ur zum Spaß oder weil das Laufen schwer fällt: In Zukunft können Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, mit der E-Rikscha durch Bad Camberg fahren. Seniorenpflegerin Eva Lewalter sitzt aber nicht immer am Steuer.
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ur zum Spaß oder weil das Laufen schwer fällt: In Zukunft können Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, mit der E-Rikscha durch Bad Camberg fahren. Seniorenpflegerin Eva Lewalter sitzt aber nicht immer am Steuer.

Der Blick hat sich verändert

Das Potenzial der Älteren nutzen

  • Sabine Rauch
    VonSabine Rauch
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"Seniorenpflegerin" aus Bad Camberg spricht über die Bedürfnisse und den Angebote für Senioren im Kreis Limburg-Weilburg.

Bad Camberg -Beim Begriff geht's ja schon los: Wer ist überhaupt ein Senior? Wollen die Alten überhaupt "Senioren" sein? Wann ist man alt? Und was macht ein Seniorenpfleger? "Ich pflege keine Senioren", sagt Eva Lewalter. Aber "Seniorenarbeiter" führt auch in die Irre. Sie arbeite nicht mit Senioren, sagt Eva Lewalter. "Ich will ihnen zeigen, dass es nach der Arbeit noch mal richtig losgehen kann, dass sie ganz viel erleben, weitergeben, mitgestalten können." Und genau das macht Eva Lewalter seit anderthalb Jahren, seit sie die "Seniorenpflegerin" von Bad Camberg ist.

Den Namen des Programms hat sie schon geändert. Es heißt "Programm für ältere Menschen", nicht mehr Seniorenprogramm. Und schon im Vorwort steht, worum es geht: "Wir möchten den Blick auf Senioren verändern", eine neue Definition des Alters schaffen, denn die Alten spielten in einer alternden Gesellschaft eine zentrale Rolle. Außerdem sind die Alten von heute meist gesund, oft gebildet und haben viel Zeit. "Dieses Potenzial muss man nutzen."

Dieser Blick auf die Senioren verändert auch die Arbeit der Seniorenpflege: "Vernetzung ist meine Hauptarbeit", sagt Eva Lewalter. Denn den meisten noch jungen Alten müsse man gar kein klassisches Angebot machen. Keine Sitzgymnastik, keine Bastelnachmittage, kein Gehirnjogging. Was natürlich auch noch mit im Programm ist, aber: "Die Senioren von heute wollen reisen, Radfahren, mit den Enkelkindern unterwegs sein, sich engagieren."

Neue Konzepte in

der Weiterbildung

Und sie wollen sich weiterbilden. Zum Beispiel den Umgang mit Computer und Smartphone. Computerkurse für Senioren bietet die Seniorenpflege schon seit langem an, inzwischen aber mit neuem Konzept: Jeder bringt sein eigenes Gerät mit, denn im Zweifelsfall ist der Computer zu Hause ein ganz anderer als der im Kursraum.

Aber auch die Form soll sich ändern. Eva Lewalter hat zwei Ideen: Die eine ist es, mit dem Computerkursus nicht nur Menschen aus der Wählscheibentelefon-Generation in die digitale Welt zu begleiten, sondern auch jung und alt zusammenzubringen. Wie wäre es, wenn Schüler den Senioren den Umgang mit dem Smartphone zeigen? Dann könnten alle voneinander lernen, und die Schüler bekämen obendrein noch ein Zertifikat für ihre Bewerbungsunterlagen.

Die zweite Idee sind Digitalbotschafter. Eva Lewalter denkt an frische Rentner, die sich noch einmal weiterbilden und dann sozusagen auf Augenhöhe zeigen, wie man an der modernen Welt teilhaben kann. Wer Hilfe sucht, soll im kommenden Jahr dann wählen können: Lernen beim Computer-Profi, beim Schüler oder beim Altersgenossen. Aber die Pandemie macht die Umsetzung solcher Ideen nicht einfacher.

Ein Plan wird aber schon bald Realität: Bad Camberg bekommt zwei E-Rikschas, die Finanzierung steht. Im kommenden Jahr kann es losgehen, das Geld kommt vom Hessischen Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, es fördert Projekte, die der gesellschaftlichen Teilhabe von Menschen dienen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind.

Die Vernetzung im Bad Camberger Rathaus hat geklappt, von der Idee der E-Rikschas waren die Abteilung Jugend- und Seniorenpflege und das Umweltreferat begeistert, das Familienzentrum stellte die ersten Testfahrer. Weitere Kooperationspartner sind willkommen.

Und die Bad Camberger natürlich auch: Im Sommer konnten einige von ihnen Probe fahren, es gab schon jede Menge Anfragen. Die E-Rikscha sei sicher ein Gewinn für die Menschen in der Stadt, sagt Eva Lewalter. Mit ihr könnten auch jene Menschen mal wieder in die Altstadt, die sonst kaum noch vor die Tür kommen, sogar durch den Kurpark oder zur Kreuzkapelle könne man mit der Rikscha fahren.

Ehrenamtliche Fahrer

für E-Rikschas gesucht

Ob nach Fahrplan oder online buchbar steht noch nicht fest. Fest steht aber, dass die Stadt sich jetzt auf die Suche nach ehrenamtlichen Fahrern macht. Und auch da setzt Eva Lewalter auf Senioren. Gesucht sind Männer und Frauen, die Freunde an der Bewegung haben, gerne an der frischen Luft sind und noch etwas lernen wollen. Denn für die E-Rikscha braucht man eine Ausbildung. Und die soll so gut sein, dass die Absolventen dann nicht nur fahren, sondern auch selbst Fahrer ausbilden dürfen. Ganz nachhaltig.

Das Brücken bauen sei ihre Aufgabe, sagt Eva Lewalter. Und da sei das Alter eigentlich egal. "Wir brauchen keine Angebote für Senioren, sondern für alle, die Lust haben." Alle könnten voneinander lernen, aber dafür müsse man sie eben erst einmal alle zusammenbringen. Die Stadt Bad Camberg hat das versucht mit der Kreativräder-Aktion und sie versucht es mit dem Kräutergarten-Projekt. Beim Gärtnern ist es egal, wie alt man ist. Elf Ehrenamtliche kümmern sich derzeit um den Bad Camberger Kräutergarten, fachlich (ehrenamtlich) begleitet von Magaretha Kilian. "Das ist eine klassische Win-Win-Situation", sagt Eva Lewalter und lacht. Die Menschen haben die Möglichkeit, ihrem Hobby nachzugehen, sie lernen etwas über Kräuter und die Kurstadt hat einen gepflegten Garten.

Natürlich gibt es in Bad Camberg auch noch die klassischen Seniorentreffs, mit Vorträgen von der Polizei, Infos über die Pflege in den eigenen vier Wänden, und Kaffee und Kuchen. "Und wir organisieren auch seniorengerechte Fahrten."

Aber es gibt eben auch das andere Programm. "Wir müssen das Potenzial sehen und fördern, und die Menschen begleiten", sagt Eva Lewalter. "Seniorenbeauftragte" wäre dafür vielleicht eine gute Bezeichnung. Aber die Berufsbezeichnung sei ja gar nicht wichtig. Empathie sei wichtig und die Fähigkeit zu motivieren. "Damit die Menschen ihren Blickwinkel verändern und sehen, dass es ein Leben nach dem Beruf gibt."

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