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Ein Chor fürs Auge

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© Koenig, Johannes

Was für eine Chance: Ein Chor, in dem man auch ohne Stimme mitmachen kann – der Lieder so präsentiert, dass auch gehörlose Menschen sie erleben können. Der Gebärden-Sing-Chor von Mareike Moskaliuk ist inklusiv und hohe Kunst.

Sie selbst singt nicht mit. Das muss sie auch gar nicht. „Ich habe genug Ausdrucksmöglichkeiten. Warum sollte ich singen?“, fragt Mareike Moskaliuk und lacht. Schließlich hat sie zwei gesunde Hände, ein ausdrucksstarkes Gesicht, Gefühl für Rhythmus. Und sie kann gebärden. Und natürlich hat sie eine große Liebe zur Musik – die stammt noch aus der Zeit, in der sie hören konnte. Und sich noch getraut hat, selbst laut zu singen.

Das ist lange vorbei. Aber die Freude an der Musik ist geblieben und die Freude daran, anderen Menschen Freude zu bereiten – warum also nicht beides verbinden? Und warum nicht Gesang und Gebärden verbinden, zwei Sinne, zwei Sprachen. Im vergangenen Sommer stand Mareike Moskaliuk erstmals mit den Zwiebelfisch-Spielleuten auf der Bühne, tatkräftig unterstützt mit Gesang und theaterpädagogischen Hilfen von Tatjana Glücks-Trommershäuser. Seit Oktober gibt es ihren Gebärden-Sing-Chor; seinen ersten großen Auftritt hatte er im Dom, zum Abschlussgottesdienst des Modellregion „Kirchen und Inklusion“.

Einige Mitglieder können hören, einige nicht. Einige können gebärden, andere lernen es gerade. Aber alle wissen, wie beeindruckend und berührend es ist, wenn Gesang und Bewegung sich zusammentun, wenn die Musik eine Verbindung eingeht.

Mareike Moskaliuk weiß noch genau, wann sie wieder angefangen hat, Musik zu hören, Töne bewusst wahrzunehmen: Nicht einmal sieben Jahre ist das her, drei Jahre nachdem sie das Cochlea-Implantat (CI) bekommen hatte. Dann habe sie versucht, Musik zu summen und wieder begonnen, Liedtexte zu lernen. Aber viele Lieder habe sie damals noch im Kopf gehabt – aus der Zeit, in der sie ständig gesungen und überhaupt viel Musik gemacht hat. Sie habe Klavier, Flöte und Gitarre gespielt und sei oft trällernd durchs Haus getanzt, sagt Mareike Moskaliuk. Bis sie an Meningitis erkrankte und ertaubte – von einem Tag auf den anderen. Neun Jahre alt war sie damals.

Von da an gab es erst einmal keine Musik mehr. Nicht einmal ihr Bruder habe noch in ihrer Gegenwart Klavier spielen dürfen, sagt Mareike Moskaliuk. „Weil ich es nicht ertragen habe, nicht hören zu können, wenn er spielt.“

Mit dem Cochlea-Implantat kann sie wieder hören, was ihr Bruder spielt, sie hat zumindest eine Ahnung, wie es sich anhören würde, wenn sie hören könnte. Und sie fing an, für sich alleine zu singen. „Es war schön, die Erinnerung hochzuholen und eine Verknüpfung zu schaffen“, sagt Mareike Moskaliuk. Inzwischen singt sie sogar ab und zu mal mit ihrem Lebensgefährten, und er versichere ihr auch, dass es sich gut anhöre, nur ganz selten mal ein Ton daneben gehe. „Aber für mich fühlt es sich falsch an.“ Denn sie habe noch eine gute Erinnerung daran, wie es sich anfühlen muss, wenn es richtig klingt. Auf den Höreindruck durch das Implantat wolle sie sich jedenfalls nicht verlassen. „Das CI muss immer wieder neu programmiert und angepasst werden.“

Auf ihre anderen Sinne kann Mareike Moskaliuk sich verlassen. Und sie weiß, wie viel Mut es erfordert, sich mit ausladenden Gesten und expressiver Mimik vor fremden Menschen zu produzieren. Aber sie weiß auch, dass es vielen Menschen gar nicht schadet, wenn sie ein Gefühl für ihren Körper bekommen und für seine Möglichkeiten, sich auszudrücken. Und wenn sie dann noch singen können, profitieren sie noch mehr: „Wer singt und gebärdet, hat eine ganz andere Ausdrucksstärke“, sagt Mareike Moskaliuk. Schon wenn man die Arme ausbreite, bekomme die Stimme mehr Volumen – und mehr Gefühl.

Alle stehen im Kreis

Die Chorproben beginnen immer erst einmal mit Lockerungsübungen. Alle stehen im Kreis, damit sie sich sehen können. Dann gibt es ein Rhythmusspiel, schließlich müssen alle Bewegungen synchron sein, „damit der Rhythmus sichtbar wird“.

Dann geht es an die Textarbeit. Mareike Moskaliuk macht die Gebärden vor. Wort für Wort, Satz für Satz. Und manchmal diskutiert sie mit den anderen Chormitgliedern, wie der passende Gesichtsausdruck zu der Gebärde aussehen muss, und wie der Text gebärdet werden muss, damit er zum Rhythmus der Musik passt. Und dann freut sie sich, wenn sie sieht, wie die Körper der anderen Chormitglieder „immer größer, immer ausladender, immer offener“ werden.

Nun hofft sie, dass auch ihr Chor größer wird, „20 Leute dürfen es schon werden“. Und dann soll auch das Repertoire wachsen. Angefangen hatte alles mit „Geh aus mein Herz und suche Freud“, weil das Lied „so bildhaft ist“. Ansonsten standen bislang vor allem Volks- und Kinderlieder auf dem Programm, weil Mareike Moskaliuk die noch in ihrem Kopf hatte. Für den Auftritt im Dom hat der Chor natürlich ein geistliches Lied einstudiert. „Jetzt würde ich gerne mal einen Schlager angehen.“

Besonders musikalisch müsse man nicht sein, um im Gebärden-Sing-Chor mitzumachen. Aber man müsse offen sein, Lust haben, etwas Neues zu lernen und neugierig sein auf andere Ausdrucksformen. Und man müsse Lust haben, sich zu Musik zu bewegen. Und wer dann auch noch singen kann und sich traut, laut mitzusingen, ist natürlich besonders willkommen im Gebärden-Sing-Chor. Aber für seine Auftritte wolle der Chor eigentlich professionelle Sänger engagieren. Schließlich soll es sich gut anhören, sagt Mareike Moskaliuk und lacht. Und nicht nur gut aussehen.

Chorproben:

Der Gebärden-Sing-Chor trifft sich donnerstags von 17.30 bis 19 Uhr im evangelischen Gemeindehaus Bad Camberg. Weitere Informationen gibt es bei Mareike Moskaliuk, E-Mail mmoskaliuk@gmx.de

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