2020: Eine Abschlussklasse feiert ihre letzten Prüfungen - auf dem Schulhof mit Corona-Abstand.
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2020: Eine Abschlussklasse feiert ihre letzten Prüfungen - auf dem Schulhof mit Corona-Abstand.

Vom "Taubstummen-Institut" zur modernen Bildungseinrichtung

Bad Camberg: Die "Stumm'scher" haben eine Stimme

  • vonPetra Hackert
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Heute vor 200 Jahren gründete Hugo Freiherr von Schütz das Camberger "Taubstummen-Institut". Jetzt sind die Schule mit dem Förderschwerpunkt Hören und das überregionale Beratungs- und Förderzentrum eine moderne Einrichtung für Bildung und Kommunikation.

Taubstumm. Schon das Wort ist falsch. Wer nicht richtig oder gar nicht hören kann, dem fällt die Artikulation schwer. Wer sein Gehör verliert, hat auch mit dem Sprechen Schwierigkeiten, selbst wenn er sich noch daran erinnert, wie es einmal war. Das kann sich jeder vorstellen. Noch schwerer ist Lautsprache für einen Menschen, der noch nie einen Ton vernommen hat. "Stumm'scher". Dieses Wort war lange Zeit in Camberg ein Begriff und bezog sich auf die, die nicht sprachen, weil sie nicht hören konnten. Die Bezeichnung machte schnell die Runde. Auch deshalb, weil es viele Pflegefamilien gab, die Kinder aufnahmen, die die dortige Schule besuchten. Über Jahrzehnte hinweg hatte sich eine Beziehung entwickelt, die besonders ist. Und neugierig macht. So ging es auch Benjamin, Chantal, Monisha und Su-Peri. Sie sind 16 und 17 alt, besuchen die Abschlussklasse der Freiherr-von-Schütz-Schule für Hörgeschädigte in Bad Camberg und gehören zu denen, die zurzeit in einem Filmprojekt der Geschichte auf den Grund gehen.

Die reicht lange zurück, denn die Schule wird 200 Jahre alt. Begründet von Hugo, Freiherr von Schütz zu Holzhausen, der als einziger gehörloser Direktor in Deutschland einer solchen Institution vorstand. Er unterrichtete zunächst zu Hause, in den Privaträumen der Familie im Amthof. Bis zum Schulkomplex mit den Hauptgebäuden an der Frankfurter Straße und der heutigen Trägerschaft des Landeswohlfahrtsverbandes war es ein weiter Weg.

Das Jubiläum am 15. Juni wäre normalerweise ein Grund, groß zu feiern. Die Corona-Pandemie hat das verhindert. Nicht unmöglich ist die Kommunikation. So wollen Schüler um das Denkmal vor der Schule "Geburtstags-Hände" in den Rasen stecken. Eine Feier ohne Händeschütteln, aber mit umso herzlicher Gratulation. Sie haben viele Fragen. Wie war das vor 200 Jahren? Wo steht die Schule heute? Was sagen Schüler und Lehrer? Wie trägt der Film "Die Stumm'scher" dazu bei, Kommunikation zu fördern? Wir beginnen am Anfang mit Hugo, dem Freiherrn von Schütz zu Holzhausen.

1921: Dieses Bild zum 100. Schulgeburtstag wurde ein Jahr zu spät aufgenommen.

Sein Portrait ziert das Zimmer von Schulleiter Martin Fringes. Eine moderne Version des Bildes hat die Lehrerin Margret Möbus 2015 gemalt. Es hängt im Flur, ebenso wie ein Gemälde des Bad Camberger Künstler-Ehepaars Heinz und Dora Sedlick, das die einzelnen Schulgebäude, Unterrichtsstandorte, vereint. Das Abbild des Freiherrn findet sich noch andernorts - als Büste vor dem Lieber'schen Haus zum Beispiel. Sein Grabstein steht am Amthof, direkt vor der Hohenfeldkapelle. Damit haben die Kurstädter dem Schulbegründer ein Denkmal gesetzt.

