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Bad Camberg: Zuhören, spielen und viel Trost spenden

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Spielerisch Deutsch lernen - beim zweiwöchentlichen Treff im Erbacher Pfarrsaal geht es auch darum, alltägliche Kommunikationsbarrieren zu überwinden.
Spielerisch Deutsch lernen - beim zweiwöchentlichen Treff im Erbacher Pfarrsaal geht es auch darum, alltägliche Kommunikationsbarrieren zu überwinden. © Christian Müller

Willkommenskreis der Kirchen umsorgt ukrainische Flüchtlinge

Erbach -Rund 150 ukrainische Flüchtlinge leben derzeit in Bad Camberg, viele davon sind in Erbach untergekommen. Alle zwei Wochen treffen sie sich zum gemeinsamen Austausch beim Willkommenskreis der christlichen Kirchen im Erbacher Pfarrsaal. Dabei können die Mütter etwas abschalten, die Kinder vor der Kirche spielen und toben - eine willkommene Abwechslung von den Strapazen des Krieges in ihrem Heimatland.

"Im Durchschnitt kommen 12 bis 14 Leute hier zu unserem Treffen hier in den Erbacher Pfarrsaal. Manchmal auch mehr - je nachdem wie viele Kinder Lust haben, zum Spielen vorbeizukommen", erklärt Dr. Mathilde Plancher, die zusammen mit Helena Heun, Mathilde Stickel und anderen Ehrenamtlichen aus der Helfergruppe des Ortsausschusses der Pfarrgemeinde den Willkommenskreis im Erbacher Pfarrheim organisiert.

"Ich bin sehr glücklich, dass die beiden großen christlichen Kirchen dieses Projekt ins Leben gerufen haben", so die pensionierte Pädagogin und ergänzt, dass die Aktion nun seit Mitte April läuft.

"Viele Mütter weinen"

Während zehn Kinder durch den Pfarrsaal toben, sitzt Oksana Chumak an einem der vielen Tische und versucht mal wieder zu vermitteln. Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine hat sie viel zu tun. Sie übersetzt am Telefon, wenn die Geflüchteten bei Behördengängen oder an der Supermarktkasse nicht mehr weiterwissen. Häufig sind es alltägliche Probleme, meistens eher typisch deutsche: "Der ganze Papierkram ist für viele Ukrainer ein großes Stück Arbeit. Deutsche Bürokratie ist furchtbar."

Sie hat häufig den Eindruck, dass die Verwaltung, besonders auf kommunaler Ebene, überfordert sei. Allerdings gibt ihr das große Engagement vieler Menschen auch Hoffnung. "Alle Geflüchteten bekommen am Wochenende Deutschkurse. Wir organisieren aber auch Kleidung, Handys und Wohnungseinrichtungen." Die Menschen kommen aus allen Ecken der Ukraine, manche haben als Zweitsprache Polnisch, andere Russisch. Die überwiegende Anzahl sind Frauen und Kinder. "Die Männer müssen kämpfen oder auf den Feldern die Ernte einbringen. Es geht eben nicht anders", erklärt Oksana, als erneut ihr Handy klingelt. Während vor dem Pfarrsaal das Spiel der Kinder immer mal wieder herüberschallt, ist es an den Elterntischen wesentlich stiller. Einige probieren spielerisch mit Memorykarten, auf denen Alltagsgegenstände abgebildet sind, Deutsch zu lernen.

Die anderen sprechen gedämpft miteinander. Es sind zunächst flüchtige Gespräche, doch ab und zu dringen die Erlebnisse des Krieges wieder an die Oberfläche: "Ich kann mich genau erinnern: Es war früh morgens, kurz nach fünf Uhr, als die ersten Raketen am Flughafen in Kiew einschlugen. Das war ein ohrenbetäubender Lärm", erzählt Andriy (Name geändert, Anmerkung d. Redaktion). Vom Balkon aus habe er die hohen Rauchschwaden sehen können, so der Ukrainer.

Am Nachbartisch kommen Sofija (Name geändert, Anmerkung d. Redaktion) die Tränen, als sie von ihrem Mann erzählt, der im ukrainischen Grenzschutz in der Nähe von Mariupol eingesetzt werde und zu dem sie seit geraumer Zeit keinen Kontakt mehr habe: "Es ist wirklich schlimm. Alle Mütter weinen." Spontan nimmt sie eine Helferin vom Willkommenskreis in den Arm, als ihr die Tränen kommen. Auch das merkt man bei den Treffen: Es geht nicht nur um zuhören und organisieren, sondern auch um viel Trost spenden. christian müller

Das nächste Treffen

Der nächste Willkommenskreis wird am Mittwoch, 3. August, von 15 Uhr an im Erbacher Pfarrsaal veranstaltet.

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