Alles auf Abstand, auch im Weinlokal an der Stadtmauer.
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Alles auf Abstand, auch im Weinlokal an der Stadtmauer.

Die Corona-Alternative zum Höfefest

Die Bad Camberger feiern vorsichtig

Eine Reihe von Angeboten auf Abstand findet großen Anklang bei den Besuchern

Bad Camberg -"Nein, das ist kein Höfefest", sagt Dieter Knapp. Der Bad Camberger sitzt gerade mit einem Bekannten an der Obertorstraße. Der Abstand zwischen beiden ist etwas mehr als ein Meter, die Sonne scheint, es ist sehr, sehr heiß. Über 30 Grad an diesem Samstagnachmittag. Vor den beiden stehen Gegenstände, die auf den ersten Blick Kunsthandwerk sein könnten. Beim Nähertreten wird klar: Alles Deko-Artikel. Eine genähte Weltkugel, die ein wenig an die Form eines Kürbis erinnert. Gegenstände aus Holz und Metall - normalerweise wohl dazu gedacht, ein Zuhause zu verschönen. Jetzt dekorieren sie die Obertorstraße. Ein Mini-Höfefest-Eindruck. Aber nur, wenn man alles andere ausblendet.

Alles andere heißt: Von diesem kleinen Platz dauert es einige Meter bis zur nächsten Aktivität. Auf dem Weg zum Marktplatz ist schnell zu sehen: Die Eissalons haben geöffnet. Menschen stehen Schlange auf Abstand. Auf dem Marktplatz das gleiche Bild. Hier stehen mehr Bänke und Tische beieinander. Jeder, der sich dazusetzen möchte - sofern es noch geht - kauft für fünf Euro einen grünen Chip. Das Geld gibt es anschließen zurück, wenn der Betreffende wieder geht. Pfand-Chips für einen Platz an der Sonne. 15 Euro bei drei Personen. Sie nehmen zusätzlich Wasser und Wein, stellen sich zu einer Mini-Gruppe zusammen. An den Tischreihen nehmen sie nicht Platz. Erstmal.

Interessierte in der Alten jüdischen Schule

Doris Ammelung und Dr. Peter Schmitt haben gerade die Führungen in der Alten jüdischen Schule beendet. Es war ganz schön was los. Maximal fünf Personen durften gleichzeitig hinein, denn das Gebäude ist klein. Rückblende: Im Raum mit der großen Thora-Rolle erklärt Doris Ammelung einer Besucherin die Gegenstände und die Wand. Die ist etwas Besonderes. "10 000 Euro hat es gekostet sie so unfertig aussehend herzurichten", sagt die Vorsitzende des Vereins Historisches Camberg. Unfertig bedeutet in diesem Fall: Die Wand erzählt eine Geschichte. Von 1782 bis 1835 war das Gebäude Synagoge, danach Schule mit Lehrerwohnung. 1906 wurde es an einen Schmied verkauft. "Man muss eine Synagoge nicht entweihen, wenn der Zweck verändert wird", erklärt Ammelung. "Das geschieht automatisch." Es könnte also jeder Ort zu dieser Stätte des Glaubens werden und seinen Zweck wieder verändern. Anders als bei den Kirchen. Dort sind spezielle Riten für die Umwidmung nötig. In der Alten jüdischen Schule geschah einiges zwangsläufig. Die Wand zeigt Reste einer kleinen Blütentapete. Man erkennt an den dunkler gefärbten Umrissen den Platz, an dem ein Ofen stand. Das Loch für das Ofenrohr. "Er muss in der Zeit der Lehrerwohnung dort gestanden haben", sagt Ammelung. Das Gebäude hat die Nazizeit überlebt. Viele Menschen nicht. Auch Ernst Löwenberg ist gestorben. An ihn erinnert in der Sammlung ein Buch. Sein Schulbuch. Als Junge hatte er es mit jeder Menge Lernzetteln versehen, die an bestimmten Stellen stecken und zeigen, wie er sein Wissen erweitert und gefestigt hat. Das tun die Besucher auch, die sich das Gebäude, die Räume, die Mikwe ansehen. Das Tauchbad wurde genutzt, um zu reinigen. Das gilt für den menschlichen Körper. Es gibt aber auch einen besonderen Platz in diesem Raum, ein kleines Viereck in der Wand, das genutzt wurde, um Geschirr unterzutauchen. Alles, was in direkten Kontakt mit Essen oder Trinken kommt, muss dem jüdischen Glauben nach untergetaucht werden, um rituell gereinigt zu sein. So erzählt der Stein seine Geschichte.

Immer wieder sprechen Besucher im Museum und bei der Stadtführung Doris Ammelung darauf an: "Die Pandemie wird uns wohl noch lange beschäftigen." Manche sind überzeugt, die zweite Welle hat schon begonnen. Andere fragen sich, wann es wohl den Impfstoff geben wird und wie sich die Zeit dazwischen entwickelt. Mit Vorsicht und Abstand.

