Kirchenchor St. Peter und Paul Bad Camberg

Beatles-Fan mit Anspruch

Rund 80 aktive Sänger zählt der Kirchenchor St. Peter und Paul Bad Camberg in seinem Jubiläumsjahr. Seit mehr als 40 Jahren leitet Heinrich Thuy den Chor, der zuvor von seinem Vater dirigiert wurde. Ein Interview über besondere Konzerte, Beatles und Beethoven – und eine außergewöhnliche Chorgemeinschaft.

Von Johannes Göbel

NNP: 80 aktive Sängerinnen und Sänger sind eine stolze Zahl für einen Kirchenchor. Woran liegt es, dass das Interesse an dem Chor auch 70 Jahre nach seiner Gründung so groß ist?

HEINRICH THUY: Ich denke, das liegt vor allem an der Literatur, die wir singen. Die Sänger kommen zu uns, weil sie anspruchsvolle Werke singen wollen. Seit ich den Chor leite, lege ich auf diesen Anspruch wert. Wir singen auch Gospels und nicht nur Mozart und Beethoven, aber gehobene Kirchenliteratur ist eindeutig unser Schwerpunkt. Hinzu kommt, dass wir eine schöne Gemeinschaft bilden, in der alle Altersgruppen vertreten sind – von den 12- bis zu den 87-Jährigen.

In seinem Jahreskonzert am zweiten Advent singt der Kirchenchor regelmäßig außergewöhnliche Werke, von Bachs „Magnificat“ über Brahms’ „Deutsches Requiem“ bis hin zum Finalsatz von Beethovens 9. Sinfonie. Wie ist es möglich, mit einem Laienchor solche Werke aufzuführen?

THUY: Wir versuchen immer wieder, unser Niveau noch ein Stück weit zu steigern. So bekommen alle neue Motivation. Einige unserer Chormitglieder haben in den vergangenen Jahren sogar Gesangsunterricht genommen. Sie sind dann bei den sehr schwierigen Werken besondere Stützen für den Chor. Oft muss ich Überzeugungsarbeit leisten, gerade wenn wir anspruchsvolle, aber nicht so bekannte Werke einstudieren. Als wir 2001 für die Weihe der neuen Orgel in der Pfarrkirche St. Peter und Paul das Werk „Laudes Organi“ des ungarischen Komponisten und Musikethnologen Zoltán Kodály probten, sagten manche im Chor zunächst: „Ach, was für scheppe Tön . . .“ Damals wie auch bei den meisten anderen Konzerten hieß es später: „Das war aber schön!“ Aus diesen Erfahrungen ziehe ich meine Motivation für die Arbeit mit dem Chor.

In seinem Jubiläumsjahr singt der Kirchenchor am zweiten Advent die „Funeral music for Queen Mary“ von Henry Purcell und die „Missa Gallica“ des zeitgenössischen französischen Komponisten Bernard Lallement; gerade die „Missa Gallica“ ist in Deutschland recht unbekannt. Wie sind Sie auf dieses Werk gekommen?

THUY: Im Urlaub in Frankreich – vor rund 25 Jahren. Ich bin in ein Plattengeschäft gegangen, und da lief diese beeindruckende Musik. Ich habe mich erst einmal hingesetzt und nicht mehr gerührt. Als die Aufnahme zu Ende war, habe ich den Verkäufer nach dem Werk gefragt und er hat mir dann von der „Missa Gallica“ erzählt, für die Lallement alte bretonische Lieder mit Texten aus der katholischen Messe verbunden hat. Ich habe mir die Schallplatte gekauft und wollte die Messe seitdem aufführen – zum 70-jährigen Chorjubiläum wollen wir es nun wagen; auch, wenn die Noten teuer sind und wir für das Konzert außergewöhnliche Instrumente besetzen müssen. Zur „Missa Gallica“ passt die Musik von Purcell, dessen „Funeral music for Queen Mary“ wir bereits vor 26 Jahren gesungen haben und an die sich viele unserer Sänger noch gerne erinnern.

Viele kennen Sie nicht nur als Chorleiter, sondern auch als großen Beatles-Fan, der bis vor wenigen Jahren mit den „Stamps“ die Rock- und Popfans in der Region begeisterte. Wie passt das zusammen?

THUY: Gute Musik ist gute Musik; zwischen U- und E-Musik habe ich noch nie unterschieden. Wir sind mit dem Kirchenchor in den vergangenen Jahrzehnten ja auch mit Beatles-Songs aufgetreten oder haben bei einem unserer Adventskonzerte Bach mit Jazz verbunden. Diese musikalische Vielfalt macht einen Chor reich, und die Sänger lernen auch viel dazu, gerade rhythmisch. Aber natürlich musste sich der Chor erst an mich gewöhnen. Mein Vater, von dem ich die Chorleitung übernommen habe, war ein durch und durch altmodischer Mensch. Ich dagegen war in den 1960er-Jahren einer der ersten, der in Camberg Jeans getragen hat; dazu kamen die langen Haare, und im Sommer bin ich nur barfuß rumgelaufen. So bin ich einmal auch in die Kirche zum Orgelüben gegangen – und schon hat jemand die Polizei gerufen. „Was machen Sie hier?“, wollten die Beamten wissen. „Ich bin der Organist“, habe ich wahrheitsgemäß geantwortet.

Organist in Bad Camberg sind Sie nun schon seit fast 50 Jahren. Wann haben Sie denn das erste Mal im Kirchenchor mitgesungen?

THUY: Das war 1964; ich war 16 Jahre alt und hatte den Stimmbruch also erst hinter mir. Regelmäßig mitgesungen habe ich aber zunächst gar nicht so lange: 1971 habe ich mein Musikstudium in Fulda begonnen. Ich habe auch noch studiert, als ich von heute auf morgen die musikalische Leitung des Chores übernahm.

Wie kam es dazu?

THUY: Das war für mich überraschend. Mein Vater ist Anfang der Siebzigerjahre schwer erkrankt. Eines Tages rief mich meine Mutter an und sagte: „Der Vater ist im Krankenhaus – du musst heute Abend heimkommen und den Kirchenchor dirigieren.“ Das habe ich gemacht und den Chor als 25-Jähriger das erste Mal beim Dekanatssingen in Erbach geleitet. Danach ist der Chorvorstand auf mich zugekommen und hat mich gefragt, ob ich meinen Vater während seiner Krankheit vertreten könne. Ich habe unter der Bedingung zugesagt, dass es sich mit meinem Studium vereinbaren lässt und die Chorleitung dann zunächst kommissarisch übernommen. Irgendwann hat es mich dann nicht mehr losgelassen.

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