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Der Kirchenchor bei der Großfastnacht 2012 mit den Orgelpfeifen auf dem großen Wagen.

75 Jahre Kirchenchor Bad Camberg

Die Stimmen der Menschen - im Chor und mit Humor

  • vonPetra Hackert
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Die Pandemie verändert allesDer Bad Camberger Kirchenchor ist jetzt wieder in der allgemeinen Corona-Pause. Davor ist er anders aufgetreten als sonst - der Pandemie geschuldet. Es gibt keine Menschenmassen mehr. Das war eine Zeitlang die Regel, nicht nur beim Singen, sondern bei vielen Aktivitäten wie zur Fastnacht.

Bad Camberg -Was macht ein Kirchenchor, wenn er auf ein Hausschwammproblem im Gotteshaus aufmerksam machen möchte? Die Bad Camberger wählten 2002 einen besonderen Weg: Mit 30 Leuten verkleideten sie sich beim Fastnachtszug als Schwämme. Ihr Spruch: "Ab und an haust hier der Schwamm." So können Probleme aufgezeigt und anschließend gelöst werden. Manchmal griffen sie sogar auf alte Ideen zurück, wie 1997. "Arme Kirchenmäuse": So verkleidet beteiligte sich der Kirchenchor am Umzug, um für die Renovierung der altersschwachen Orgel zu werben. Das Kirchenmaus-Motiv hatten sie 20 Jahre vorher schon einmal verwendet, denn Camberg, die Fastnacht und der Kirchenchor - das gehört irgendwie zusammen.

Dem Carnevals Verein Camberg 1832 wollen die Choristen natürlich nichts streitig machen. Als bedeutende karnevalistische Kongregation - noch älter als die Vereine in Mainz und Köln - kann der CVC auf eine lange Tradition und engagierte Unterstützer zurückgreifen. Doch auch der Kirchenchor hat Humor. Das beweisen die Auftritte bei den Festzügen, aber auch die Chorfastnacht, die sich schon in dem 50er Jahren bei Familie Herboldsheimer im Bayrischen Hof entwickelt hatte.

Gesang, Glück und Geselligkeit

Das ist es auch, was den Sängerinnen und Sängern sofort einfällt, wenn man sie fragt, was sie mit ihrem Kirchenchor verbinden. Natürlich der Gesang, aber auch die Geselligkeit. Die gibt es bei diesen Gelegenheiten, außerdem bei den zahlreichen Ausflügen, die den Terminkalender im Laufe der Jahre bereichert haben. Dies und der Anspruch, gute Musik zu machen - das alles führt die Menschen zum Chor.

"Eine eingeschworene Gemeinschaft", sagt Brigitte Thuy. Den Eindruck hatte sie schon, als sie als Kind in der Kirche nur zuhörte und noch gar nicht so viel damit anfangen konnte. Bei Heinrich Thuy, ihrem heutigen Schwager, hatte sie damals Klavierstunden. "Er hat eifrig Werbung für den Chor gemacht und mir öfter mal in die Noten reingeschrieben: Am Freitag ist Chorprobe! Letztendlich war das ausschlaggebend dafür, dass ich in den Chor gegangen bin."