Und es gibt bereits einen Bad Camberger Film: "Fraternitas Signorum", Bruderschaft der Zeichen. Vor zehn Jahren entstanden erzählt er, wie der gehörlose Direktor seine Zöglinge zu freien Denkern und starken Persönlichkeiten erzieht. Ein pädagogisches Ziel, filmisch angelehnt an Peter Weirs "Der Club der toten Dichter". Acht Jahre nach der staatlichen Anerkennung verließ der Schulleiter, damals 48 Jahre alt, die Einrichtung, erhielt keinerlei Pension und zog sich ins Privatleben nach Wien zurück. Der Bad Camberger Historiker Dr. Peter Karl Schmidt fasst zusammen: "Der Film illustriert die These, der Rücktritt sei durch die Entwicklung der Hörbehindertenpädagogik veranlasst, in der sich die Lautsprache gegenüber der Gebärden- beziehungsweise Schriftsprache mehr durchsetzte." Eine Auffassung, die auch Rosel Jung in ihrer Geschichte der Taubstummenschule vertreten hat.

Hugo von Schütz zu Holzhausen, am 31. Juli 1780 geboren, war das älteste von 22 Kindern des Kurmainzer und Kurtrierischen Geheimen Rats und Kaiserlichen Hauptmanns von Schütz und seiner Frau, eine geborene Freiin von Hohenfeld. Vier Kinder waren taub. Den Ältesten schickte das Ehepaar nach Wien, wo er vier Jahre am Taubstummen-Institut ausgebildet wurde. 1797 zurück in Camberg kümmerte er sich besonders um seine tauben Geschwister, förderte vor allem die Entwicklung seines Bruders Damian. 1810 vergrößerte er den Kreis: Er unterrichtete Philipp Schickel aus Würges, weitere Zöglinge folgten. Ein Zimmer im Amthof, dem Wohnhaus der Familie, diente dem neuen privaten Taubstummen-Institut als Räumlichkeit. 1818 hatte es 16 Schüler. Zwei Jahre später bewilligte der Landesherr, Herzog Wilhelm von Nassau, die Übernahme des Privatinstituts als Landesanstalt. Am 15. Juni 1820 wurde das "Herzoglich-Nassauische Taubstummen-Institut" feierlich eröffnet, Hugo von Schütz zum Direktor ernannt. 

Dieses Portrait des Gründers, Hugo Freiherr von Schütz, hängt im Zimmer des Schulleiters.

Dies alles zu einer Zeit, in der weit größere Staaten sich noch nicht mit der Erziehung und Bildung Hörgeschädigter befasst hatten, hebt Rosel Jung hervor: "So kam es, dass das Camberger Taubstummen-Institut nach Leipzig, München und Schleswig die vierte Einrichtung dieser Art in Deutschland wurde." Die Nebengebäude des Guttenberger Hofs in der Schmiedgasse wurden angemietet, 55 Jahre für den Unterricht genutzt.

Schriftwechsel und Chroniken, die Dr. Peter Karl Schmidt herangezogen hat, unterstreichen das Bild des Freiherrn von Schütz als engagierter Pädagoge, der aber als Schulleiter an seine Grenzen stieß. Dazu gehört die Auseinandersetzung zwischen Befürwortern der Laut- oder Gebärdensprache, aber auch das pädagogische Konzept und der Umgang mit den Zöglingen. Anfangs hochgelobt, vertiefte sich der Konflikt mit der Schulbehörde, bis Hugo Freiherr von Schütz 1828 selbst um seine Entlassung bat. Knapp ein halbes Jahrhundert später, 1874, begann der Neubau an der Frankfurter Straße mit Schulgebäude, Nebengebäude, Lehrerwohnhaus. Schulträger war der Kommunalverband des Regierungsbezirks Wiesbaden. Die Schüler kamen von weit her, auch aus dem Ausland.

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