Beides ist auch am Weinlokal an der Stadtmauer gut zu erkennen. Auf der Straße hat sich eine kleine Schlange gebildet. Viele tragen Mundschutz. Zwei Bedienungen kümmern sich um die Gäste, weisen Plätze zu. "Sie sind zu fünft?", fragt die schlanke Frau mit dem großen Tablett eine kleine Gruppe. "Ich schaue." Sie prüft, ob ein gemeinsamer Tisch frei ist.

Auf dem Marktplatz läuft das etwas anders. "Hier gibt es die Chips, um das Ganze unter Kontrolle zu behalten", erklärt Birgit Schott-Biegel. Ihr Mann Jürgen schaut sich um: Alles in guter Ordnung. "Wir haben uns vorher überlegt, wie wir das manchen können, ein Pandemiekonzept erstellt, uns abgesprochen", erklärt Mirco Liefke. Er war stark an den Vorbereitungen beteiligt. Das Ergebnis: Die Stände, die ausnahmsweise geöffnet haben, nutzen das Chip-System. Gastronomen, die auch sonst zur Verfügung stehen, behalten ihre Pandemie-Regelungen bei.

Die Menschen haben sich daran gewöhnt. Marlies und Werner Imhoff gehören zu denen, die rege am kulturellen und gesellschaftlichen Leben der Stadt teil haben. Die Fotografin hat mit scharfem Blick viel beobachtet und festgehalten. Jetzt sind beide als Besucher da, schlendern ohne Masken durch die Straßen. Müssen sie verwenden, wenn sie an bestimmten Stellen eintreten wollen.

Ein Dankeschön der Geschäftsleute

Brigitte Kelms Bekleidungsgeschäft "Viva" ist so ein Ort. Oder Erwin Loleits Optikerladen "Prisma". Hier läuft der Ventilator, denn draußen ist es so heiß, da tut drinnen jede Abkühlung wohl. Seit 33 Jahren hat er den Laden an dieser Stelle, jedes Stadtfest begleitet. In der Coronazeit berichtet Monika Loleit: "Wir haben sehr treue Kunden. Das haben wir jetzt gemerkt. Als wir schließen mussten, haben sie auf uns gewartet und sind nicht woanders hingegangen. Dass wir jetzt öffnen, selbst wenn es vielleicht kein großes Geschäft ist, ist auch ein Dankeschön an diejenigen, die uns besuchen."

Das sind doch so einige, wenn man von außen durch die Fensterscheiben blickt, die Frauen in der "Weiberwerkstatt" beobachtet, die mit Masken zugange sind. Das Josefshaus am Marktplatz, das Café Kardamon: Es sind Plätze, die auch sonst zum Verweilen einladen. Günter Strutzig hat seinen Hof geöffnet. Seine Angebote sind pandemiefrei: riesige Dinosaurier, Gartenzwerge, ein kleines Ehepaar auf der Bank, witzige Schafe, Comicfiguren; alles tummelt sich im Freien, dicht an dicht. Nur die Besucher nicht. Die achten auf die Abstände.

Die ersten behutsamen Treffen

Auf dem Marktplatz haben sich mittlerweile einige Tische gut gefüllt. Dort sitzen sind die, die in einem Haushalt leben oder sich auch sonst nahe kommen, weil sie sich gegenseitig unterstützen. "Wir Frauen treffen uns jetzt wieder regelmäßig", berichtet Claudia Schmidt. Normalerweise würden sie einen eigenen Hof bestücken. "Der WSC ist immer bei uns", erinnert ihr Mann Wolfgang. In diesem Jahr nicht. Nächstes Jahr hoffentlich wieder. Rudi Böhler und Bruno Kasper genießen den Austausch. "Wir suchen uns die Gelegenheiten", sagt der 79-Jährige Kasper. Klar hat er Respekt vor dem Virus. Aber das Leben steht nicht still. Waldtraud Hübinger und Dagmar Häuser hören mit zu, als die Männer beginnen, zu politisieren. "Wann kommt denn nun die B-8-Umgehung?" Die Frage wird aufgeworfen, weil der Landtagsabgeordnete Tobias Eckert (SPD) sie gerade gestellt hat. Hessen Mobil hatte den Sommer 2020 für den Spatenstich anvisiert. Klappt das noch? Mehr als 50 Jahre Vorarbeit, Planung, Diskussion für eine Strecke von knapp sieben Kilometern. Für und Wider gab es immer, quer durch die Parteien. Das haben die Bad Camberger, die an diesem Tisch sitzen, über lange Jahre beobachtet. Ein immer wieder zu hörender Satz drängt sich auf: "Wenn ich das noch erleben darf. . ."

Der "Nicht-Höfefest-Samstag" geht entschleunigend zu Ende. Der heiße Tag beschert einen lauen Abend, der von vielen Gesprächen im Freien erfüllt ist. Gestern, am Sonntag, bot das Weinlokal an der Stadtmauer noch einmal Musik. Frank Bode unterhielt die Gäste - das war dann wieder so wie beim Höfefest. Wenn man alles andere ausblendet. . .

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