Auf den Straßen in der Nähe des geplanten Baugebiets sind schon jetzt immer wieder große Lastkraftwagen unterwegs.
+
Auf den Straßen in der Nähe des geplanten Baugebiets sind schon jetzt immer wieder große Lastkraftwagen unterwegs.

Bürgerinitiative kritisiert mangelnde Kommunikation der Stadt Bad Camberg

Baugebiet "Am Sträßchen": Sorge wegen Verkehrsaufkommen

  • Tobias Ketter
    VonTobias Ketter
    schließen

Regierungspräsidium genehmigt Regenrückhaltebecken

Bad Camberg -Südlich der Beethoven- und der Lisztstraße in Bad Camberg soll schon bald das Neubaugebiet "Am Sträßchen" entstehen. Doch es gibt Widerstand aus der Bevölkerung. Eine Bürgerinitiative, bestehend aus einigen Anwohner der angrenzenden Straßen, sorgt sich wegen steigendem Verkehrsaufkommen und einem "überlasteten Abwassersystem". Darüber hinaus kritisiert die Gruppierung die fehlende Transparenz seitens der Stadtverwaltung.

"Das Musikerviertel ist bereits jetzt mit über 4000 Autos pro Tag überproportional stark belastet", heißt es in einer Mitteilung der Bürgerinitiative. Aufgrund des Schwerlast- sowie Anwohnerverkehrs während und nach den Bauarbeiten werde sich die Situation noch weiter zuspitzen. Das betreffe besonders einige enge Abschnitte auf den angrenzenden Straßen. "Wie hoch wird künftig die Feinstaub- und Kohlendioxidbelastung sein und wer kommt für die Kosten der zu erwartenden Schäden auf Anliegerstraßen sowie an den Privathäuser auf?", fragt sich die Bürgerinitiative. Die Gruppe möchte von der Verwaltung wissen, inwieweit mögliche Geschädigte abgesichert werden und ob das bereits in Aussicht gestellte Verkehrskonzept tatsächlich professionell erstellt und öffentlich gesichtet sowie besprochen wird.

Darüber hinaus gibt die Gruppierung in ihrere Mitteilung an, dass der nahe gelegene Mühlweg aufgrund des überlasteten Abwassersystems ohnehin schon von Überflutungen durch die Emsbach bedroht sei. Durch vermehrten Starkregen aufgrund des Klimawandels und auch wegen des geplanten Wohngebietes werde sich diese Situation künftig noch deutlich verschärfen. Außerdem stellt die Bürgerinitiative folgende Fragen: Wie sollen Landwirte künftige ihre hinter der B 8-Umgehung liegenden Felder erreichen, wenn alle Zufahrtswege auch im Zusammenhang mit dem Neubau des Unternehmens Brita und dem Bau der B 8-Umgehung geschlossen werden? Und wo sollen Radfahrer entlangfahren, sobald der Radweg als Zufahrtsweg für das Neubaugebiet "Am Sträßchen" genutzt wird?

"Zu wenige Gedanken

um Anfahrt gemacht"

"Das Verkehrskonzept für das Neubaugebiet ist insgesamt einfach nicht durchdacht", sagt Rene Pydd, Sprecher der Bürgerinitiative. Der Magistrat und Bürgermeister Jens-Peter Vogel (SPD) hätten sich schlichtweg zu wenige Gedanken um die Anfahrtswege gemacht. Des Weiteren mangele es an der Kommunikation mit den besorgten Bürgern. "Es gab so gut wie keine Gespräche zwischen uns und dem Verwaltungschef", berichtet Pydd. "Vogel und seine Mitarbeiter stellen sich stur und sie lassen die wichtige Transparenz vermissen", so der Sprecher weiter. Im Gegensatz dazu habe es zuletzt aber zumindest Gespräche mit einigen Fraktionen gegeben, die durchaus auf die Sorgen der Gruppe eingegangen seien. Generell sei das städtische Vorgehen weit weg von gelebter Demokratie auf kommunaler Ebene. Dies verstärke die Politikverdrossenheit.

Bürgermeister Jens-Peter Vogel hat sich nun zur Kritik und zu den Sorgen der Bürgerinitiative geäußert. "Hinsichtlich der Kommunikation haben wir in den letzten nun fast zwei Jahren wegen Corona sicher nicht die idealen Rahmenbedingungen gehabt, weil etwa die städtischen Gremien nicht wie gewohnt tagen konnten", sagt er. Die Pandemie-Situation habe sicher auch einige Bürger vom Besuch der öffentlichen Veranstaltungen abgehalten. Aber ein Stillstand bis zum noch offenen Ende der pandemiebedingten Einschränkungen sei laut dem Verwaltungschef keine Alternative gewesen. Deshalb habe man die Planungen weiter vorangetrieben.

