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Die beiden Firmengründer und Vorstände Harald Popp (links) und Dirk Martin bei der Börsenpremiere in Frankfurt.

Wirtschaft

"Serviceware": Vom Kinderzimmer an die Börse

Auf die Frage nach dem einzigen börsennotierten Unternehmen im Landkreis würden wohl die meisten ahnungslos mit den Achseln zucken oder die falsche Antwort nennen. Dass die Firma einen neuen Namen hat, macht die Aufgabe noch schwieriger. . . "Serviceware" in Bad Camberg setzt seinen rasanten Aufschwung jetzt mit einem Schub von 60 Millionen Euro fort.

Die Idee entstand auf einer Ruhebank im New Yorker Central Park, der erste „Firmensitz“ war vor 20 Jahren das Kinderzimmer von Dirk Martin in Bad Camberg. Heute hat seine Software-Schmiede, die Serviceprozesse von Unternehmen steuert und verbessert, rund 400 Mitarbeiter und Niederlassungen in acht Ländern.

Dass es zum Erfolg keinen Lift gibt, mag eine Floskel sein. Dirk Martin scheint es zu symbolisieren. Er ignoriert jedenfalls den Aufzug und geht mit dem Besucher vom Erdgeschoss in die dritte Etage. In großen Schritten. Ganz oben im Treppenhaus steht der letzte von zehn Leitsätzen, die die Mitarbeiter vor Jahren formuliert und an den Wänden installiert haben: Identifikation macht uns zu Mitgestaltern.

Typisch für den Chef und seine Firma. Das Unternehmen entwickelt sich seit der Gründung im Dezember 1998 in riesigen Sprüngen; die Kurven für Umsatz und Mitarbeiterzahl kennen nur eine Richtung – steil nach oben.

Martin hätte sich zufrieden zurücklehnen und einen Gang zurückschalten können. Stattdessen legte der gebürtige Bad Camberger mit seinem Partner Harald Popp im vergangenen Frühjahr den Turbo ein, damit es noch schneller vorwärts geht. Die beiden Gründer und Geschäftsführer brachten ihre PMCS.helpLine Softeware Gruppe am 20. April 2018 an die Börse; seitdem firmiert sie als „Serviceware SE“ (mit dem Beinamen „We live Service“ – Wir leben Service). Mehr Marktpräsenz

Der Börsengang hat 60 Millionen Euro in die Kasse gespült, Ende August war ein Eigenkapital von 61 Millionen Euro ausgewiesen. „Viel Geld, das nun darauf wartet, sinnvoll ausgegeben zu werden“, sagt Dirk Martin im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Zielrichtung beziehungsweise der Verwendungszweck ist klar: Stärkung der Marktpräsenz, Internationalisierung und Zukäufe stehen auf der Agenda. Denn „Serviceware“ soll weiter wachsen – und zwar kräftig.

Der geschäftsführende Direktor hat daran keinen Zweifel. Seine Zuversicht stützt sich auf die Zukunftsbranche und das nach seinen Worten „einzigartige Angebot“ von „Serviceware“. „Wir helfen Unternehmen bei der Digitalisierung und Automatisierung ihrer Service-Dienstleistungen“, erklärt er. Die Plattform organisiere das Management von IT-Dienstleistungen ebenso wie den kompletten Kundendienst und damit verbundene Finanzgeschäfte. Es sei das Alleinstellungsmerkmal von „Serviceware“, die Prozesse im Service zu digitalisieren und gleichzeitig die finanzielle Steuerung der Dienstleistungen zu übernehmen. „Dadurch verbessern wir die Effizienz und die Qualität und sparen Geld“, sagt Martin.

Am 15. Mai in Erbach

Das weckt Assoziationen mit einem Weltkonzern aus Walldorf: „Die nächste SAP?“, lautete eine Schlagzeile in „Focus Money“. Auch die F.A.Z. sieht Parallelen – freilich erst einmal in der Ausrichtung und im Kleinen. . .

Immerhin steht schon mal die erste Hauptversammlung an. Wegen der Sanierung des Bad Camberger Kurhauses weichen die Veranstalter am 15. Mai in die Mehrzweckhalle des Stadtteils Erbach aus: Eine Premiere in der 1251-jährigen Geschichte des Dorfes – aber auch im Kreis Limburg-Weilburg.

Die Logistik stellt die Organisatoren vor große Herausforderungen. „Wir haben keine Ahnung, wie viele Leute kommen“, sagt Dirk Martin. Dass er gute Zahlen für das Geschäftsjahr vom 1. Dezember 2017 bis zum 30. November 2018 präsentieren wird, weiß er freilich schon heute. Dazu darf der CEO („Chief Exekutive Officer“) aus börsenrechtlichen Gründen allerdings noch nichts sagen.

Die bekannten Zahlen stimmen optimistisch. Seit der Gründung ist die Firma nach eigenen Angaben durchschnittlich um 25 Prozent im Jahr gewachsen. 2017 erzielte „Serviceware“ einen Umsatz von 44,3 und einen Gewinn nach Steuern von 4,6 Millionen Euro. Bis zum dritten Quartal (31. August 2018) ist der Umsatz gegenüber dem Vorjahreszeitraum erneut um 19 Prozent auf 38,4 Millionen Euro geklettert, der Gewinn vor Steuern und Zinsen um sieben Prozent.

Aktienkurs gefallen

Den Ertrag schmälerten weniger die einmaligen Ausgaben für den Börsengang (knapp 1,2 Millionen Euro), sondern vielmehr die kräftigen Investitionen (zum Beispiel für den Erwerb der Firma Sabio, einem Spezialisten für Wissensmanagement) und die deutlich gestiegenen Personalkosten (im dritten Quartal um 32 Prozent). Im abgelaufenen Geschäftsjahr erhöhte sich die Mitarbeiterzahl um fast ein Drittel auf 370. Inzwischen arbeiten rund 400 Menschen für „Serviceware“, davon etwa 130 in der Zentrale in Bad Camberg. Der Aktienkurs litt unter der allgemein schlechten Entwicklung an der Börse und speziell der Tech-Werte. Nach dem Ausgabepreis von 24 Euro ist das Papier am Dienstag auf 15 Euro gefallen. Substanziell stehe „Serviceware“ jedoch gut da, berichten Fachleute.

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