Von den neuen Kindern der Familie Eschenheimer überlebten nur zwei den Holocaust.
+
Von den neuen Kindern der Familie Eschenheimer überlebten nur zwei den Holocaust.

Die Schicksale hinter den Stolpersteinen

Bad Camberg: Broschüre soll an Greueltaten der NS-Zeit erinnern

  • vonGundula Stegemann
    schließen

Zweite überarbeitete Auflage ist jetzt erhältlich

Bad Camberg -"Hier wohnte Pauline Bachenheimer geb. Stern Jahrgang 1869, unfreiwillig verzogen 1942, Frankfurt am Main, gedemütigt, entrechtet, tot 19. August 1942" ist auf einem Stolperstein vor dem Haus der heutigen Frankfurter Straße 8 zu lesen. Der Stein erinnert an das Schicksal einer Frau im Alter von 73 Jahren. Wer war sie? Was mag in ihr vorgegangen sein in den Tagen und Monaten, bevor ihr Leben endete? Was musste sie erdulden? Und all die anderen jüdischen Mitbürger, die damals das Leben nicht nur in Camberg, sondern überall in Deutschland mit prägten?

1942 wurde das jüdische Leben, so wie es bis dahin in Camberg wie auch andernorts in Deutschland und Europa gab, ausgelöscht - aber die Spuren der ehemaligen Mitbürger bleiben. Die Erinnerung an sie lebt fort, unter anderem in der Broschüre "Stolpersteine in Bad Camberg. Biografien, Schicksale und Hintergründe - Erinnern für die Zukunft", die jetzt in zweiter überarbeiteter Auflage erschienen ist. In der Broschüre werden die Biografien und Schicksale der 32 Opfer des NS-Regimes, für die in Bad Camberg Stolpersteine verlegt wurden, geschildert und die geschichtlichen Hintergründe beleuchtet.

Die jüdischen Bürger wurden deportiert und fanden in verschiedenen Vernichtungslagern den Tod. 1942 gab es in Camberg keine Juden mehr. Eine fast 300-jährige jüdische Gemeinde wurde vernichtet, die mit ihren Menschen und Gebäuden in erheblichem Maße das kulturelle und wirtschaftliche Leben in Camberg gestaltet hatte.

Das Schicksal

der Eschenheimer

Zur jüdischen Gemeinde in Camberg gehörte auch die Familie Eschenheimer. Liest man ihr Kapitel in der Broschüre und betrachtet die Bilder, hat man unweigerlich die Vorstellung von einem lebhaft-fröhlichen Familienleben. Familienvater Gustav Eschenheimer lächelt milde und gut gelaunt in die Kamera. Auf dem Foto der Mutter Johannette (Jeanette) macht diese einen durchaus durchsetzungsfähigen und tatkräftigen Eindruck. Das wird sie auch gebraucht haben, denn die Eheleute hatten neun Kinder, die auf einem weiteren Foto in der Broschüre überwiegend schon als Erwachsene wie die Orgelpfeifen aufgereiht stehen. Vater Gustav war in Esch auf die Welt gekommen. Seine Eltern Feist und Gretchen hatten Landwirtschaft und Viehhandel sowie eine Metzgerei.

Gustav heiratete Johannette (Jeanette) Goldschmidt und führte die Familiengeschäfte in Esch weiter. Später wurde er unterstützt durch zwei seiner Kinder. 1917 siedelte die Familie nach Camberg über, wo sie in der Frankfurter Straße, heute Nummer 38, eine Metzgerei eröffnete. Dort gab es je eine Verkaufstheke für koscheres Fleisch und eine für nichtkoscheres Fleisch, wie in der Broschüre berichtet wird. Als am 2. August 1933 jüdische und politisch andersgesinnte Camberger von Nazis überfallen wurden, konnte der wehrhafte Gustav sich und seine Familie laut Familienüberlieferung mit einem Metzgermesser gegen die Eindringlinge verteidigen. 1936 besuchte das Ehepaar den Sohn Berthold in Palästina. Trotz Warnungen kehrten die beiden jedoch wieder nach Camberg zurück.

Aber die zunehmende Repression, das Verbot einer einträglichen Geschäftstätigkeit, auch der Wegzug der Kinder, veranlassten das Ehepaar schließlich, ihr Anwesen zu verkaufen. Die Ausreise nach Holland zu ihrem Sohn Eugen ist für den 20. März 1937 aktenkundig. Später zog die Familie, also Gustav, Jeanette, Eugen, Lucie und Felix, in die Van Ostadelaan 7 in Naarden. Mutter Jeanette wurde am 29. Mai 1943 inhaftiert und bis zum 20. Juli 1943 im Sammellager Westerbork festgehalten. Von hier aus brachte man sie am 20. Juli 1943 ins Vernichtungslager Sobibor. Am 23. Juli 1943 wurde sie da ermordet.

