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Traudel Collet (Schmitten) zeigt ihre ?Begegnungen? in der Bad Camberger Amthof-Galerie.

Die Kraft der Kunst

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Die Frühjahrs-Ausstellung aller Künstler der Bad Camberger Amthof-Galerie ist so etwas wie eine Ernte zu Beginn des Jahres: voller Eindrücke, Energie, Vielfalt und Lebenskraft.

Auf dem Finger sitzt ein Marienkäfer. Der Hintergrund der Fotografie ist beige-braun verschwommen. Ein kleines Zeichen der Hoffnung in einer Landschaft, die in diesem Fall erst durch den Titel der Collage und die weiteren Bilder erklärt wird: Syrien vor dem Krieg. Drei großformatige Bildzusammenstellungen hat Beate Stucki aufgehängt. Sie sind anders als die weiteren Malereien und Fotografien der aktuellen Ausstellung in der Amthof-Galerie. Die Foto-AG, die die untere Etage bestückt, hat mit höchster Professionalität Abbildungen erstellt, die das Leben, die Wirklichkeit, Details, gestochen scharfe Schwarz-Weiß-Kompositionend, Schnappschüsse, Silbergelatine-Print und Photoshop-Bearbeitungen vereinen: sehr unterschiedlich und sehr schön. In der oberen Etage hängen die Bilder: ausdrucksstark in den unterschiedlichsten Techniken und teils prachtvollen Farben. Dennoch bleibt der Betrachter unweigerlich lange vor den Collagen der Bad Cambergerin Beate Stucki stehen.

Sie kennt Syrien als Urlauberin und anders. Die Ruinen auf ihren Fotos sind so, weil sie Jahrtausende alt sind, in dieser Zeit verfallen, als Überreste Denkmäler. Heute sehen syrische Denkmäler anders aus: Die großen Städte werden zu Ruinen durch den Krieg, die Menschen flüchten nach Europa. Die Collage zeigt: Es war einmal anders. Wir leben in einem Land, in dem Kreativität sprießen kann – auch, weil wir in Europa den Frieden haben. Dieses kostbare Gut und alles, was dann entstehen kann, ist jetzt in der Amthof-Galerie zu sehen. Franziska Kopp, die die Vernissage am Samstagabend gemeinsam mit Stadtverordnetenvorsteher Heinz Schaus (SPD) eröffnete, lud dazu ein, „in die Kunst einzutauchen, und damit in die Welt“. Denn: „Obwohl es draußen jetzt sehr kalt geworden ist, in unserer Galerie scheint die Sonne.“ Sie scheint, weil die Menschen hier so sind, wie sie sind. Weil ein Vereinsvorsitzender wie Klausjürgen Herrmann (er ist Vorsitzender der Amthof-Galerie) überall zur Stelle ist, wenn etwas gebraucht wird. Weil das engagierte Team um Franziska Kopp, Eva Kuhnert, Elisabeth Knossalla – um nur diese drei stellvertretend für viele zu nennen – mit so viel Bedacht und Einsatz bei der Sache ist. Und weil die Künstler besondere Qualitäten haben.

Da ist Traudel Collet: Unweigerlich geht man auf ihre Bilder zu. Ihre „Begegnungen“ sind gemalt, farblich verfremdet und so genau beobachtet, dass der Moment, das Gefühl, in dem dieser Eindruck gesehen und festgehalten wurde, gleich auf den Betrachter überspringt. Hier begegnen sich Menschen. Die Bilder zeigen das Leben, und Traudel Collet ist ein Teil davon. „Eine ganz große Künstlerin“, sagt eine Besucherin leise. Sie hat recht. Die Limburgerin Elisabeth Knossalla ist auch so eine: Ihre Batik-Arbeiten zieren Kirchen. Jetzt ist eine davon in der Amthof-Galerie an zentraler Stelle: Großformatig, und von weitem sieht es aus wie ein Blumenmeer. Ein Rosenmeer. Nein, noch mehr: Ja näher man tritt, und je genauer man schaut: Rosen und Gesichter sind es, die in den zartrosa und ins Rötliche übergehenden Farben Wärme und Zuversicht ausstrahlen. Hier bestimmte die Struktur die Idee: Die Limburger Malerin wollte mit einem bestickten Stoff arbeiten, erkannte in den Mustern die Stellen, an denen einfach Rosen sein müssen und veränderte es weiter, als ihr die Idee mit den Gesichtern kam.

Der Bildhauer Michelangelo soll seine Arbeit einmal so erklärt haben: Er sieht den Marmorblock und erkennt, was es werden soll. Wie zum Beispiel das Standbild eines Löwen. Die Arbeit funktioniert dann so: „Alles wegschlagen, was nicht nach Löwe aussieht.“

Alles technisch anwenden, was den gewünschten Eindruck der Fotografie erzielt, alles malen, was das Innere des Künstlers bewegt oder das Äußere so gestalten, wie es Dolores Saul getan hat. Sie stand an einem Strand auf Hawaii, als die Schildkröten an Land kamen. Ganz früh am Morgen. Das besondere Licht, die Wellen, die Gischt, den Strand – das kann man fotografieren. Und dennoch wird es keinem Apparat gelingen, diesen Eindruck so wiederzugeben, wie sie es in ihrer Malerei getan hat. Dafür hat ihr die „Pastel Guilde of Europe“ einen Preis verliehen. Das Bild hängt jetzt in der Amthof-Galerie.

Viele mehr könnten und sollten hier genannt werden, denn bei der Gemeinschaftsausstellung der Galerie-Künstler kommen die schönsten und besten Eigenschaften zutage. Die Bad Camberger feierten dies am Samstag nach der Vernissage mit dem traditionellen Rotweinabend. Ein Gefühl von Glück, wieder hier zusammenzukommen. Das ist nicht für alle selbstverständlich, denn Krankheiten bestimmen das Leben einiger dieser besonderen Menschen. Und so hält ein Stückchen Krieg – der des Körpers gegen die Krankheit – Einzug in die sonst so beschützte kleine Welt mitten in Europa. Der Blick geht zurück zur Syrien-Collage und dem Marienkäfer: Hoffentlich hat dieser Krieg bald ein Ende.

Die Amthof-Galerie ist sonn- und feiertags von 11 bis 13 sowie von 15 bis 17 Uhr geöffnet. Die aktuelle Ausstellung ist noch bis April zu sehen. Der Eintritt ist frei.

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