Das neue Schulgebäude an der Frankfurter Straße.
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Das neue Schulgebäude an der Frankfurter Straße.

Bad Camberger Schule mit Schwerpunkt Hören feiert 200. Geburtstag

Barrieren abbauen, auch in den Köpfen

  • vonPetra Hackert
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Die Freiherr-von-Schütz-Schule betreut über 500 Kinder und Jugendliche

Seit 200 Jahren gibt es die Freiherr-von-Schütz-Schule, heute ein überregionales Beratungs- und Förderzentrum mit dem Schwerpunkt Hören. 220 Kinder und Jugendliche werden in der Bad Camberger Schule unterrichtet, weitere 300 Schüler ambulant im Einzugsgebiet der Schule betreut. NNP-Redakteurin Petra Hackert sprach mit dem Schulleiter Martin Fringes, der stellvertretenden 1. Förderschulkonrektorin/Leiterin der Vorbeugenden Maßnahme (VM) Andrea Bering und der Koordinatorin der VM (Außendienst) Sabine Meyer-Büchling.

Herr Fringes, der Bezug dieser Schule zu Bad Camberg reicht 200 Jahre zurück, und dennoch gibt es Menschen, die sie gar nicht kennen. Was würden Sie denen sagen, was macht Ihre Schule aus?

MARTIN FRINGES: Die Freiherr-von-Schütz-Schule ist ein überregionales Beratungs- und Förderzentrum. Der Schulträger ist der Landeswohlfahrtsverband Hessen (LWV Hessen). In einem Einzugsgebiet von Herborn bis Lorch am Rhein werden Schülerinnen und Schüler mit Hörschädigung aus fünf Landkreisen und der Landeshauptstadt Wiesbaden in Bad Camberg beschult oder durch Lehrkräfte der Freiherr-von-Schütz-Schule vor Ort in den allgemeinen Schulen beraten und unterstützt.

Wie sieht das aus?

Die Freiherr-von-Schütz-Schule verfügt über eine pädagogisch-audiologische Beratungsstelle. Hier können Eltern von Kindern mit Hörschädigung oder bei denen der Verdacht einer Hörschädigung besteht, ihre Kinder zur Hörprüfung und zu weiteren Tests vorstellen und sich beraten lassen. Die Schule verfügt über ein kleines Internat. Weiter ist der Schule die Frühberatungsstelle Hören und Kommunikation des LWV Hessen angeschlossen.

Was wird getan und eingesetzt, um eine gute Kommunikation zu fördern?

ANDREA BERING: Unser Schule ist vielfältig aufgestellt: So bieten wir neben der lautsprachlichen Förderung auch die Gebärdensprache als Kommunikationsmittel im Unterricht hat. Dieser Bereich ist in den letzten Jahren sehr gewachsen. Wir haben mittlerweile viele Lehrkräfte, die ihre Gebärdensprachkompetenzen auf- und ausgebaut haben, wir haben gehörlose Lehrkräfte und zwei Lehrerinnen, die eine Dolmetscherausbildung abgeschlossen haben.

Die Gebärdensprache war nicht immer unumstritten. Teilweise sogar verboten?

Durch einen Methodenstreit wurde die Deutsche Gebärdensprache (DGS) in Deutschland 1880 verboten und lange Zeit lag der Fokus auf Artikulation und Sprechen lernen. Doch hat es hat sich gezeigt, dass es günstiger ist, wenn man den Kindern und Jugendlichen verschiedene Kommunikationswege anbietet, um sie optimal fördern und fordern zu können. Wir haben zudem Schülerinnen und Schüler bei uns, die im häuslichen Umfeld eine weitere Sprache sprechen. Somit hat unser Schülerklientel teilweise drei Sprachen um sich. Das ist eine echte Herausforderung.

Wie sieht parallel dazu die technische Entwicklung im Alltag aus?

Durch die Entwicklung in der Technik sind unsere Schülerinnen und Schüler mit Hörgeräten und CIs (Cochlear Implantat) versorgt. Auch dieser Aspekt bietet einem Teil der Schülerschaft gute Möglichkeiten, die Lautsprache zu erlernen und sich zu verständigen. Regelmäßige Gänge zum Akustiker und HNO-Arzt gehören dann genauso dazu wie die Arbeit mit der Logopädin oder dem Logopäden. Diese können gezielte Übungen im Satzbau, in der Grammatik oder für den Wortschatz vertiefen.

Was gibt es noch speziell in der Schule?

Typisch bei uns im Unterricht sind auch die digitalen Übertragungsanlagen. Manche sehen aus wie ein Lautsprecher, der auf einen Ständer steht, andere werden direkt mit dem Hörgerät verbunden und ans Hörgerät angeschlossen. Diesen Empfänger sieht man kaum, da er sehr klein ist. Solche Anlagen kommen auch an allgemeinen Schulen zum Einsatz, an denen Kinder und Jugendlichen mit Hörschädigung beschult werden. Sie unterstützen dabei nicht nur die betroffenen Schülerinnen und Schüler, sie entlasten dann auch die Sprechstimme der Lehrkräfte in meist größeren Klassen.