"In Bezug auf das Baugebiet gab es an Ort und Stelle einen Informationstermin, zu dem auch viele der eingeladenen Anlieger erschienen sind. Ebenso fand auch eine Diskussion im Kurhaussaal statt", sagt Vogel. Darüber hinaus habe man in allen öffentlichen Sitzungen des Ausschusses für Planung und Bau und auch während den Stadtverordnetenversammlungen über den aktuellen Sachstand des Projektes berichtet. Dabei seien Vertreter der Bürgerinitiative stets zugegen gewesen. "Das Stadtbauamt hat des Weiteren im vergangenen halben Jahr mehrere Telefonate mit dem Sprecher der Bürgerinitiative geführt", sagt der Bürgermeister. Insgesamt habe es also, entgegen den Aussagen der Bürgerinitiative, immer wieder Gespräche zwischen den Beteiligten gegeben.

Die Kritik in Bezug auf die Überschwemmungsgefahr kann Vogel entkräften. "Das Abwassersystem wurde von Fachingenieuren geprüft", sagt er. Das aus dem Neubaugebiet anfallende Niederschlagswasser werde demnach in ein entsprechend dimensioniertes Regenrückhaltebecken eingeleitet. Dies sei bereits durch das Regierungspräsidium geprüft und genehmigt worden.

"Das professionelle Verkehrskonzept wurde seitens der Verwaltung umgehend nach dem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung vom 14. September in Auftrag gegeben", berichtet Vogel. Die entsprechende Datenerhebung habe im November stattgefunden. Die Auswertung des Konzepts werde voraussichtlich im Februar des kommenden Jahres vorliegen. Eventuell nötige Maßnahmen zur Reduzierung des Durchgangsverkehrs werde man im Zuge der Erstellung des Verkehrskonzepts prüfen. Das beauftragte Verkehrskonzept sei allerdings kein Bestandteil der Bauleitplanung. "Etwaige später angepasste Verkehrsregelungen sind für die Bauleitplanung unerheblich", teilt die Stadt.

Landwirte erreichen

weiterhin ihre Felder

"Für die Landwirte ändert sich durch die geplanten Baumaßnahmen nichts an der Wegführung", sagt der Verwaltungschef. "Trotz punktuellen Beeinträchtigungen, die solche Baustellen immer mit sich bringen, kann eine Zufahrtsmöglichkeit zu allen Feldern gewährleistet werden."

Die Planungen für das Neubaugebiet seien insgesamt weit vorgeschritten. Die ersten Bagger sollen im kommenden Jahr anrollen. Der Verkauf der Grundstücke wird wohl im Frühjahr 2022 starten. In 2023 können dann voraussichtlich Privatleute mit dem Bau ihrer Häuser beginnen. "Die aktuelle Konjunkturlage sowie die weltweiten Lieferprobleme stellen jedoch auch für dieses Großprojekt nicht kalkulierbare Faktoren dar", erklärt Vogel. Das betreffe sowohl die Kostenkalkulation als auch den Zeitplan.

"Gegenwärtig sind bei der Liegenschaftsverwaltung rund 1300 Interessensbekundungen für ein Grundstück in Bad Camberg verzeichnet", heißt es in einer Mitteilung der Verwaltung. Diese Zahl mache deutlich, dass eine Deckung des Bedarfs nicht allein über eine innerstädtische Verdichtung erfolgen könne. Die moderate Ausweisung von Neubaugebieten werde deshalb neben dem Schließen von Baulücken die Stadtentwicklung der kommende Jahre prägen.

Ein angemessenes Angebot an Baugebieten sei laut Vogel wichtig, um auch künftig jungen Familien die Möglichkeit zu bieten, sich in Bad Camberg niederzulassen. Ohne entsprechenden Zuzug sei langfristig ein Halten oder gar eine Zunahme der Einwohnerzahlen kaum möglich. "Für unsere Infrastruktur und deren Erhalt ist genau das aber notwendig. Ohne ausreichende Schülerzahlen werden beispielsweise Schulstandorte irgendwann in Frage gestellt", sagt Vogel. tobias ketter

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare