Betriebsleiter Michael Schneider (rechts) führte die Kommunalpolitiker durch das modernisierte Beselicher Kompostwerk. Im Hintergrund ist fertiger Kompost in verschiedenen Reinheits- und Feinheitsstufen zu erkennen.
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Betriebsleiter Michael Schneider (rechts) führte die Kommunalpolitiker durch das modernisierte Beselicher Kompostwerk. Im Hintergrund ist fertiger Kompost in verschiedenen Reinheits- und Feinheitsstufen zu erkennen.

Leidenszeit für Bürger beendet

Beselich: Der Gestank gehört der Vergangenheit an

  • Rolf Goeckel
    vonRolf Goeckel
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Seit 1. Oktober ist der Landkreis Eigentümer des modernisierten Kompostwerks an der B 49.

Beselich -Der Landkreis Limburg-Weilburg ist seit 1. Oktober Eigentümer des Kompostwerks auf Beselicher Gemarkung an der B 49. Der bisherige Eigentümer und Betreiber, die Hermann Hofmann Gruppe (Herhof) aus Solms, ist künftig nur noch Pächter - und nach Gewinn einer europaweiten Ausschreibung - auch in Zukunft Betreiber der Anlage, die in den Jahren 2018 und 2019 für rund sieben Millionen Euro auf den neuesten technischen Stand gebracht worden war.

Dass sich dieser enorme finanzielle Aufwand gelohnt hat - davon machten sich am Mittwochnachmittag Landrat Michael Köberle (CDU), sein Stellvertreter und Abfallwirtschaftsdezernent Jörg Sauer (SPD), der Beselicher Bürgermeister Michael Franz (parteilos) sowie Mitglieder des Kreistags und der Gemeindevertretung Beselich ein Bild. Sie stellten fest: Während vom Kompostwerk vor Jahren noch ein für viele Einwohner von Heckholzhausen zum Teil unerträglicher Gestank ausgegangen war, mussten die Kommunalpolitiker jetzt kein einziges Mal die Nase rümpfen. Selbst das direkte Umfeld der Anlage war nahezu geruchsfrei.

Dafür dankte Bürgermeister Franz, der kurz auf die "lange Leidenszeit der Heckholzhäuser Bürger" zurückblickte. Mit der Gründung eines "Runden Tisches", an dem Vertreter von Herhof, der Gemeinde Beselich und des Landkreises saßen, sei im Jahr 2016 "der richtige Weg" eingeschlagen worden, zog Franz eine zufriedenstellende Bilanz. Seitdem das modernisierte Kompostwerk am 22. November 2019 wieder auf Volllast laufe, habe es keine einzige Beschwerde mehr gegeben - mit einer Ausnahme, in der allerdings ein Landwirt, der Dünger aufs Feld ausgebracht hatte, als Verursacher festgestellt worden sei. Franz zeigte sich sicher: "Wir sehen rosigen Zeiten entgegen." Positiv wertete er auch, dass die Bürger des Landkreises auch weiterhin ihren Grünabfall direkt anliefern können.

Müllgebühren bleiben stabil

Möglich macht die Geruchsfreiheit laut Jörg Sauer eine "dem modernsten Stand der Technik angepasste Anlage". Stolz zeigte sich der Kreis-Vize außerdem darüber, dass dieser Aufwand gestemmt werden konnte, ohne die Müllgebühren zu erhöhen. Positiv wertete Sauer auch, dass mit Herhof ein regionales Unternehmen weiterhin als Betreiber fungiere und damit die Arbeitsplätze in Beselich erhalten blieben.

Landrat Köberle räumte ein, dass der Kreis seinerzeit nach "Hinweisen" aus der Bevölkerung zum Handeln gedrängt worden sei. Das Ergebnis der Modernisierung könne sich aber sehen lassen: "Die Bürger bekommen von der Rotte nicht viel mit", sagte das Kreisoberhaupt. Herhof-Geschäftsführer Michael Koch gab zu, dass sein Unternehmen lange Zeit gehofft habe, dass eine Modernisierung ohne Neubau möglich sei. Dies habe sich als Irrtum herausgestellt, zumal es Ziel von Herhof sei, "dass es gar nicht mehr riecht". Das weniger strenge Immissionsschutzgesetz erlaube zwar Geruch an bis zu zehn Prozent der Tage pro Jahr, "aber das wäre den Bürgern nicht vermittelbar gewesen", sagte Koch, der vom "modernsten Kompostwerk Europas" sprach.

Bei einer anschließenden Betriebsbesichtigung konnten sich die Kommunalpolitiker vom hohen Standard des Beselicher Anlage überzeugen. Herzstück sind neue, bis zu 1000 Kubikmeter Grünabfall fassende Rotteboxen, in denen bei 65 Grad binnen 14 Tagen Kompost des Rottegrads drei heranreift - in den alten Boxen sei nur Rottegrad zwei möglich gewesen, sagte Werkleiter Michael Schneider. Die alten Boxen wurden allerdings nicht abgerissen, sondern sind weiterhin für die Vorbehandlung im Einsatz.

Massiver Technikeinsatz sorgt dafür, dass kein Gestank nach außen entweicht. Das fängt an bei einer "Luftschleieranlage" am großen Hallentor und setzt sich fort mit einer gigantischen Abluftanlage, die laut Schneider bis zu 120 000 Kubikmeter Luft absaugt - pro Stunde! Alleine diese Anlage habe 1,2 Millionen Euro gekostet und sei zehn Mal leistungsfähiger als ihre Vorgängerin. Bevor die angesaugte Luft nach außen geblasen wird, strömt sie durch einen Biofilter, der ihr den Geruch entzieht. Um das System auch im Stör- und Wartungsfall betriebssicher zu machen, sind laut Schneider zwei Biofilter im Einsatz.

Ein Problem ist laut Schneider auch weiterhin der hohe Anteil an sogenannten "Störstoffen", vorwiegend Plastik, im Grünabfall. Dies mache notwendig, das Material mit unterschiedlichen Feinheitsgraden zu sieben. 90 Prozent des Komposts geht an die Landwirtschaft, ein Teil aber auch an Gartenbaubetriebe und Privatleute. Kompost, der sehr viele "Störstoffe" enthält, wird in Biomassekraftwerken verheizt.

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