackert

Besucher der NNP-Sommertour lernen im Hochbehälter Kreuzkapelle einiges über das kühle Nass

Bad Camberg -Der Blick durch das Bullauge zeigt einen Raum mit vier Säulen. Licht fällt hinein. Es sieht aus wie eine leere Halle. Ein Bullauge weiter ist der Eindruck schon anders. Die Treppe und das Geländer dahinter wirken optisch irgendwie dicker. Jetzt fällt es auf: Alle Augen blicken direkt in den Wasserspeicher der Stadt Bad Camberg. Der Raum ist also proppenvoll - nicht mit Luft, sondern Trinkwasser.

Die Bullaugen bleiben natürlich verschlossen, doch die Nassauische Neue Presse hat bei ihrer Sommertour eine andere Tür geöffnet, die sonst verschlossen bleibt: Die zum Trinkwasserspeicher Kreuzkapelle. Die Leiterin der Stadtwerke Sonja Seelbach macht es möglich.

Wasser - gerade ist das kühle Nass in aller Munde. Weil es im sehr trockenen Sommer 2022 viel zu wenig davon gibt, weil Bad Camberg ein Kneipp-Heilbad ist, und weil die Teilnehmer dieser Führung sich auch für so spezielle Fragen wie die Auswirkungen des Klimawandels und die jetzige Situation interessieren. Sonja Seelbach berichtet: Acht Brunnen und drei Schürfungen versorgen rund 15 000 Einwohner mit Wasser. "Wir sind komplett Selbstversorger", sagt sie. Bad Camberg ist autark. Auf überörtliche Wasserzufuhr kann die zweitgrößte Stadt im Kreis Limburg-Weilburg verzichten. Zwischen 720 000 und 840 000 Kubikmeter Wasser werden im Jahr gefördert.

Der Hochbehälter Kreuzkapelle wurde 2007 nach 1,5 Jahren Bauzeit fertiggestellt. Die Kosten: 1,27 Millionen Euro. Sein Fassungsvermögen von 1930 Kubikmetern würde ausreichen, um die angeschlossenen Stadtteile drei Tage mit Wasser zu versorgen, sollte alles andere ausfallen. Er bespeist Bad Camberg, zum Teil Erbach, außerdem Schwickershausen und Dombach. Das Wasser des Behälters unterstützt die Versorgung in Oberselters. Würges wird nicht von hier aus beliefert.

7000 Kubikmeter Trinkwasser

Doch wie gelangt das Wasser in den Hochbehälter? Insgesamt verfügt die Stadt Bad Camberg über sechs Trinkwasserhochbehälter mit einem Volumen von knapp 7000 Kubikmetern, sagt Seelbach. Unterwasserpumpen bringen das Rohwasser aus den Tiefbrunnen in drei Aufbereitungsanlagen. Dort wird es von Belastungen gereinigt. Eisen und Mangan werden entfernt, Aktivkohlefilter absorbieren Pflanzenbehandlungs- und Schädlingsbekämpfungsmittel. Nach der Aufbereitung gelangt es in die Trinkwasserspeicher und von dort über etwa 110 Kilometer Leitungs- und Transportnetze zu den jeweiligen Haushalten.

Im Notfall schnell reagieren

Die Stadtwerke müssen schnell reagieren, wenn Not am Mann ist. "Die gesamte Überwachungstechnik ist auf dem neusten Stand", sagt Sonja Seelbach und vergleicht: "Eine Straße kann man sperren, wenn etwas ist." Beim Wasser müsse viel schneller reagiert und informiert werden.

Heiner Etzold war seinerzeit Mitglied der Betriebskommission Wasserwerke und erinnert sich genau an den Bau des Trinkwasserspeichers Kreuzkapelle. Zum Besuchstermin hat er sogar Pläne mitgebracht, mit denen er Sonja Seelbachs Informationen ergänzen kann.

Ursula Günther weiß, wie es war, als der Behälter 2007 fertiggestellt und Dombach angeschlossen wurde. Die Bewohner des kleinsten Bad Camberger Stadtteils mussten damals auf das Wasser ihres eigenen Brunnens verzichten. Ungern, denn es war viel weicher. "Aber dafür war es stärker mit Mangan und Eisen belastet", sagt Sonja Seelbach. Winfried Beh aus Staffel ist mit dem Rad zum Hochbehälter gefahren. "Mein Beitrag zum Klimaschutz", schmunzelt er. Und genau das sind die Fragen, die ihn interessieren. Im gefällt, dass die Kurstadt Wasser-autark ist. Er fragt aber auch: "Trinken Sie Krane-Wasser?" Jetzt muss Sonja Seelbach lachen. Denn tatsächlich: "Jeden Morgen fülle ich mir das Wasser aus dem Hahn in eine Glasflasche." Sie trinkt es gern, denn sie weiß: Trinkwasser wird bestens kontrolliert. Noch stärker als es die Mineral- und Tafelwasserverordnung vorsieht. Gleich beantwortet sie die weiteren Fragen aus der Runde: "Nein, Antibiotika wurden unseren Brunnen noch nicht nachgewiesen. Ja, Bad Cambergs zentrales Wasserwerk in der Herrnau in Erbach wurde mit einem Aktivkohlefilter versehen, weil in den 90er Jahren in einem Brunnen Bromacil gefunden wurde. Das hatte die Deutsche Bahn AG jahrzehntelang auf ihren Gleisbetten eingesetzt." Und: Es gebe regelmäßige Gespräche und Schulungen mit den heimischen Landwirten. Denen zollt sie ein dickes Lob: Der Slogan "weniger ist mehr" sei beim Düngen eine Prämisse. Es werde viel gezielter gearbeitet als in früheren Jahren. Erfahrungen, die sich durchsetzen.

"Mir war gar nicht bewusst, was alles dahintersteckt", stellt Beate Laubach aus Bad Camberg fest. "Man dreht den Hahn auf, und das Wasser kommt." Dass es stets in dieser Qualität direkt nach Hause kommt ist nicht selbstverständlich, ist den Zuhörern bewusst geworden. Sonja Seelbach steuert noch ein paar Zahlen bei. "1000 Liter Trinkwasser kosten lächerliche 1,99 Euro. Rechnen Sie das einmal um, wenn Sie sich einen Kasten Mineralwasser kaufen." Ihre Einschätzung: "Wir investieren sehr viel Geld in unser Trinkwasser und die Qualität. Aber es wird nicht wertgeschätzt."

Der Konzertsaal, den es nicht gibt

Übrigens: Der Raum voller Wasser, den alle durch die Bullaugen betrachten konnten, wird natürlich auch regelmäßig gereinigt. Wenn er nur noch mit Luft gefüllt ist, gibt es dort eine herrliche Akustik, sagt Sonja Seelbach. Das wäre der richtige Ort für ein Konzert. Allerdings: Hier ist das Gesundheitsamt mit im Boot. Man müsste tatsächlich den Hochwasserbehälter abschalten, ihn zum Konzertsaal umfunktionieren und anschließend aufwendige Genehmigungsverfahren starten, um ihn wieder seinem ursprünglichen Zweck zuzuführen. Vor einem ohnehin anstehenden Reinigungszyklus mal schnell ein Konzert - das gehe also leider nicht.

Auch interessant

Kommentare