Langanhaltender Applaus für Heinrich Thuy rechts oben auf der Orgelempore.
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Langanhaltender Applaus für Heinrich Thuy rechts oben auf der Orgelempore.

Fulminantes Finale

Bad Camberg: Zum Abschluss zieht er alle Register

Heinrich Thuy spielt letzte Weihnachtsandacht als Organist und erhält Landes-Ehrung

Bad Camberg -Die Überraschung war geglückt: Kurz vor dem letzten Stück, das Heinrich Thuy bei der Weihnachtsandacht an der Orgel spielen wollte, musste er von der zweiten Empore nach unten in den Altarraum kommen. In Vertretung der Hessischen Ministerin für Wissenschaft und Kunst Angela Dorn, verlieh ihm Staatssekretärin Ayse Asar (Bündnis 90/Die Grünen) die Ehrenurkunde für Kunst und Kultur. Er wurde für sein musikalisches Lebenswerk ausgezeichnet.

Wer Heinrich Thuy kennt, weiß, dass er mit offiziellen Belobigungen noch nie so recht etwas anfangen konnte. Und so stellte er schmunzelnd, fast reinrufend die Frage, wer sich das denn ausgedacht habe?

In der Begründung für die besondere Ehrung heißt es unter anderem: Herrn Thuy gelingt es durch seine unkonventionelle und gleichermaßen kompetente Art, Laien musikalisches Verständnis zu vermitteln, wie es seines Gleichen sucht. Er zeigte in den letzten Jahrzehnten einen unermüdlichen Einsatz nicht nur in Bad Camberg und Idstein, sondern auch überregional bis ins benachbarte Ausland.

Donnernder Applaus für seinen Einsatz

Prof. Rosalinde Haas, Thuys ehemalige Mentorin und Orgellehrerin, sagt: "Herr Thuy ist das Symbol für einen Kulturschaffenden. Er ist hochbegabt und volksnah und versteht es, große Musik in ein ,kleines' Umfeld zu bringen." Die anwesenden Gottesdienstbesucher - leider nur ein Bruchteil dessen, was die Pfarrkirche St. Peter und Paul sonst an Menschen fassen kann - trugen Heinrich Thuy unter donnerndem Applaus wieder zu seiner Orgel auf die zweite Empore.

Doch zurück zum Anfang der Andacht: Das Vokalensemble ARTonal hatte sich mit seinem Dirigenten Dr. Alexander Schmidt entschieden, nicht live zu singen. Die aktuellen Corona-Regeln lassen nur kleine Gruppen weniger Einzelstimmen in Gottesdiensten zu. Daher, im Sinne des Infektionsschutzes, wurden die weihnachtlichen A-cappella Stücke aufgezeichnet und über eine Leinwand und Lautsprecher den Gottesdienstbesuchern gezeigt. Die richtige Entscheidung in dieser Zeit. Auch wenn Gesang in einem Kirchenraum mit diesen besonderen Eigenschaften, die St. Peter und Paul bietet, noch mal schöner klingt. Der Chor hatte es dennoch geschafft, auch wenn ein völlig anderes Programm geplant war - Corona wirbelte seinen kontinuierlichen Probenbetrieb komplett durcheinander -, die Menschen in eine weihnachtliche Stimmung zu versetzen und die Sorgen, die jeden umtreiben, für einige Zeit in den Hintergrund zu drängen.

Pfarrer Wichmann las zwei moderne Weihnachtsgeschichten, die zum Nachdenken aber auch zum Schmunzeln anregten, vor.

Alexander Schmidt, der ab Januar die musikalische Leitung des Kirchenchores St. Peter und Paul von Heinrich Thuy übernehmen wird, zeigte einmal mehr, dass er und sein Chor ARTonal bekannte Weihnachtsliteratur, neu und hochpräzise interpretieren können. Ein Genuss waren das Stück Carol of the bells, ein ukrainisches Weihnachtslied von Mykola Leontovych, aber auch Jesus Child des zeitgenössischen Komponisten John Rutter.

Ein großes Abschlusskonzert, persönliche Kontakte, Händeschütteln und Umarmungen zum Abschied - all das scheint zurzeit in weiter Ferne zu liegen. Umso schöner, dass kleine Möglichkeiten geschaffen werden können, die Weihnachtszeit mit Musik zu begehen. Die Organisation sowie die Einhaltung des Hygienekonzeptes für Gottesdienste wurden vorbildlich und mit viel Akribie vorbereitet und durchgeführt. Die Verantwortlichen der Pfarrei wissen um die große Verantwortung, die sie gerade während des Lockdowns mit dem Durchführen von Gottesdiensten übernehmen. "Die Besucher, die sich vorher telefonisch anmelden mussten, haben sich vorbildlich an die Regeln gehalten. Natürlich muss man hier und da nachhelfen, aber die Disziplin ist bemerkenswert", resümiert Dominik Martin, der durch das Programm führte. "Unser Land und unser Kultur- und Musikleben haben eine der schwersten Krisen des öffentlichen Lebens seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu bewältigen." Heinrich Thuy und seine Frau Karin haben schon mehrmals in diesem Jahr privat den Nothilfefonds der Deutschen Orchesterstiftung unterstützt, der sozial betroffenen Musikern hilft, durch diese schwere Zeit zu kommen. Diese Idee, Musikschaffende, die zurzeit keine Möglichkeit haben, aufzutreten und Einnahmen zu generieren, zu unterstützen, haben die Besucher der Andacht sehr positiv aufgenommen und gespendet. 1200 Euro können umgehend an den Nothilfefonds überwiesen werden, so Martin. Im Januar diesen Jahres hatte Heinrich Thuy bekannt gemacht, dass er Ende 2020 in den musikalischen Ruhestand geht.

Thuy übergibt Dirigentenstab

Ein persönliches Anliegen war es ihm bei der Andacht, noch einmal von der Orgelempore herunterzukommen, um seinem Nachfolger Dr. Alexander Schmidt als musikalischem Leiter seinen Dirigentenstab zu schenken, mit dem er über 40 Jahre den Kirchenchor dirigiert hatte. Eine Geste mit großer Symbolkraft, die viele der Anwesenden rührte. Zurück an der Orgel, zeigte er, warum ihn seine Fans lieben und er über Jahrzehnte Menschenfischer und "Volksmusiker" war. Mit der Orgelimprovisation zu "In dulci jubilo" von den zartesten Klängen bis zu einem General Tutti, gespielt mit Leidenschaft, Freude und Dank, zeigte er, dass er ein würdiger Preisträger der Ehrenurkunde für Kunst und Kultur ist. Alle Anwesenden dankten mit langanhaltendem Applaus für diese große Musik, die Thuy in einen "kleinen Raum" brachte. red

Der Chorgesang wird über Leinwand übertragen und in der Kirche abgespielt.
Heinrich Thuy übergibt den Dirigentenstab an seinen Nachfolger Dr. Alexander Schmidt.

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