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Das Gedächtnis der Stadt

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Von: Petra Hackert

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Karl Heinz Braun als Ehrengast bei der 1250-Jahr-Feier in Würges 2018.
Karl Heinz Braun als Ehrengast bei der 1250-Jahr-Feier in Würges 2018. © Petra Hackert

Der Stadthistoriker Karl Heinz Braun ist im Alter von 87 Jahren gestorben

Würges -Ohne ihn wäre die Würgeser Geschichte um vieles ärmer. Gemeinsam mit dem früheren Stadtarchivar Erich Müller (gest.) hat er unter anderem das Würgeser Pfarrarchiv aufgebaut, unzählige Fakten, Wissens- und Erzählenswertes zusammengetragen, im Bad Camberger Stadtarchiv mitgearbeitet und mehr als zwei Jahrzehnte als Stadtschreiber gewirkt. Jetzt ist Karl Heinz Braun im Alter von 87 Jahren gestorben.

In den 70er Jahren hatte der Würgeser begonnen, sich für die Ortsgeschichte zu interessieren. Sein fundiertes Wissen eignete sich der ehemalige Betriebsleiter der Adam Opel KG mit intensiver Archivarbeit an - in Würges, Bad Camberg, aber auch im Staatsarchiv Wiesbaden. Hinzu kam das Gespräch mit den Menschen. Er war sehr gründlich. So gelang es ihm, eine Engländerin zu befragen, deren Onkel Funker des Flugzeuges war, das im Januar 1944 über Würges abgestürzt war. Aus eigenen Recherchen und Erlebnissen machte er sich nach und nach ein Bild von der Geschichte des Stadtteils.

So ist er immer vorgegangen: Sehr stark in der Detailarbeit. Er hat sich selbst gefordert, Namen, Daten, Fakten gesucht, wo sie fehlten. Es gab kein historisches Gruppenfoto, seien es alte Klassenbilder oder aus der Vereinsgeschichte, bei dem er sich nicht darum bemüht hätte, die Namen aller Abgebildeten ausfindig zu machen. Sie fehlten oft. Und er hatte eine große Freude daran, sie den Gesichtern zuzuordnen und so der Nachwelt zu erhalten.

Das führt zu seiner zweiten Leidenschaft: die Fotografie. Immer wieder griffen Vereine, aber auch die Stadt Bad Camberg, darauf zurück. Er war zur Stelle, wenn es darum ging, zu dokumentieren, festzuhalten, aber auch dabei zu sein. So geben nicht nur die beiden Bücher „Würges in der Geschichte“, das er mitgeschrieben hat, sowie „Würges und Umgebung im Spiegel der Zeit“, das aus seiner Feder stammt, Einblick in diese Arbeit. In dem Werk hat er viele kleine Begebenheiten von 1600 bis ins Jahr 2000 wiedergegeben.

Ehrenbrief des Landes Hessen

Er forschte und publizierte vielfältig, bereicherte mit seinem Fachwissen den Verein Historisches Camberg, dem er 44 Jahre angehörte. Aber nicht nur diesen. Als der Würgeser Turnverein 100 Jahre alt wurde, war Karl Heinz Braun wie selbstverständlich derjenige, der die Fakten für die Festschrift sammelte und über diese Zeitung darum bat, ihm Informationen zukommen zu lassen. Auf diese Weise unterstützte er mehrere Vereine. Natürlich auch die Würgeser Feuerwehr und den Bad Camberger Obst- und Gartenbauverein, dessen Ehrenmitglied er war, zum 125. Geburtstag. 2010 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Verschönerungsvereins Würges. Zur 1250-Jahrfeier in Würges griff er wieder zur Feder und erlebte 2018 er mit großer Freude den Zusammenhalt in seinem Dorf - eine Gemeinschaft, die er mit getragen hat.

Bad Camberger Stadtschreiber: Das war er 21 Jahre lang - alles ehrenamtlich. Tausende Stunden flossen in diese Tätigkeit. Bis zu seinem Ausscheiden 2018 hatten Brauns Tochter Petra Maurer, Ottheinrich Lang und Karl Heinz Braun das Jahrbuch der Stadt erstellt, unterstützt von Marianne Adam als Lektorin. Mit über 80 Jahren entschloss er sich, hier kürzer zu treten. Seine Aufgabe im Stadtschreiber-Team übernahm Dr. Peter Schmidt.

Vor zwei Jahren überreichten ihm Bürgermeister Jens-Peter Vogel und der damalige Stadtverordnetenvorsteher Heinz Schaus (beide SPD) im Auftrag von Landrat Michael Köberle (CDU) den Ehrenbrief des Landes Hessen. „Die Stadt Bad Camberg hat über mehrere Jahrzehnte von der ehrenamtlichen Tätigkeit von Karl Heinz Braun profitiert“, sagt der Bürgermeister heute und erklärt, dass die Stadt Bad Camberg mit Karl Heinz Braun einen sehr engagierten Mitbürger verliert, dessen Wirken im Stadtarchiv von großer Bedeutung ist. „Die Stadt Bad Camberg ist Herrn Braun zu großem Dank verpflichtet.“

Postraub in Würges von 1801

Was verdanken die Menschen Karl Heinz Braun? Viele Geschichten, Anekdoten und Details. Kleines Beispiel: Als bei einem Beitrag dieser Zeitung auf dem Bild bei einer Holzarbeit die Schutzbrille fehlte, rief Karl Heinz Braun an. Fliegende Späne, ihm fiel das im Lokalteil der Zeitung auf. So durfte man nicht arbeiten. Ja, dieser Moment war gestellt. Der Mann hatte eigens für das Foto seine Brille kurz abgenommen. Der Fachmann Karl Heinz Braun reagierte. „Das Bild gibt kein gutes Beispiel.“ Vorbildfunktion. Sein Anliegen für andere: „Man hat nur zwei Augen, und die muss man schützen.“

Es gibt noch viel mehr zu erzählen. Manches liegt sehr lange zurück. Ein weiteres Beispiel: Eines der spektakulären Ereignisse der Historie, die immer wieder erwähnt und auch bei den Jubiläumsfeierlichkeiten 2018 eine Rolle spielten, war der Postraub in Würges von 1801. Erich Müller und Karl Heinz Braun haben das Ereignis in der Würgeser Chronik detailliert beschrieben. Viele Legenden ranken sich um den Schinderhannes. Seine Beteiligung an diesem Raubzug ist Realität. „In seinem Prozess machte er dazu präzise Angaben“, berichtete Braun. Natürlich hat das Team Müller/Braun das aufgearbeitet. Ein Blick in die Chronik lohnt, noch heute.

„Er fehlt an so vielen Stellen“, sagt seine Tochter Petra Maurer. Die Krankheit, die zu seinem Tod führte, war schwer und ereilte ihn im Frühjahr plötzlich. Er wurde mitten aus einem sehr aktiven Leben gerissen und im engsten Familienkreis beigesetzt. Viele fühlen nun mit seiner Frau Marianne, den beiden Töchtern Petra Maurer und Karin Morris und ihren Familien.

Petra Hackert

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