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Diese Mischung ist hochexplosiv

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Von: Petra Hackert

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Der Haushund lebt, stellen alle voller Schrecken fest, v. l.: Eric Birod, Jörn Kühnel, Nadine Kairies und Sarah Sowarsch.
Der Haushund lebt, stellen alle voller Schrecken fest, v. l.: Eric Birod, Jörn Kühnel, Nadine Kairies und Sarah Sowarsch. © Petra Hackert

Noch nie haben Aktive des Bad Camberger Festspielvereins so lange für ein Stück geprobt. Im März 2020 sollte "37 Ansichtskarten" eigentlich aufgeführt werden. Die Pandemie machte mehrfach einen Strich durch die Rechnung. Am Wochenende startete nun das erste Theaterstück nach der Corona-Zwangspause im renovierten Kurhaus.

Bad Camberg -Er war acht Jahre weg und hat seinen Eltern 37 Ansichtskarten nach Hause geschickt - glauben sie. Dann kommt er zurück und ist verlobt - hofft er. Doch alles wird ganz anders, als er wieder daheim ist. Avery Stanford ist reich, seine Familie besitzt ein großes Haus, er ist nett, gutaussehend und verliebt. Seine Verlobte - freundlich, hübsch, clever. Liebt sie ihn?

Das ist nur eine Frage, die sich im Laufe des Theaterspiels auf der Bad Camberger Kurhausbühne stellt. Das gar nicht mal am Anfang. Michael McKeever baut in seiner Komödie "37 Ansichtskarten" vieles ganz schnell, doch eines ganz langsam und hintergründig auf. Nichts ist so, wie es scheint. Vieles komisch im doppelten Wortsinn. Das Publikum im Kurhaus, noch hinter Corona-Masken versteckt, folgt aufmerksam. Je später der Abend, desto kräftiger die Lacher aus den Reihen. Nein, das ist kein Schenkelklopfer. Und ja, sie lachen mindestens genauso über den Inhalt des Stücks wie über die darstellerische Leistung. Denn die ist schlicht genial.

Eric Birod: Er spielt den jungen Mann, der voller Freude nach Hause kommt und so nach und nach wieder in Vergangenes eintaucht. Da ist die Oma, leider verstorben, wie ihm seine Mutter schon mitgeteilt hatte. Sie spricht von einer Beerdigung mit Blütenmeer. Weiße Lilien überall. Ihr Blick schweift in die Ferne, das Publikum hält inne. Wenige Minuten später: Eine alte Frau mit Rollator schleicht über die Bühne. Ihr Gang ist schleppend, doch es wird laut. Tja, das ist die Oma. Doch nicht tot, aber sehr gehässig, was die liebe Verlobte als erstes erlebt. Und: Wo ist eigentlich das Hausmädchen? Komisch: Mama Stanford fällt immer wieder in ein Muster zurück: Sie verwechselt die Verlobte mit der Haushaltshilfe. Hilfe braucht sie sicher, doch welche?

Ein Haus voller Verrückter?

Dann noch "Tante Esther": Sie scheint die einzige in diesem Haushalt zu sein, die noch alle Nadeln an der Tanne hat - um es gewählt auszudrücken. Doch auch sie hat ein paar Leichen im Keller, die zu größtem Amüsement führen. Ja, hier ist nichts wie es scheint. Und nein: Sarah Sowarsch in der Rolle der Mutter und Nadine Karies als deren Schwester Esther sind im wirklichen Leben nicht verwandt. Doch Geschwister? Die Frage kam aus dem Publikum. Denn: Wenn beide immer wieder in die gleiche Richtung blicken, sich ähnlich verhalten, Gesichtsakrobatik wagen, mit leuchtenden Augen erzählen, sehen sie sich plötzlich sehr, sehr ähnlich.

Das macht den Reiz des Stücks aus: Allen tief in die Augen und in die Gesichter zu sehen. Dieses Strahlen, wenn sie vom Glück erzählen. Es wohnt auch Anne Wagner in der Rolle der Verlobten inne. Ein Energiebündel, das auf der Bühne explodiert, wenn alles in den Wahnsinn abzudriften scheint.

Gehässig, bösartig und durchtrieben

Katrin Jürgensen: Sie ist eine gewaltige Großmutter, biestig, gehässig und durchtrieben. Ihre Rollator-Kür auf der Bühne mit ausgestreckten Armen - fast wie Eiskunstlauf! Kaum zu glauben, dass sie das erste Mal auf den Brettern steht, die für so viele die Welt bedeuten.

Avery: Eric Birod spielt ihn nicht nur, er ist der junge Mann, der gegen alle Tücken der Realität und des familiären Irrsinns ankämpft. Der Mann mit den tausend Gesichtern. Denn er kann Grimassen ziehen, nach denen sein Gesicht beim Schlussapplaus seltsam entspannt wirkt. Geschafft!

Stanford senior: Diesen Akteur auf der Bühne muss man einfach erlebt haben. Jörn Kühnel wird zu Averys Vater, der so gerne Golf spielt. Am liebsten nachts. "Ich will jetzt einen schwingen gehen" - dieser Satz begleitet so manchen Zuschauer noch auf dem Heimweg. Der Tausendsassa in der Rolle des Vaters, der so gerne Leben in die Bude bringt - und dabei doch selbst todkrank ist. Auch eine der Wahrheiten, die nach und nach durchsickern.

Ein dunkles Familiengeheimnis, das mit dem Zwillingsbruder des frisch Verlobten zu tun hat, der Kampf um und gegen die Realität, für das Gute, um die eigene geistige Gesundheit: Hier kommt ganz viel zusammen.

Dem Bad Camberger Schauspielstudio unter der Regie von Christine Neumann gelingt es, das alles auf die Bühne zu bringen, und noch ein bisschen mehr. Die Spielfreude der sechs da oben ist so enorm, dass das Publikum vom ersten Moment an gefangen ist. 100 Premierengäste durften das am Freitagabend erleben. Bravo! PETRA HACKERT

Eine Theaterpremiere, die anders ist als jede zuvor

Diese Theaterpremiere war anders als die anderen. Zum einen, weil sie mit einer Schweigeminute begann. Alle erhoben sich von den Plätzen - aus Solidarität mit den Menschen in der Ukraine. Der brutale russische Angriffskrieg, die steigenden Infektionszahlen mitten in der Corona-Pandemie: Beides macht bedrückt. Und beidem wollen die Theaterleute entgegenwirken. Mit ein bisschen Freude "und etwas Normalität", wie der Vorsitzende des Vereins Bad Camberger Festspiele Stephan Krause zu Beginn der Premiere deutlich machte. Mehr noch: Er schilderte, wie schwer es war, unter Pandemiebedingungen zu proben.

Regisseurin Christine Neumann ließ sich nicht unterkriegen, spornte die Darsteller ihres Schauspielstudios zu Höchstleistungen an. Online-Proben gehörten dazu. "Teams" als Übertragungsmittel der Wahl erwies sich als möglich, aber schwerfällig. Weil sich alle gut kennen, wagten sie es trotzdem. Und es war richtig schwer. Dann war klar: Auch im Jahr 1 nach Ausbruch der Pandemie, im März 2021, sollte es keine Aufführung geben. Jetzt also die dritte Runde.

"Wir haben alle möglichen Maßnahmen ergriffen", berichtet Christine Neumann. Dazu gehörten nicht nur die Masken im Publikum, sondern auch stetes Testen, vorsichtiges Treffen, in Präsenz proben. Alle sind Amateurschauspieler. Niemand muss davon leben. Aber sie fühlen mit denen, deren künstlerisches Schaffen gerade so eingeschränkt ist. Und sie wollen ein Zeichen setzen, dass sie nicht aufgeben, dass sie trotzdem etwas leisten können.

Dann kam der russische Angriff auf die Ukraine. Das Leid der Menschen bewegte alle im Publikum, war vor und nach dem Stück Gesprächsstoff. Und dennoch: Ein wenig Normalität wollen sie bieten, zeigen, was sie können, bevor der Alltag zurückkehrt, der für niemanden mehr so ist wie zuvor. pp

Weitere Aufführungen

Nach der Premiere am Freitag wird das Schauspielstudio im Verein Bad Camberger Festspiele Michael McKeevers "37 Ansichtskarten" noch viermal im Kurhaus aufführen: Am Samstag, 12., Freitag/Samstag, 18./19. März, um 19.30 Uhr, am Sonntag, 13. März, um 18 Uhr. Karten kosten im Vorverkauf zehn, an der Abendkasse zwölf Euro. Im Vorverkauf gibt es Eintrittskarten im Zigarrenhaus Brück, (0 64 34) 73 71, und bei der Kurverwaltung (Tourist-Info im Kurhaus), (0 64 34) 20 24 11 und -4 12.

"Gillian" Anne Wagner und "Avery" Eric Birod begrüßen "Oma" Katrin Jürgensen.
"Gillian" Anne Wagner und "Avery" Eric Birod begrüßen "Oma" Katrin Jürgensen. © Petra Hackert

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