"Freitags Chorprobe, das war immer gesetzt", erzählt die 60-Jährige. Seit über drei Jahrzehnten ist sie dabei, außerdem als Kassiererin im Vorstand aktiv. "Da haben wir uns doch die ganze Woche schon drauf gefreut. Und anschließend geht man zusammen weg." Was ihr noch gefällt? "Die Lockerheit unseres Chorleiters Thuy", sagt die Sopranistin. Er fordere, so dass es gelänge, auch Schwieriges zu meistern. Dies auf eine so angenehme Art, dass es einfach Spaß macht. "Manchmal höre ich mir die alten CDs an und bekomme eine Gänsehaut. Das haben wir wirklich gesungen?", erzählt sie. "Für einen Laienchor enorm." Beethovens Ode an die Freude, in der wahrhaft "in den höchsten Tönen gesungen" wurde, empfand sie als schwer. Das Mozart-Requiem und das Deutsche Requiem von Johannes Brahms sind für sie die schönsten Stücke. Das tut gut, und die vielen kleinen Sprüche des Chorleiters. "Die müsste man eigentlich aufschreiben, weil sie sonst verloren gehen", sagt Brigitte Thuy. Heinrich Thuy ist übrigens ihr Schwager und nicht ganz unschuldig daran, dass sie zum Kirchenchor gestoßen ist. "Ich hatte damals Klavierstunden bei ihm. Er hat eifrig Werbung für den Chor gemacht und mir öfter mal in die Noten reingeschrieben: am Freitag ist Chorprobe! Letztendlich war das ausschlaggebend, dass ich in den Chor gegangen bin."

Viele vermeintlich kleine Dinge

Aufschreiben - das macht Simone Martin, wenn sie die Chorarbeit in der Corona-Zeit vorbereitet. Jetzt ist wieder alles komplett lahmgelegt. Als auf Abstand mit weniger Sängern geprobt wurde, mahnte sie, dass die Kirchentüren offen bleiben müssen. Die Sängerinnen und Sänger mussten sich über die richtige Kleidung Gedanken machen. Gemeinsam mit ihrem Mann Dominik kümmert sie sich um viele vermeintlich "kleine Dinge", die die Chorgemeinschaft braucht. "Sie führt die Anwesenheitslisten, schreibt die Mails an alle Mitglieder, wenn besondere Informationen rausgehen müssen, kümmert sich um die Dekoration des Pfarrsaals bei Feiern und vieles mehr. Ganz besonders wichtig ist das Ehepaar Martin bei Festen. Sie organisieren dabei federführend fast alles. Natürlich bekommen sie dabei auch Hilfe von anderen. Aber eigentlich verlassen sich immer alle auf sie", erzählt ihre Vorstandskollegin Liane Engel.

Liane Engel kam "von außerhalb" zum Kirchenchor. "Ich bin seit 1997 dabei. In ähnlichen Chören singe ich schon, seit ich 16 bin. Und immer wenn ich in einen anderen Ort umgezogen bin (Sulzbach und Bad Camberg), habe ich mir als allererstes einen Chor gesucht, egal ob katholisch oder evangelisch, Hauptsache, es macht Spaß. Auf diese Weise konnte ich schnell neue Leute kennenlernen." Als sie nach Bad Camberg umgezogen war, sah sie im November die Konzertplakate für das Adventskonzert, an dem das Magnificat von Bach angekündigt wurde. "Mein erster Gedanke war, ,was, hier gibt es einen Chor der ein solches Werk singen kann?'. Natürlich habe ich mir das Konzert angeschaut und danach stand fest, da will ich auch mitmachen." Sehr schön war 1997 auch, dass der Chor, obwohl sie erst ein halbes Jahr dabei war, bei ihrer kirchlichen Trauung gesungen hat.

Die Corona-bedingte Pause empfindet sie als seltsam. "Ich glaube, das ist die längste Zeit seit meinem 16. Lebensjahr ohne Chorproben. Schön war es, Mitte August zumindest die Hälfte des Chores wiederzusehen." Jetzt liegt wieder alles brach, dem zweiten Lockdown geschuldet. Das Singen mit nur wenigen sei eine Alternative gewesen. Aber auch gewöhnungsbedürftig durch die großen Abstände zwischen den Sängerinnen und Sängern, das ungewohnte Umfeld in der Erbacher Kirche, die Akustik. Das bestätigt ihre Mitstreiterin Karin Weiß: eine seltsame Art zu proben. "Wir kamen uns so vereinzelt vor." Doch besser, als gar nicht, meint Liane Engel. Sie versteht die Schutzmaßnahmen, hofft, dass alle die Pandemie gut überstehen und freut sich auf die Zeit, wenn der Chor wieder üben darf. Selbst auf Abstand ist für sie klar: "Hauptsache, wir singen wieder."

Ein Gründungsmitglied, die älteste Sängerin und die beiden Nesthäkchen erzählen

Heinz Willi Peuser hat den Camberger Kirchenchor vor 75 Jahren mit gegründet. Seit zehn Jahren ist er nicht mehr aktiv. Seine Frau Mechthild (87) ist noch dabei und die älteste Sängerin. Beide schätzen den Gesang, die Gemeinschaft, die Freundschaften, die durch den Chor entstanden sind. "Schon der erste Auftritt Weihnachten 1945 war ein Erlebnis", erinnert sich der 92-Jährige. Im Gedächtnis geblieben sind viele Ausflüge, gesellige Termine und hochkarätige Konzerte. Dies häufig in starker räumlicher Enge. Das kann man sich zurzeit gar nicht vorstellen. Die letzten Proben vor dem neuerlichen Lockdown waren auf Abstand. Jeden Freitag probte der halbe Chor mit maximal 35 Personen in der Erbacher Kirche.

Eindrücke aus dieser ungewöhnlichen Zeit: "Ich finde es natürlich sehr schön, wieder singen zu können, auch wenn dies leider nur in einer kleineren Gruppe stattfinden kann. Auch der große Abstand ist eine musikalische Herausforderung für uns, da man alle anderen nicht so gut hören kann und der Klang verschwimmt", erzählt Alexandra Engel. Die 22-Jährige und ihr drei Jahre jüngerer Bruder sind die Nesthäkchen im Chor. "Es war schön, alle Chormitglieder wiederzusehen. Eigentlich fühlte es sich an, als hätte man vor Kurzem noch ganz normal geprobt, jedoch weiß man natürlich, dass eine kleine Ewigkeit seitdem vergangen ist", meint die junge Frau.

Ihr Bruder hatte mit 13 Jahren begonnen, im Kirchenchor zu singen. Seine Motivation: "Ich war im Sommer mit dem Cello auf einer Musikfreizeit, wo neben der Orchester- und Kammermusik auch viel gesungen wurde. Da sowohl meine Mutter als auch meine Schwester schon im Kirchenchor waren, lag es nahe, dass ich erst einmal mit ihnen dort hingehe." Mittlerweile studiert der 19-Jährige in Darmstadt. In Sachen Kirchenchor kam ihm Corona zugute: kein Präsenz-Unterricht an der Uni, dafür regelmäßige Probenbesuche in der Erbacher Kirche. "Auch wenn Corona das für mich vereinfacht hat, ist es natürlich für den Chor eher schwierig gewesen", weiß Sebastian Engel. "Gerade mit einem Altersdurchschnitt ,der mittlerweile sehr hoch liegt, waren Proben wie vor der Pandemie absolut unverantwortlich. Mein Glück war, dass ich schon ab und zu in kleiner Gruppe von acht Leuten wieder einmal im Gottesdienst auch vor dem offiziellen Probenstart singen durfte. Auch wenn vier Frauen und vier Männer nicht das volle Volumen des gesamten Chores ersetzen können, war es doch eine schöne Erfahrung, in dieser kleinen Runde nur mit den ,stärksten' Sängerinnen und Sängern zu singen."

Bei den schon etwas gewöhnungsbedürftigen Abstandsproben des großen Chores sei auffällig gewesen, wie es von Woche zu Woche besser wurde. Sebastian Engel ist sicher: "Der Chor wird daran wachsen." Daraus zieht er auch Lehren für die Zeit nach der Pandemie: "Im Abstands-Chor ist regelmäßiger Blickkontakt zum Dirigenten und aufmerksameres Hören unausweichlich. Dies ist auch für das Singen unter normalen Umständen sehr wichtig. Da wir aber kein Profichor sind, kommt es manchmal etwas kurz. Vielleicht schafft der Chor es ja, dies durch die Corona-Phase zu etablieren." pp

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