Friedhelm Welge (rechts) mit seinen Musikern (von links) Horst Bittlinger (Piano), Sebastian von Flotow (Bass), Gernot Siegl (Sax, Querflöte). Im Hintergrund nicht zu sehen Willy Ernst (Schlagzeug).
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Friedhelm Welge (rechts) mit seinen Musikern (von links) Horst Bittlinger (Piano), Sebastian von Flotow (Bass), Gernot Siegl (Sax, Querflöte). Im Hintergrund nicht zu sehen Willy Ernst (Schlagzeug).

Das erste Konzert nach Corona

Klasse: Der Bildhauer und die Band

Die Bad Camberger genießen wieder KulturDas erste offizielle Konzert in Bad Camberg: Am Sonntag genossen die Besucher open-air im Innenhof von Friedelm Welge "Steine, Worte, Töne". So der Titel des Nachmittags. Mehr als zwei Stunden ließen der Bildhauer und die Band das Publikum die Corona-Zeit vergessen. Fast.

Bad Camberg -Jaaa, Nee. Nee, nee, ja, ja! Mal mit Ausrufezeichen gesprochen, dann sehr ablehnend, fast angewidert, mit blitzenden Augen oder verzerrten Mundwinkeln: Friedhelm Welge wechselt ganz schnell zwischen Abscheu und Ekel, Freude, Zustimmung, Begeisterung. Und das Beste nach der Dauer-Masken-Zeit: Man sieht den Ausdruck in seinem Gesicht! Live und ungefährdet. Nur wenige Minuten, ganz am Schluss des Konzertprogramms, sorgt Welge mit dieser Hommage an Joseph Beuys' "Jajaja" für fast die gleiche Reaktion im Publikum. Nein, die Abscheu mag keiner teilen. Aber bei der Zustimmung brandet Applaus auf, auch wenn der Künstler, der den ganzen Nachmittag mit Band las, rezitierte, seine eigenen Gedanken vortrug, ausgerechnet jetzt ganz alleine auf der Bühne steht. Die Musiker haben sich verdünnisiert.

Einige haben es erkannt, für die anderen erklärt der Bildhauer kurz: Ja, Beuys hatte auch so ein Programm, und es war viel, viel länger. Spätestens jetzt klingt das Lachen im Publikum etwas erleichtert. Neee - nochmal zwei Stunden nur mit diesen Worten: Das wollten sie wohl doch nicht. Die Band auch nicht so ganz.

Wir blenden zurück: Friedhelm Welge hat gerade den Musikern erzählt, dass er möglicherweise diese kleine Hommage ins Konzertprogramm einbauen möchte. Als nachträgliches Geburtstagsgeschenk sozusagen, denn am 12. Mai wäre Beuys 100 Jahre alt geworden. Die erste Reaktion: "Neee!". Die zweite: "Oh ja!" Kurz und knapp, so wie es der Bad Camberger Bildhauer nun gemacht hat, so kam es auch beim Publikum an.

Seit März haben die fünf geprobt, die nun auf der Bühne stehen. "Es tut so gut, wieder Applaus zu hören", sagt Friedhelm Welge zwischendurch. Denn die 20 Gäste (mehr dürfen es nicht sein), die im Skulpturenhof sitzen, fühlen sich fast an wie 100. Sie klatschen laut, wollen mehr. Und sie nutzen die Pause zum Smalltalk, auch wenn das wieder ganz anders ist.

Coronatest und

Maske auf beim Gehen

Die Maske muss aufgesetzt werden. Dann geht es durch die Reihen zum Schwätzchen. Auf Abstand wieder Maske ab - so versteht man sich doch besser. Leute ohne Mimik werden plötzlich zu Bekannten. Erkennendes Aufleuchten in den Augen, verschmitztes Lächeln. Alles ist wieder gut, wenn man sich auf Abstand so nah kommen darf. Da ist der Coronatest vor Konzertbeginn schon vergessen. Oder die Kleiderfrage. Normalerweise ist ein Konzert die Gelegenheit, sich sonntags schick zu machen. Jetzt wird die Frage anders gestellt: Was passt zur Maske? Die meisten davon sind weiß im steingeprägten Innenhof. Das Material des Künstlers umgibt die Menschen, die sich entschieden haben: Man kleidet sich wetterbedingt, und das ist schön.

Die Musiker: Horst Bittlinger (Piano, Komposition, Arrangements), Willy Ernst (Schlagzeug), Sebastian von Flotow (Bass), Gernot Siegl (Saxofon, Querflöte), Friedhelm Welge (Stimme, Lyrik), sind allesamt Profis mit sehr viel Erfahrung. Das wird nicht nur bei Beuys deutlich, wenn es mal kurz in die 60er geht. Das funktioniert auch, wenn ein jazzig, funkig, swingendes Stück mit ein wenig Wagner unterlegt wird. Das sagt Horst Bittlinger mit einem Augenzwinkern. Wer vorne sitzt, kann das sehen. Doch auch die hinteren Reihen wissen schnell den Humor zu schätzen und die Freude, mit der diese Band zur Sache geht. "Er liebt den Stein", heißt das erste Stück. Ein eigenes. Das meiste sind selbstverfasste Kompositionen, greifen von "Big Brother" bis zum Umgang der Menschen mit der Natur ("Mein Freund") alles auf, was zu Welges Lyrik passt. Die ist tiefgründig, lässt genau das offen, was beim Zuhören Gänsehaut macht - oder ganz stringent zum Thema geführt hat. Dazu passen Swing und Jazz-Waltz ebenso wie Balladen oder bewegte Latino-Einflüsse. Langsam und ruhig steuert alles zum Stollen. Nein, nicht der Essbare, sondern die menschliche Konstruktion im Stein. Die erste Zugabe heißt so, und bis dahin hat das Publikum gelernt, dass ein Bildhauer viel schaffen kann. Menschen auch. Nicht alles ist gut. Aber man kann es versuchen.

So gehen alle am Schluss mit dem Gefühl aus dem Innenhof, etwas Besonderes erlebt zu haben. Das erste offizielle Konzert in Bad Camberg nach der gefühlt endlos langen Corona-Kulturpause. Und: Es wird mehr geben. Das nächste ist schon in Vorbereitung.

Endlich wieder ein Konzert: Das Publikum genießt die Atmosphäre im Skulpturenhof, wenn auch mit mehr Abstand und Masken beim Laufen.

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