Sohn Eugen hatte geplant, in den Untergrund zu gehen, wurde aber mit Frau, Sohn und Vater von der Gestapo verhaftet. Vom Sammellager Westerbork wurde Gustav am 14. September 1943 nach Auschwitz transportiert, wo er vermutlich am 17. September ermordet wurde. Nach Kriegsende 1945 lebten nur noch zwei der neun Kinder der Eheleute und zwar: Berthold in Palästina und Erna, verheiratete Joseph, die in Belgien und Südfrankreich überlebte.

Kein ehrenamtliches Engagement mehr

Auch das Schicksal von Hedwig und Moritz May bewegt: Im Zuge der so genannten Arisierung des gesellschaftlichen Lebens waren Menschen jüdischer Herkunft aus Vereinen und Verbänden herausgedrängt worden, eine für die beiden schmerzliche Erfahrung, denen bürgerschaftliches Engagement in ihrer Stadt ein Herzensanliegen war. Immerhin war Moritz May Gründungsmitglied des am 26. Juni 1926 gegründeten Kur- und Badevereins, wodurch Camberg schließlich Kurstadt wurde und einen wirtschaftlichen Aufschwung verzeichnen konnte. Auch sie erlitten trotz ihres stetigen Engagements für die Gesellschaft ein tragisches Schicksal.

"Oft genug wiederholt sich Geschichte, weil die Menschheit nicht oder nicht genug aus den Fehlern ihrer Vorfahren gelernt hat. Dieser Teil der deutschen Geschichte darf sich nicht ansatzweise wiederholen. Die Stolpersteine und die sie erläuternde Broschüre tragen dazu bei, genau diese Botschaft zu vermitteln", schreibt Jens Peter Vogel, Bürgermeister von Bad Camberg, in seinen in die Broschüre einführenden Worten an den Leser. "Die Broschüre soll dazu beitragen, dass die schrecklichen Vernichtungstaten des NS-Regimes nicht in Vergessenheit geraten. Das Schicksal der Ermordeten vermittelt ein lebendiges Bild des Lebens der Opfer. Auch soll die Broschüre dazu motivieren, einen Rundgang durch die Stadt mit Beachtung der Stolpersteine zu verbinden", schreibt Dieter Oelke von der Initiative "Stolpersteine für Bad Camberg".

Die neue Stolpersteinbroschüre kostet 2 Euro. Sie ist erhältlich in der Touristen-Information im "Kurhaus Bad Camberg", bei "Buch und Schreiben" in der Obertorstraße 11, bei "Papier und Schreibwaren" in der Limburger Straße 3 und in der "Camberger Bücherbank" in der Limburger Straße 28.

Was sind Stolpersteine?

Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, das im Jahr 1996 begann. Auf quadratischen Messingplatten werden die Namen und Daten von Menschen eingeschlagen, die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden. "Auf dem Stolperstein bekommt das Opfer seinen Namen wieder, jedes Opfer erhält einen eigenen Stein - seine Identität und sein Schicksal sind, soweit bekannt, ablesbar. Durch den Gedenkstein vor seinem Haus wird die Erinnerung an diesen Menschen in unseren Alltag geholt. Jeder persönliche Stein symbolisiert auch die Gesamtheit der Opfer, denn alle eigentlich nötigen Steine kann man nicht verlegen." (Gunter Demnig)

Die jüdische Gemeinde Camberg

In Bad Camberg wurden bisher 32 Stolpersteine für jüdische Bürger und Euthanasieopfer verlegt: 13 am 13. Dezember 2014, sieben am 15. Mai 2015 und zwölf am 3. November 2018.

Einst hatte Camberg eine der größten jüdischen Gemeinden im Kreis. 1925 lebten 72 jüdische Personen in der Stadt, 1933 noch 63. Ab 1933 nahm ihre Zahl wegen zunehmender Entrechtung und Repressalien ständig ab, vor allem die jüngere Generation verließ Deutschland. In der Pogromnacht am 9. November 1938 wurde die Synagoge in der Schmiedgasse zerstört, Privat- und Geschäftsräume jüdischer Bürger geplündert und die Bewohner überfallen und teils schwer misshandelt. Wer konnte, emigrierte ins Ausland oder suchte die Anonymität der Großstadt, darunter Frankfurt. Die noch verbliebenen jüdischen Bürger Cambergs wurden schließlich deportiert und fanden in verschiedenen Vernichtungslagern den Tod. Ende 1942 gab es in Camberg keine Juden mehr. Eine mindestens 300-jährige jüdische Gemeinde, die das Leben in Camberg mitgeprägt und mitgestaltet hatte, wurde vernichtet. Gundula Stegemann

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare