Eine unbenutzte Lebensmittelkarte aus der amerikanischen Zone für den 20. August bis 16. September 1945 für Kinder von sechs bis neun Jahren. Der Stammabschnitt in der Mitte musste vorgelegt werden, um eine neue Karte zu erhalten.
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Eine unbenutzte Lebensmittelkarte aus der amerikanischen Zone für den 20. August bis 16. September 1945 für Kinder von sechs bis neun Jahren. Der Stammabschnitt in der Mitte musste vorgelegt werden, um eine neue Karte zu erhalten.

Erinnerungen

Beselich: Die Not macht erfinderisch

Vom Einmarsch bis zur Kapitulation, das Ende des Zweiten Weltkriegs in der Region.

Vom Einmarsch der Amerikaner in unsere Heimat bis zum Inkrafttreten der Kapitulation am 8. Mai 1945 waren es nur wenige Wochen. Die Männer im "wehrfähigen" Alter waren gefallen, vermisst, in Gefangenschaft geraten oder bis zur Kapitulation noch am Kriegsgeschehen beteiligt. Letzteres Kapitel mündete dann aber in eine der drei zuvor genannten Kategorien. All diese Menschen standen endgültig oder auf unbestimmte Zeit nicht mehr als Arbeitskräfte zur Verfügung. Und die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die bisher für Abhilfe gesorgt hatten, bekamen durch den Einmarsch der Amerikaner ihre Freiheit zurück.

Das führte auch im ländlichen Bereich, neben allen positiven Aspekten des zunächst lokalen Kriegsendes, zu einer katastrophalen Lage. Das Positive war, dass die alliierten Bomber ihre todbringende Last nicht mehr hier, sondern auf weiter östlich gelegene Ziele abluden. Die Bauern und mehr noch die Bäuerinnen, mit Kindern und deren Großeltern, konnten jetzt ohne die Gefahr, samt ihrem Vieh von Tieffliegern erschossen zu werden, mit der Frühjahrsbestellung der Felder beginnen. Aber alleine davon wurde man nicht satt und die Not war allenthalben dramatisch hoch. Der Weg zu einem normalen Leben ließ noch lange auf sich warten. Wer direkt nach dem Krieg entstandene Fotos von Kindern mit kurzen Hosen oder Kleidchen sieht, dem fällt auf, dass diese erschreckend dünne Arme und Beine hatten. Folgen von Unterernährung.

Lebensmittelkarten

gab es weiterhin

An der Knappheit von Lebensmitteln hatte sich nach dem Einmarsch im allgemeinen Chaos nichts geändert. Wie auch? Alles diesbezüglich in den letzten Kriegsjahren Erfahrene setzte sich teilweise noch verstärkt fort. Auch die Ausgabe von Lebensmittelkarten wurde fast übergangslos weitergeführt. Statt des Reichsadlers, der einen mit einem Hakenkreuz verzierten Kranz in den Krallen trug, waren jetzt im Stammabschnitt ein englischer und ein deutscher Text zu sehen. Die Gültigkeit einer Lebensmittelkarte war auf eine Zeit von meist vier Wochen begrenzt. Sie hatte an beiden Seiten etwa briefmarkengroße Felder in denen die Lebensmittel angeführt waren, die man kaufen durfte und deren einheitlich begrenzte Menge. Darüber hinaus war nichts möglich. Lose Abschnitte waren ungültig denn es bestand die Möglichkeit, dass diese nach dem Wegschneiden wieder in Umlauf gelangten. Nur mit dem Stammabschnitt in der Mitte war es möglich, sich nach Ablauf der Gültigkeit eine neue Lebensmittelkarte aushändigen zulassen.

Die landwirtschaftlich geprägten Dörfer hatten es, wie im Krieg, besser, weil es viele "Selbstversorger" gab. Wer keine Landwirtschaft hatte, konnte sich den kargen Speisezettel mit Brennnesseln, Löwenzahn und wildem Feldsalat "bereichern", wenn man einen Platz wusste an dem er wuchs. Schnödes Fett - heute verpönt - war damals etwas Kostbares, da überlebensnotwendig und deswegen auf jeder Lebensmittelkarte aufgeführt. Aus den im Wald gesammelten Bucheckern ließ sich Öl pressen, das über keine Lebensmittelkarte erfasst worden war, insbesondere dann nicht, wenn sich findige Tüftler eine kleine Ölpresse gebaut hatten. Not macht erfinderisch.

Pfarrer Hain schreibt zu der Situation in der Niedertiefenbacher Pfarrchronik: "In steigendem Maße zeigten sich nun die Folgen des schuldhaft begonnenen und verlorenen Krieges. Eine immer mehr steigende Verknappung an Lebensmitteln und allen lebensnotwendigen Dingen tritt ein. Für diejenigen, die da naiv gemeint hatten, nun sei der Krieg zu Ende, nun träfen die Vorkriegszustände wieder ein, musste der Nachkriegszustand eine bittere Enttäuschung und Quelle großer Unzufriedenheit sein."

Nach dem Einmarsch begann eine Zeit der kommunikativen und medialen Isolation. Wie Dr. Christoph Waldecker vom Limburger Stadtarchiv berichtet, gab es nach dem Einmarsch der Amerikaner Ende März für längere Zeit keine Tageszeitung mehr. Ein Ersatz waren die "Mitteilungen für Stadt und Kreis Limburg", die allerdings erst am 14. Juli 1945 erschienen. Herausgeber war der Landrat. Die letzte im Stadtarchiv vorliegende Ausgabe erschien am 24. September 1949. Diese Zeitung, zunächst ein rein amtliches Mitteilungsblatt, bekam aber im Laufe der Zeit einen redaktionellen Teil und erschien einmal pro Woche. Erst ab dem 1. Oktober 1949 erschien wieder der "Nassauer Bote" als Tageszeitung.

Telefongespräche

und Post verboten

Außer dem Erscheinen von Zeitungen war auch der Fernsprechverkehr und das Verschicken von Post verboten. Letzteres war besonders schmerzhaft. Bisher gab es noch über Feldpostbriefe Kontakt zu den Angehörigen an der Front. Jetzt folgte eine sich über Monate oder - im Falle von russischer Gefangenschaft - gar über Jahre hinziehende quälende Ungewissheit über deren Schicksal. Der Fernsprechverkehr hatte in dieser Zeit für das Gros der Bevölkerung eine untergeordnete Bedeutung, denn im Dorf hatten in der Regel nur einige Geschäftsleute ein Telefon. Das Verbot war einfach zu bewerkstelligen. Ferngespräche waren in dieser Zeit nur über eine Telefonvermittlung möglich in der meist Frauen, die sogenannten "Fräulein vom Amt", die Verbindung zu dem gewünschten Teilnehmer "gestöpselt" haben.

Radioempfang über die sogenannten "Volksempfänger" gab es nicht in jedem Haus. Zudem fiel in den ersten Tagen nach dem Einmarsch in unserer Gegend der Strom aus. Die Funkhäuser und Sendemasten des gleichgeschalteten Reichssenders in den großen Städten, waren größtenteils Bombenangriffen zum Opfer gefallen und über Notstationen nur noch sehr eingeschränkt zu empfangen. Die englische BBC, in der Nazizeit als "Feindsender" bezeichnet, strahlte weiterhin ein deutschsprachiges Programm aus. Dieser Sender konnte jetzt gehört werden ohne Gefahr zu laufen, dafür verhaftet zu werden.

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