+
Jürgen Biegel zeigt das Kostüm, das er vor 51 Jahren getragen hat. 1968 war er Kinderprinz in Camberg.

Carneval-Verein Camberg

Ein ehemaliger Kinderprinz berichtet darüber wie der Fastnachtsvirus ihn nicht mehr loslässt

  • schließen

In der langen Geschichte des Carneval-Vereins Camberg (CVC) gibt es drei Kinderprinzen: Der erste, Hugo Neuberger, ist nicht mehr am Leben. Der dritte, Janine Löw, war ein Mädchen. Der mittlere, Jürgen Biegel, ist heute noch im Karneval aktiv - mit seinem ganzen Freundeskreis.

Die Chronik der Fastnacht wird gut geführt. Seit 187 Jahren gibt es den Carneval-Verein Camberg (CVC), alle fünf Jahre ist Großfastnacht, das heißt, ein neuer Prinz wird gekürt – und eine neue Cambergia. Einige Jahre stechen in der Vereinschronik besonders hervor. 1968 ist so ein Jahr. Weil es einen Kinderprinzen gab. Jürgen Biegel ist seitdem aktiv. Der Virus der Fastnacht hat ihn nicht mehr losgelassen, seitdem er als Neunjähriger zum ersten Mal über ein närrisches Volk herrschte.

Ein Film zum Zug

Wir blenden zurück, und das ist leicht, denn es gibt einen kleinen Film. „Wahrscheinlich hat ihn einer meiner Brüder gemacht“, sagt Biegel. Im Schnelldurchlauf sehen wir einen Teil des Zuges an der Frankfurter Straße. Der Prinz winkt, später ist die Cambergia gut zu sehen, viel Fußvolk. Auffällig: die Traditionsgruppen der Camberger Fastnacht, die Turngemeinde mit dem TG-Salonboot, die Prinzengarde, der Hofstaat von Prinz und Cambergia, die Figuren des Bacchus und des Gambrinus – sie alle werden von Kindern verkörpert.

Okay: Erwachsene dürfen auch mitmachen, wenn sie fastnachtsbegeistert sind. Schließlich ist es ein Fest für alle. Der 60-Jährige erinnert sich: Seine Eltern fragten ihn, ob er sich vorstellen könnte, Karnevalsprinz zu sein, und er war sofort dabei. Gerne sogar. So trat der Steppke, der Sohn von Katharina und Heinrich, vor 51 Jahren vor den ehrwürdigen Bürgermeister Ernst Enzmann und forderte den Stadtschlüssel – den er natürlich sofort bekam. Und dazu die Herrschaft über ein närrisches Volk, die fünf Jahre dauern sollte.

Max-und-Moritz-Orden

Vor 51 Jahren: Jürgen Biegel als Kinderprinz

„Damals war das noch nicht so wie jetzt“, erzählt der Bad Camberger. Im ersten Jahr der Großfastnacht besuchte er Kappensitzungen, verteilte Max-und-Moritz-Prinzenorden, absolvierte eine Menge Termine, hatte Spaß am Rekrutenumzug und natürlich auch am großen Festzug durch die Kurstadt. Alles so wie heutzutage. Die weiteren vier Jahre waren etwas ruhiger – wichtig für ein Kind, das nicht jeden Abend „High Life“ haben kann. Und natürlich achteten seine Eltern von Anfang an darauf, dass er sich nicht übernimmt.

„Das Schönste war der Zug“, erinnert er sich. Der Höhepunkt einer jeden Kampagne, bei der alle zeigen, was sie können. Den Wagen hatten seine Brüder gebaut. Das war klar, denn „Holzbau Biegel“, so hieß die elterliche Firma, unterstützte das Ansinnen. Heinz, Günter und Helmut packten mit an, so dass der kleine Jürgen einen prunkvollen Wagen bekam.

„Viele Freundschaften sind in der Zeit entstanden“, sagt Jürgen Biegel. Michael Brendel zum Beispiel, der damals schon in seinem Hofstaat war, ist sein bester Freund. Cambergia war Ute Roth. Beide absolvierten die Öffentlichkeitstermine mit Bravour. Ob ihnen auch einmal etwas peinlich war? Na ja, gibt Jürgen Biegel zu, einmal mussten sie sich küssen. Die Kinder schafften das, es war ja Karneval.

Ansonsten gab es viele kleine Reden, die Präsident Josef Schmitt für ihn geschrieben hatte und deren Texte er in seinem Fotoalbum aufgehoben hat. Ebenso wie die schönen Schnappschüsse und Zeitungsartikel von der Fastnacht 1968. Schon damals legten die Camberger Wert auf gute Kostüme. Es gab sogar eine „Ringsitzung“ mit anderen Vereinen, an der auch die Usinger und Beuerbacher beteiligt waren.

Der Prinzenwagen wurde 1968 noch von Pferden gezogen.

Das Kostüm, das er damals getragen hat, fertigte Helga Angst – die produktivste und kreativste Näherin des CVC. Der Hut ist im Laufe der Jahre verloren gegangen, doch das Kostüm an sich gibt es noch. Jürgen Biegels Töchter haben es getragen, hin und wieder wurde es ausgeliehen. Noch heute hat es einen Ehrenplatz im Schrank – und nimmt gar nicht so viel Raum ein, klein, wie es nun einmal ist.

Auch der Stab mit der Karnevalsfigur, den er damals getragen hat, existiert noch. Der hat einen Ehrenplatz im Wohnzimmer. Wer also aufmerksam hinschaut, sieht sofort, dass man es mit einer besonderen Fastnachtspersönlichkeit zu tun hat.

Ganze Clique macht mit

Im bürgerlichen Leben ist Jürgen Biegel Computerspezialist und Geschäftsführer einer IT-Firma. Spätestens zur Fastnachtszeit hat er den Schalk im Nacken. Die ganze Clique macht wieder mit. Jedes Jahr beim Festzug, sei er groß oder klein, ist der Freundeskreis dabei und überlegt sich etwas Neues. Interessant: Zu Beginn seiner Prinzenzeit vor 51 Jahren wurde sein Wagen noch von Pferden gezogen. Das ist heute nicht mehr so. Aber: Der Major der Prinzengarde ist weiterhin beritten. Und: Es ist nach wie vor Franz-Josef Hollingshaus, der als kleiner Steppke die Kinder-Prinzengarde auf dem Pferd abgeritten hatte . . .

Box: Eine Majestät war mal ein Mädchen

Der Bad Camberger Carnevalsprinz wird geboren – das ist so Tradition. Alle fünf Jahre zum Jahreswechsel brüten die Aktiven des CVC, und das Ergebnis ist die Prinzengeburt zum neuen Jahr. Das war auch bei Jürgen Biegel so. Erster Prinz in der Chronik ist 1899 Moritz Schmitt, ein Erwachsener. Der erste Kinderprinz war 1936 Hugo Neuberger, gemeinsam mit Nanne Heinrich als Cambergia. Die Cambergia ist übrigens keine Prinzessin, auch wenn die Kleidung darauf hindeutet. So wie der Prinz Repräsentant des Carneval-Vereins ist, so verkörpert sie die Stadt. Der Bad Camberger Magistrat gibt alle fünf Jahre die neue Cambergia bekannt. In der langen Geschichte des CVC gab es bisher nur drei Kinderprinzen, und der dritte war ein Mädchen: Janine Löw schlüpfte 1995 in die Rolle des Prinzen, und Janina Plambeck war die Cambergia. pp

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare