383 Tonnen Hilfsgüter sind bereits mit 14 Konvois und über 60 Fuhren ins Krisengebiet gebracht worden, und die Halle im Bad Camberger Gewerbegebiet ist noch lange nicht leer. Täglich kommen neue Lieferungen.
+
383 Tonnen Hilfsgüter sind bereits mit 14 Konvois und über 60 Fuhren ins Krisengebiet gebracht worden, und die Halle im Bad Camberger Gewerbegebiet ist noch lange nicht leer. Täglich kommen neue Lieferungen.

Große Solidarität

Feuerwehren bringen Hilfsgüter ins Krisengebiet

  • VonAlexander Schneider
    schließen

Beim 14. Konvoi von Kameraden aus Bad Camberg, Hünfelden, Brechen, Limburg, Villmar und Weilrod ist unser Reporter mit an Bord

Bad Camberg -Es ist Donnerstag, 22.10 Uhr, irgendwo in einem Gewerbegebiet bei Stolberg, einem der Hotspots der von der Jahrhundertflut am härtesten getroffenen Orte: Der aus 14 Autos der Feuerwehren Weilrod, Bad Camberg, Limburg, Villmar und Dauborn sowie drei Kleinlastern aus Weilrod bestehende Konvoi mit Hilfsgütern stoppt nach 200 Kilometern über die A 3 und A 4 in der Max-Planck-Straße in Alsdorf, wo bereits Krisenhelfer mit Gabelstaplern warten.

Gemeindebrandinspektor Stefan Jochetz hatte sich im "Weilrod 11-19", dem Mannschaftsbus der Riedelbacher Feuerwehr, als Zugführer an die Spitze des Konvois gesetzt. Die Autos waren auf dem Hof eines Logistikers im Camberger Gewerbegebiet eilends beladen worden: zehn, einen Kubikmeter Wasser fassende IBC-Boxen, Holz, Werkzeug, Baustoffe, Babyartikel, Paletten Gummistiefel. Bad Cambergs Vize-Stadtbrandinspektor Alexander "Ali" Rembser hatte die Aktion mit einer Handvoll Helfern organisiert: "Heute gab es eine Spende über 5000 Euro, das Geld ist schon weg, wir waren mal eben im Baumarkt und haben eine Partie Hochdruckreiniger besorgt", erzählt "Ali".

18.45 Uhr: Lagebesprechung auf dem Hof, Jochetz lässt aufsitzen. Der Konvoi startet mit Blaulicht Richtung A 3. Erster Halt ist die Raststätte Limburg. Dort wartet ein Laster mit 32 Paletten Cola und anderen Getränken darauf, sich einreihen zu können. "Drin", kam es über Funk. Es ist 19.07 Uhr. Das Navi sagt: Ankunft Alsdorf 22.12 Uhr. Es ist der 14. Konvoi in nur einer Woche.

Kolonnefahren ist nicht so einfach im dichten Feierabendverkehr. Immer wieder Rücksprache mit dem "Weilrod 11-16", weil die Kette zu reißen droht, viele Auto-, und selbst Lasterfahrer wissen nicht, mit einem Konvoi umzugehen, mit der Folge, dass sich häufig "Zivile" einreihen und sich dort wohl auch sicher fühlen (mehr zum Thema in der Box). "Der Orangenkutscher ist weg, passt wieder" - die Stimme von Björn Veidt, Stellvertretender Gemeindebrandinspektor aus Weilrod.

Unfassbares

erlebt

21.10 Uhr, "Sorry, aber wir müssen tanken" - das war der für seinen extremen Spritverbrauch bekannte, uralte "Villmar 1-64". Boxenstopp in Siegburg. "Konvoi hält auf der Lkw-Spur, Vilmar tankt", funkt Stefan Jochetz.

21.35 Uhr, Halt auf dem Parkplatz Rur-Scholle, wo sich der Einweiser vor den Tross setzt, um ihn zum Ziel zu führen. Endstation Max-Planck-Straße, es ist 22.10 Uhr. Es pressiert beim Abladen im Zwischenlager, denn die nächsten Laster sind bereits im Anrollen.

Es sind die kleinen Gespräche am Rande, bei denen man merkt, was die Krise mit den Menschen macht. Die jungen Feuerwehrleute, einige der rund 250 aus der ganzen Region sind bereits zum vierten Mal im Krisengebiet, drängt es, sich das Erlebte von der Seele zu reden: "Da lagen Autos übereinander, ein 40-Tonner lehnte hochkant an einem Baum, unvorstellbar, diese Wucht", erzählt beispielsweise Sam Herold von der Freiwilligen Feuerwehr Würges.

