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Die Grundschule Bad Camberg ist unter der Bezeichnung Atzelschule beliebt und anerkannt. So steht es auch auf dem Schild mit dem Kreiswappen seit fast zwei Jahrzehnten am Schulgebäude.

Streit um Schulnamen

Warum die Atzelschule und die Regenbogenschule nicht offiziell heißen dürfen, wie sie jeder nennt

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Eltern, die in der Bad Camberger Atzelschule anrufen, fragen nach, wenn man sich dort nur mit "Grundschule" meldet. Sind sie noch richtig? Ja, klar, in der Atzelschule. Seit mehr als 18 Jahren heißt die Schule so – nur nicht offiziell, und das ist ein Problem.

Die Erbacher Regenbogenschule hat einen neuen Schulleiter – und die Leiterin der Bad Camberger Atzelschule, die diese Funktion ein halbes Jahr zusätzlich zu ihren Aufgaben wahrgenommen hatte, erntete viel Lob und Anerkennung für ihre Arbeit. So meldeten wir es in der Nassauischen Neuen Presse, und der Bericht ist Anlass für eine nachdrückliche Ermahnung.

Schulleiterin Anne Sandner hat sich an die NNP gewandt und darauf aufmerksam gemacht, dass die Atzelschule nicht die Atzelschule ist, sondern die Grundschule in Bad Camberg. Mit Nachdruck – so ist es ihr vom Staatlichen Schulamt aufgetragen worden. Den gleichen Auftrag hat Michael Wüst erhalten, der neue Leiter der Erbacher Regenbogenschule. Denn auch sie heißt nicht Regenbogenschule, sondern Grundschule. Aufgefordert hat die beiden der im Staatlichen Schulamt Zuständige für diesen Bereich – der übrigens selbst bei der Amtseinführung dabei gewesen war und nach dem Regenbogen-Auftritt der Schulkinder dieses Symbol noch als verbindend und besonders treffend für eine Schule bezeichnet hatte. Schizophren? Ja, aber nicht nur in diesem Fall.

Checken, wer anruft

Rückruf der Redaktion in der Bad Camberger Grundschule. „Atzelschule Bad Camberg“, meldet sich eine Lehrerin. „Schön, dass Sie das noch sagen dürfen“, so die erste Reaktion. Dann die Erklärung: Ja, in offiziellen Schreiben ist Atzelschule eliminiert. Man will ja nichts falsch machen. Auch wenn an der Telefonnummer erkennbar ist, dass jemand vom Kreis oder Schulamt anruft, lautet das korrekte Melden „Grundschule Bad Camberg, guten Tag!“ Aber: „Als mich letztens Eltern anriefen und ich Grundschule sagte, kam sofort die Frage: Bin ich da richtig? Ist da nicht die Atzelschule?“ Doch, seit über 18 Jahren. Deshalb meldet man sich so oder so, muss nur vorher checken, wer anruft.

Infobox: Die Richtlinien

Offiziell ist klar: Der Kreis als Schulträger hat beiden Grundschulen keinen Namen gegeben. Die Eltern schon, und diese Namen gibt es nun seit fast zwei Jahrzehnten. Das kam so: Im Jahr 2000 wollte die Schulkonferenz der Erbacher Grundschule den Namen Regenbogenschule zum Schulnamen machen. Vorausgegangen war ein Entscheidungsprozess, an dem alle Eltern, Lehrer, Schüler beteiligt waren. Abschluss war ein Schulfest, bei dem mehrere Namen zur Auswahl standen. Am Ende stand fest: Regenbogenschule soll die neue Schule heißen.

Die Legende

Auch in der gerade neu errichteten Atzelschule gab es eine solche Initiative. Hier war es die Legende der Atzeln, die den Verantwortlichen in Bad Camberg so gefiel: Die Elstern machten „Krach im Gebück“, als die Walsdorfer Raubritter im Mittelalter versuchten, die Stadt zu überfallen. Die Wachen waren eingeschlafen, und ohne das Zutun der Vögel wäre Schlimmes passiert, heißt es. Die Atzeln als Retter, eine ortstypische Legende, die seit Jahrzehnten in der Grundschule gelehrt wird. Die Atzel ist Markenzeichen der Ferienspiele für die Erst- bis Viertklässler – es gibt wohl kein Kind in Bad Camberg, das die Atzeln nicht kennt.

Fast zwei Jahrzehnte ist es her: Die Angelegenheit beschäftigte die Stadtverordnetenversammlung, den Kreistag, den Kreisausschuss. Die Bad Camberger waren dafür – das Stadtparlament entschied mehrheitlich: Atzelschule soll sie heißen. Im Kreistag gab es Debatten über beide Schulen, Hinweise auf Landes- und Kreis-Schulrichtlinien sowie die Anmerkung, man könne die Schule nach einer Persönlichkeit benennen, wie Theodor Heuss zum Beispiel. Das Gegenargument, es gebe bereits eine Regenbogenschule in Hessen, der Name sei also statthaft, fruchtete nicht. Das Ganze wurde zum Politikum, der Kreistag für nicht zuständig erklärt, der Kreisausschuss entschied sich mehrheitlich gegen beide Namen. „Regenbogenschule“ sei doch nur eine Zeiterscheinung, hieß es.

Der Kreis ist Schulträger, also zuständig. Deshalb war es jetzt auch die Kreisverwaltung, die das Staatliche Schulamt aufgefordert hat, die Schule aufzufordern, die Presse aufzufordern. . . So geschehen.

Michael Wüst ist neu. Er hat gerade erst die Leitung der Erbacher Grundschule übernommen. Anne Sandner ist schon länger da. Allerdings: „Das Problem habe ich geerbt“, sagt sie. Als sie die Schulleitung übernahm, war die Atzelschule bereits in aller Munde – nur nicht offiziell. Daher jetzt die nachdrückliche Ermahnung.

Kommentar von Petra Hackert:

Die Debatte von vor 19 Jahren beginnt neu. „Regenbogenschule, nur eine Zeiterscheinung“, hieß es damals. Eine, die immerhin seit 19 Jahren Bestand hat, wenn auch noch immer nicht offiziell. Bei der Atzelschule fällt es noch mehr auf: Es gibt die Ferienspiele mit der Atzel als Symbol, die Schülerbetreuung „Atzelkids“, den Bad Camberger Stadtlauf, bei dem die Kinder mit den T-Shirts „Atzelschule“ auftreten, und das mit Stolz. Kinder und Eltern mögen ihren Schulnamen. Die Lehrer, mit Verlaub: Für sie ist es eine unmögliche Situation, abgestraft zu werden, wenn sie das Wort verwenden, das seit zwei Jahrzehnten in aller Munde ist. Sie sind stolz auf die Legende, sie freuen sich über den Namen, der übrigens auch auf dem Schulgebäude steht – in Anführungszeichen neben dem Kreis-Wappen. Es ist an der Zeit, aufzuräumen. Das heißt, anzuerkennen, was die Menschen, die hier quasi „mit den Füßen abgestimmt“ haben, wollen. Ein neuer Vorstoß der Schulkonferenz könnte Klarheit schaffen. Vielleicht gelingt es dem Kreisausschuss fast zwei Jahrzehnte später, den Wunsch vor Ort zu berücksichtigen. Und, allen ernstes: Gibt es nicht andere Probleme, als Pädagogen, Eltern und Schüler wegen eines Namens zu piesacken?

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