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Graue Busse vor der Landesheilanstalt Eichberg, mit denen die Menschen transportiert wurden.

Bad Cambergerin starb in Heilanstalt

Euthanasie nicht nur in Hadamar

Das tragische Schicksal der Wilhelmine Hofmann

Bad Camberg -Über die Schwester des Camberger Pfarrers und Ehrenbürgers Caspar Hofmann war bisher in der Region wenig bekannt. Dass sie nach langjähriger Unterbringung in Heilanstalten am 11. November 1939 im Alter von nur 37 Jahren in der Landesheilanstalt Eichberg starb, ist in den Sterberegistern der Stadt Eltville überliefert. Aus ihrer im Hauptstaatsarchiv Wiesbaden aufbewahrten Krankenakte kann nicht nur der Lebensweg von Wilhelmine Hofmann rekonstruiert werden; auch ermöglicht die Akte Einblicke in das Familienleben der Camberger Familie und deren Umgang mit der seelischen Erkrankung der Tochter und Schwester.

Als Tochter des Maurers Kaspar Hofmann und dessen Ehefrau Franziska (geb. Longert) wurde Wilhelmine - sie wurde Mina genannt - am 7. Januar 1902 in Camberg geboren. Sie wuchs im Kreise dreier Geschwister auf und absolvierte die dortige Volksschule. Um das Jahr 1918, so die Angaben der Mutter, zeigten sich bei Wilhelmine Hofmann erste Anzeichen einer seelischen Erkrankung. In der Folge wurde sie im Frühjahr 1919 in der Universitätsklinik in Gießen behandelt und bald wieder entlassen.

Eine Betreuung

war nicht möglich

Da sich der Gesundheitszustand von Wilhelmine Hofmann verschlechtert hatte, war sie seit dem Jahr 1919 nicht mehr in der Lage, zu arbeiten. Eine Betreuung zu Hause war offenbar nicht möglich weswegen sie schließlich am 20. November 1919 in der Landesheilanstalt Weilmünster untergebracht wurde. Die Familie Hofmann lebte in einfachen Verhältnissen und war nicht in der Lage, die Behandlung der erkrankten Tochter aus eigenen Mitteln zu finanzieren. Folglich wird die Unterbringung in einer Heilanstalt auf Initiative des damaligen Camberger Bürgermeisters Pipberger ermöglicht. Wilhelmine Hofmann wird als "Ortsarme" in die unterste Pflegeklasse eingestuft. Kostenträger der Unterbringung und Betreuung ist die Kommune. In der Heilanstalt Weilmünster findet sich Wilhelmine Hofmann nicht gut zurecht; sie muss Nahrung zugeführt bekommen und bekundet ihren Wunsch, zu ihrer Mutter nach Hause gehen zu wollen, da sie in Weilmünster "niemanden kenne". Ihre Eltern erkundigen sich regelmäßig schriftlich nach ihrem Befinden und statten Wilhelmine Hofmann auch Besuche ab. Wilhelmine Hofmann wird ein knappes Jahr nach ihrer Unterbringung in Weilmünster in die Heilanstalt Eichberg verlegt.

Unterbringung

in Kiedrich

1923 erwirkt Caspar Hofmann die Unterbringung seiner Schwester im St. Valentinushaus in Kiedrich, einer katholisch geführten Heilanstalt. Im Vorjahr war der Bruder von Wilhelmine Hofmann zum Priester geweiht worden und hatte nun die Möglichkeit, die Unterbringung seiner Schwester als "Selbstzahler" zu finanzieren. Nach dem Tod der Mutter 1923 und des Vaters zwei Jahre später kommt Caspar Hofmann persönlich für die Unterbringungskosten seiner Schwester auf. Caspar Hofmann führt nach der Priesterweihe seine Studien in Frankfurt am Main fort, später ist er dort als Lehrer tätig. Somit kann er den Kontakt zu seiner Schwester halten und ihr regelmäßig Besuche abstatten. Auf "Veranlassung des Landeshauptmanns" Fritz Bernotat wird Wilhelmine Hofmann im Juni 1937 wieder in die Landesheilanstalt Weilmünster gebracht, wogegen Caspar Hofmann mit aller Entschiedenheit vorgeht. Hintergrund der Herausnahme von Betreuten aus kirchlich geführten Einrichtungen war der Versuch des NS-Bezirksverbandes, diesen Einrichtungen die Grundlage zu entziehen.

Caspar Hofmann erwirkt jedoch die Zurückverlegung seiner Schwester innerhalb von zwei Wochen. Mit sämtlichen weiteren, dort untergebrachten Menschen erfolgt am 31. August 1939 ihre zwangsweise Verlegung in die Anstalt Eichberg/Eltville.

Die für Wilhelmine Hofmann in der Anstalt Eichberg vorgenommenen Akteneinträge legen nahe, dass sie sich nur unter großen Schwierigkeiten in der neuen Umgebung zurechtfand. Es ist eine Änderung in ihrem Verhalten dokumentiert; sie sei ruhiger geworden und schlafe viel, nehme aber keine Nahrung zu sich. Am 6. November 1939 hatte die Landesheilanstalt dem Bruder nach Frankfurt geschrieben: "Teile Ihnen mit, daß es Ihrer Schwester zu unserem größten Bedauern schlecht geht. Sie isst seit einigen Tagen nichts mehr, nachdem sie vorher wochenlang sehr erregt und aggressiv war. Sie können Ihre Schwester jederzeit besuchen." In der Akte ist für den 8. November 1939 der Besuch von Caspar Hofmann vermerkt: "Pat. erkannte ihren Bruder, konnte aber nicht mehr sprechen". Am 10. November 1939 erhält Wilhelmine Hofmann Besuch von ihrer Schwester Katharina Hofmann. In der folgenden Nacht starb sie um 2.30 Uhr. In der Sterbeurkunde ist vermerkt: Todesursache: "Herzschwäche bei Spaltungsirresein". Am 11. November 1939 teilt die Landesheilanstalt Eichberg dem bestellten Pfleger, Willi Meurer aus Camberg, mit: "Hierdurch teilen wir Ihnen mit, daß Ihr Mündel Wilhelmine Hofmann heute Vormittag 2.30 Uhr hier verstorben ist. Die Leiche wird nach Camberg überführt."

Noch bei

Bewusstsein

Die Auswertung der in der Anstalt Eichberg vorgenommenen Akteneinträge ergeben zweifelsfrei, dass es keinerlei Bemühungen des Pflegepersonals gegeben hat, die Schwester von Caspar Hofmann am Leben zu erhalten. Wie die Reaktion auf die Besuche des Bruders und der Schwester kurz vor ihrem Tod zeigt, war Wilhelmine während dieser Zeit durchaus bei Bewusstsein, jedoch überaus schwach.

Im Beispiel von Wilhelmine Hofmann wird deutlich, dass die NS-Euthanasie - also die systematische Tötung von Menschen mit seelischen Erkrankungen und Behinderungen - keineswegs auf Hadamar beschränkt war, sondern, wenngleich mit anderen Methoden, auch Eichberg/Eltville, Idstein/Kalmenhof und Weilmünster stattgefunden hat. In allen drei genannten Einrichtungen kamen Menschen aus Camberg gewaltsam zu Tode- in der Regel durch Verhungernlassen oder Unterlassen von Pflegemaßnahmen - wie im Falle von Wilhelmine Hofmann.

Martina Hartmann-Menz

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