Ein anderer berichtet, er habe gesehen, wie eine Frau von der Flut dahingerafft wurde, "da kannst du nix machen", sagt er, erzählt aber auch, dass die Frau überlebt hat: "Sie wurde gegen eine Wand gespült, es war die Kirche . . ." Beinahe unwirklich mutet es dem mitgereisten Reporter dieser Zeitung an: "In Alsdorf siehst du nichts, kaum zwei Kilometer weiter tobt aber schon das Chaos. Da ist ein riesiges Autohaus, darin zwei Dutzend sündhaft teure Audis für zusammen eine Million Euro, hell erleuchtet, wie Christbäume, und genau gegenüber laden wir Dinge ab für Menschen, die vielleicht nur ein Fahrrad brauchen, fast surreal . . . "

383 Tonnen Hilfsgüter

und 62 Fahrzeuge

Und auch für Weilrods Bürgermeister Götz Esser (FWG), der den Transport am Donnerstag aus dem Stand koordiniert hat und am Steuer eines der beiden Kleinlaster der Weilroder Werner-Spedition saß, sagt, es sei erschreckend, wie nahe "Heile Welt" und die alles vernichtende Krise beieinander liegen. Esser hatte sich mit Feuerwehrkollegen aus Bad Camberg, Selters, und Brechen zu Beratungen über das gemeinsam geplante Dienstleistungszentrum getroffen. Da ist dann auch die Idee für den Transport entstanden.

383 Tonnen Hilfsgüter, 62 Fahrzeuge, Dutzende Ehrenamtler - die vorläufige Bilanz des noch lange nicht beendeten Einsatzes. Noch ist die Halle im Bad Camberger Gewerbegebiet gut gefüllt, gerade gestern kamen 20 gespendete Stromerzeuger dazu, ebenso Verbandsmaterial und Unmengen an Haftcreme für Gebissprothesen, "es gibt nichts, woran es nicht fehlt", sagt Ali Rembser im Gespräch mit Götz Esser, der weitere Unterstützung aus Weilrod avisiert hat.

Wer zu den Unterstützern

gehört

Alexander "Ali" Rembser, stellvertretender Stadtbrandinspektor von Bad Camberg, organisiert die Hilfsgütertransporte. Nicht zuletzt dank der Unterstützung zahlreicher Unternehmen kann er beinahe "aus dem Vollen schöpfen", wobei er aber nicht wahllos zu Sachspenden aufruft, sondern zunächst mit den Partnern im Krisengebiet klärt, woran es gerade besonders fehlt, "die Sachen werden dann gesucht", sagt "Ali": Bereits geliefert haben Haca-Leitern Bad Camberg, NA + 1 Limburg,

Herzberg-Getränke Merenberg,

ISP Schaum Limburg, GLS, Ferrero, Baustoffe Weyrich, Fahrschule Lottermann, Bäckerei Heck, Bäcker Verwaltung KG, Schreinerei Riedel. GTS Taunus Marc Eichert, Lidl Kerpen, Rewe Runkel, Weber

Bürstensysteme, Firma Eichhorn, Hoffmann Verpackungen, Klinkele Plus GmbH, Rewe Elz, Globus Limburg, Wernatec, Birlenbach Holzzentrum Limburg und die Erich Carle GmbH.

Konvoi: Worauf andere Autofahrer

achten sollten

Hilfsgüter- und Rettungstransporte im Konvoi gehören auf Deutschlands Autobahnen derzeit zum Alltag. Hilfs- und Rettungsorganisationen halten sich an eine einfache Vorschrift: Alle Autos, zumindest aber das erste, führen eine blaue, das letzte eine grüne Flagge. Blaulicht darf während der Fahrt angeschaltet sein, zivile Fahrzeuge werden eingereiht. Verkehrsrechtlich gilt ein Konvoi als ein Fahrzeug.

Ein Verband darf, mit eingeschaltetem Martinshorn, komplett bei Rot über die Ampel fahren, wenn das erste Fahrzeug die Ampel noch bei Grün passiert. Ein Unterbrechen der Kolonne durch "Reinquetschen" stellt eine Ordnungswidrigkeit dar. Bei Rettungs- und Hilfseinsätzen dürfen Kolonnen die Rettungsgasse nutzen. Sie dürfen überholt werden, aber nur "am Stück", also nur wenn ein ausreichend langer Überholweg absehbar ist. Auf Bundesstraßen geht das kaum, allenfalls bei mehrspurigen. Beim "Einfädeln" auf der Autobahn gilt: Die Kolonne möglichst komplett passieren lassen, ist das nicht möglich, dürfen Lücken genutzt werden, sie müssen aber sofort wieder verlassen werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare