"Faktencheck" zu Windkraftanlagen

Viel Wind um die Windenergie

Windenergie gilt unter Kritikeren als flächenintensiv, zu teuer und gesundheitsgefährdend. Mit diesen Argumenten setzte sich jetzt der Physiker und Energieexperte Dr. Werner Neumann im Bad Camberger Kurhaus kritisch auseinander, um den Skeptikern den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Von Johannes Koenig

Die Bedenken sind bekannt: Ökostrom ist unwirtschaftlich, gespeichert werden kann er auch nicht, und wenn er durch Windräder erzeugt wird, macht der dabei entstehende Infraschall, also die „unhörbaren“ Schallwellen, die Menschen krank. Außerdem erschlagen die Rotoren der mächtigen Maschinen pro Jahr zahlreiche Fledermäuse sowie geschützte Vogelarten wie zum Beispiel den Rotmilan oder den Schwarzstorch. So lauten die Hauptkritikpunkte der Gegner von Windkraftanlagen.

Auf diese und andere häufig gegen die Windkraft vorgebrachte Einwände ging der Sprecher des vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) eingerichteten Arbeitskreises Energie, Dr. Werner Neumann, ein. Zu einem „Faktencheck“ eingeladen worden war der promovierte Physiker und langjährige Leiter des Energiereferates der Stadt Frankfurt vom BUND und dem Förderverein Lokale Agenda 21 Bad Camberg. Der Experte sollte den Befürchtungen der Windanlagen-Gegner Tatsachen gegenüberstellen.

Persönliches Umdenken

Sein eigenes Schlüsselerlebnis sei die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 gewesen, erzählte er. Hatte er zuvor Teilchenbeschleuniger gebaut, beschäftigte er sich seitdem mit der Entwicklung alternativer Energien. Notwendig sei die Energiewende aber nicht nur wegen der Risiken der Atomkraft, sondern auch wegen des Klimaschutzes und der Tatsache, dass fossile Ressourcen begrenzt seien.

Abhilfe schaffen solle dabei ein Mix aus Energieein- sparung, Wind- energie, Strom und Wärme aus Biomasse, Photovoltaik und Wasser kraft.

Leistungsmäßig ergänzen sich die alternativen Energien gut: Im Winter gibt es wenig Sonne, aber viel Wind. Im Sommer ist es dann umgekehrt. Relativ konstant bleibe das ganze Jahr über hingegen der Energieertrag, der aus Wasserkraft und Biomasse generiert wird.

Für hitzige Diskussionen auch im Landkreis sorgt aber inzwischen vor allem die Windenergie. Ausführlich ging der Experte Werner Neumann daher auf eine Reihe von Kritikpunkten ein.

Mit Blick auf den Geländeverbrauch stellte er zum Beispiel fest, dass es Konsens aller Parteien in Hessen sei, dass lediglich zwei Prozent der Landesfläche für Windenergie genutzt werden sollen. Zwingend vorgeschrieben sei dabei ein Abstand von 1 000 Metern zu Wohngebieten. Einzelne Aussiedlerhöfe müssen mindestens 600 Meter von einer Anlage entfernt sein.

Außerdem bestehe der Eindruck, dass die Rotoren der Windkraftanlage „immer stehen, wenn man bewusst drauf schaut“, formulierte ein Teilnehmer. Wirtschaftlich rentiere sie sich, wenn sie etwa 2000 Stunden im Jahr laufe. Bei über 8000 Jahresstunden reiche also dazu grob geschätzt ein Viertel der verfügbaren Zeit aus.

Standortplanung

Die Auswahl der einzelnen Standorte erfordere allerdings eine sorgfältige Planung und Abwägung, räumte der Experte ein. Um das Risiko für Tiere zu reduzieren, müssten die Umgebung sowie Lebens- und Brutgewohnheiten genau studiert werden. So sei zum Beispiel bekannt, dass der Rotmilan von Misthaufen angezogen werde und bevorzugt über Feldern und Grasflächen jage. Büsche rund um das Windrad sowie eine Verlegung der Misthaufen würden daher viel zum Schutz der Vogelart wie auch anderer Tiere beitragen.

Bei Fledermäusen wiederum helfe es, in Sommer- und Herbstnächten die Anlagen abzuschalten oder sie mit entsprechenden Sensoren auszurüsten, empfahl der Referent den Zuhörern.

„Völlig entkräftet“ werden müsse inzwischen das Infraschall-Argument. Im Vergleich zum natürlichen Infraschallaufkommen, zum Beispiel durch den Wind selbst, falle die zusätzliche Belastung durch Windräder nur minimal höher aus. Ab einem Abstand von 700 Meter sei kein Unterschied mehr messbar. Nachholbedarf gebe es zwar noch bei den Speichermöglichkeiten. Aber durch die Umwandlung von Strom in Methan böte sich das ohnehin schon bestehende Gasnetz als Speicher an, erklärte Werner Neumann.

Seiner Auffassung nach, stelle die Windenergie daher die preiswerteste und sozialste Form der erneuerbaren Energien dar. Allerdings müsse die Energiewende mit größeren Energieeinsparungen durch gesteigerte Effizienz beginnen, mahnte Werner Neumann.

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