Nicht alle Schüler kommen nach Bad Camberg. Wie sieht die Tätigkeit einer Lehrkraft in der Vorbeugenden Maßnahme aus?

SABINE MEYER-BÜCHLING: Wir sind die Außenstelle der Schule und leisten ambulante Arbeit an Schulen und in Familien vor Ort. Daher unterscheidet sich unsere Tätigkeit sehr von der internen Arbeit an der Freiherr-von-Schütz-Schule. Wir legen täglich längere Fahrstrecken zurück, um an die unterschiedlichen Schulen und Wohnorte zu gelangen und dort beratend tätig zu sein. Unser Fahrgebiet umfasst sechs Landkreise, wir haben zirka 290 Schülerinnen und Schüler zu betreuen. Wir informieren und bilden Lehrkräfte sowie Mitarbeiter der allgemeinen Schulen fort. Dies findet größtenteils an der FvSS statt, ergänzend auch vor Ort mit Mitarbeitern unseres Teams.

Doch es geht nicht nur um schulische Arbeit?

Als Fachdienst beraten wir Schulen, Schulträger, Eltern, Betreuungseinrichtungen, medizinische Einrichtungen, Therapeuten usw. in Hinblick auf die Auswirkungen einer Hörschädigung. Dies immer mit Blick auf eine barrierefreie Teilhabe der Kinder, die uns sehr am Herzen liegt. Dabei haben wir die individuelle Situation vor Ort im Blick und unterstützen auch bei der Beantragung und Umsetzung des Nachteilsausgleiches an den Schulen. Mit Hilfe unseres Netzwerkes können wir individuelle Lösungen finden, um die Kinder und deren Familien gut zu begleiten und zu unterstützen. Ein großes Anliegen ist uns die sog. "Hörtaktik", die Unterstützung und Befähigung der Jugendlichen und Kinder sich für ihre Belange selbstbewusst einzusetzen. Hier arbeiten wir mit Vereinen und Selbsthilfegruppen zusammen.

Auch etliche Schüler nehmen sehr weite Wege zum Unterricht in Kauf, teilweise anderthalb Stunden Anfahrt. Warum ist das so?

FRINGES: Hier, in der Freiherr-von-Schütz-Schule, werden die Schülerinnen und Schüler in Kleingruppen optimal hörgeschädigtenspezifisch gefördert. Die Kinder und Jugendlichen erfahren während der Ganztagsbeschulung die Gemeinschaft mit anderen Kindern und Jugendlichen mit Hörschädigung und fühlen sich voll und ganz angenommen. Sie erleben die Freiherr-von-Schütz-Schule als "ihre" Schule. Diesen besonderen Geist gilt es zu erhalten. Nur so werden Schülerinnen und Schüler mit Hörschädigung die weiten Fahrtstrecken in Kauf nehmen.

Wie wird die Deutsche Gebärdensprache (DGS) an Ihrer Schule vermittelt? Was wünschen Sie sich in diesem Bereich?

BERING: Hessen war das erste Bundesland, das die Deutsche Gebärdensprache (DGS) 1998 als vollwertige Sprache anerkannt hat. Zusätzlich wurde über die UN-Behindertenrechtskonvention festgelegt, dass die Verwendung von Gebärdensprache im Umgang mit Behörden akzeptiert und erleichtert wird. Daher ist es umso wichtiger, dass die Deutsche Gebärdensprache in der Schule vermittelt wird - doch sollte dies genauso wie eine Fremdsprache erfolgen! In Hessen sind wir noch nicht so weit.

Das heißt, Gebärdensprache ist noch kein eigenes Unterrichtsfach?

DGS wird zwar an unsere Schule verwendet und vermittelt, doch findet dies im Rahmen vom Deutsch- und Förderunterricht statt. Es gibt kein Fach DGS, obwohl es für unsere Schule so wichtig wäre. Dazu müsste die DGS eine juristische Hürde in Hessen überwinden, damit sie als Unterrichtsfach vollwertig anerkannt wird und dann unterrichtet und geprüft werden kann. Diese Anerkennung ist bisher leider nicht erfolgt, ich wünsche mir aber, dass dies in absehbarer Zukunft geschafft wird.

Wie sollte das Ihrer Meinung nach aussehen?

Es sollte selbstverständlich sein, dass sowohl Kinder und Jugendliche die DGS lernen können, als auch Personen, die daran interessiert sind (Polizisten, Behörden,...). Dazu zähle ich auch die Einblendung von Gebärdensprachdolmetschern bei wichtigen Fernsehsendungen oder das Untertiteln von Filmen. Deutschland hat hier noch ein großes Entwicklungspotential.

Und noch einen letzten Satz dazu: Wie jede Sprache ist auch die Gebärdensprache mit Dialekten versehen, entwickelt sich (zum Beispiel die Gebärde "Corona") und ist ländertypisch.

Morgen folgt der zweite Teil

Lesen Sie am Samstag im zweiten Teil unseres Interviews, wie sehr das Nicht-Hören-Können die Betroffenen im Alltag von anderen Menschen trennt, welche Hindernisse es zu überwinden gilt und wie die Schule versucht, das Selbstbewusstsein zu stärken und Verständnis zu wecken.

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