Mit solchen Plakaten setzte sich die BI Hengen gegen einen Steinbruch ein.
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Mit solchen Plakaten setzte sich die BI Hengen gegen einen Steinbruch ein.

"Wir für Beselich" in der Kritik

Beselich: Wessen Interessen vertritt die neue Wählergruppe?

  • Rolf Goeckel
    vonRolf Goeckel
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Der Vorsitzende der Bürgerinitiative Hengen, Josef Schulte, sieht Auffälligkeiten bei der Kandidaten-Struktur

Beselich -"Wir für Beselich" - so nennt sich eine neu ins Leben gerufene politische Gruppierung, die sich am 14. März zur Wahl für die Gemeindevertretung stellt und die Interessen der Bürger der Gemeinde Beselich vertreten möchte. In das von der Gruppe benutzte "Wir" fühlt sich der Vorsitzende der Bürgerinitiative (BI) Hengen Josef Schulte derzeit allerdings nicht eingeschlossen. Ursache sind einige "Auffälligkeiten" der neuen Wählergruppe, die Schulte zu einer Reihe kritischer Fragen veranlasst haben, die er direkt an die neue Wählervereinigung übermittelt hat. Eine ebenso direkte Antwort blieb bisher aus, bemängelt Schulte. Lediglich einen "Offenen Brief", der auch dieser Zeitung vorliegt, brachte "Wir für Beselich" in Umlauf.

Für ihn "auffällig", so der BI-Vorsitzende im Gespräch mit dieser Zeitung, sei, dass ein großer Teil der Kandidatinnen und Kandidaten von "Wir für Beselich" Mitglied im Schützenverein Beselich und im Traktorclub "Ackerkralle" sei. Schultes Befürchtung: Die neue Gruppierung könnte eher die Interessen dieser beiden Vereine als die Interessen aller Beselicher Bürger vertreten. Am meisten befürchtet Schulte, dass "Wir für Beselich" sich gemeinsam mit der CDU für den Verkauf von Feldwegen an die Firma Schaefer Kalk einsetzen könnte. Die Wege benötigt das Unternehmen, um das Gelände "Auf Hengen" im Ortsteil Schupbach als Kalksteinbruch vollständig zu erschließen.

Deren Verkauf an Schaefer Kalk war 2018 von der Gemeindevertretung mehrheitlich abgelehnt worden. Bei neuen Mehrheitsverhältnissen im Parlament der Gemeinde könnte sich dies jedoch schnell wieder ändern, meint Schulte. Zumal die CDU seinerzeit für den Verkauf gestimmt habe.

Die Verbindung von "Wir für Beselich" zu Schaefer Kalk macht Schulte vor allem an jenen fünf bis sechs (von 25) Kandidaten fest, die entweder Mitglied im Traktorclub Ackerkralle Taunus-Westerwald sind oder als Befürworter des Steinbruchs "Hengen" gelten. Schaefer Kalk, so Schulte, sei bekannt als ein Sponsor der "Ackerkralle", weshalb es naheliege, dass Mitglieder dieses Vereins in der Gemeindevertretung Interessen des Diezer Kalk-Produzenten vertreten könnten. Der Vorsitzende der "Ackerkralle" Robert Geyer bestreitet indes ein Sponsoring durch Schaefer Kalk. Allerdings, räumt Geyer ein, war Geschäftsführer Dr. Kai Schaefer vor Jahren Schirmherr einer Veranstaltung der "Ackerkralle".

Wie Schulte weiter berichtet, sei in Beselich außerdem die Befürchtung verbreitet, dass sich "Wir für Beselich" für das Großkaliber-Schießen auf dem Schießstand an der B 49 und den Ausbau des Scheuerhoffelder Weges stark machen könnte. Der BI-Chef verweist darauf, dass alleine die vier Spitzenkandidaten und etliche weitere Mitglieder der Liste Mitglied des Schützenvereins sind.

"Gänzlich unabhängig"

"Wir für Beselich" bestreitet unterdessen, eine Interessenvertretung des Schützenvereins oder des Vereins "Ackerkralle" zu sein. Auch eine Einflussnahme der CDU auf die Vereinsgründung gebe es nicht. In seinem "Offenen Brief" schreibt Pressesprecher und Nummer zwei auf der Kandidatenliste Mario Becker: ",Wir für Beselich' ist eine gänzlich unabhängige Wählervereinigung." Und weiter: "Die Behauptung, die meisten Kandidaten der ,Wir für Beselich' seien Mitglieder im Schützenverein Beselich ist nicht korrekt. (. . .) Soweit uns bekannt ist, gibt es im Schützenverein Beselich keine Pläne für den Bau einer 300-Meter-Bahn. Diese Pläne sind mit der Standortfestlegung Scheuerhoffelder Weg ad acta gelegt worden. Ein Ausbau des Scheuerhoffelder Wegs war auch nicht geplant. Lediglich die Sanierung der Zufahrt war dringend geboten. Mit der Reparatur der Fahrbahn im Zuge der Errichtung des Corona-Testzentrums hat sich diese Situation auch geändert."

Ob "Wir für Beselich" sich für oder gegen einen Steinbruch Hengen positioniert, lässt Becker unbeantwortet. Allerdings finden sich Hinweise darauf, dass der Politverein dem Thema durchaus aufgeschlossen gegenübersteht. In dem "Offenen Brief" heißt es: "Gruben und Steinbrüche gehören seit Jahrhunderten zum Bild aller hiesigen Gemeinden. Oft schauen viele mit Stolz auf die Marmorsteinbrüche der Region zurück. B 49 und Steinbrüche waren schon da, bevor sich die Menschen neue Häuser zur Erholung gebaut haben."

Ruhe und Natur an erster Stelle

Weiter schreibt Becker: "Wir sind uns der Bedeutung des Themas 'Auf Hengen' bewusst. Der Steinbruch bewegt die Bürger stärker als manch anderes Thema. Es fehlte aber der Mut, den Bürger entscheiden zu lassen. Bei einem Thema mit dieser Tragweite wäre ein Bürgerentscheid das einzig richtige Mittel gewesen. Das Ergebnis der Bürgerbefragung zu ignorieren, erachten wir als falsch."

Damit spielt Becker auf eine 2018 durchgeführte Bürgerbefragung zum Verkauf der Feldwege in der Gemarkung Schupbach an. Seinerzeit hatte sich eine Mehrheit der Beselicher Bürger für den Verkauf an Schaefer Kalk ausgesprochen. In Schupbach, dem von einem Steinbruch "Hengen" am meisten betroffenen Ortsteil, überwog jedoch die Ablehnung - ein Votum, dem die Gemeindevertretung folgte.

Die Bedeutung von Wirtschaft und Infrastruktur für Beselich betont Becker ausdrücklich: "Dass sich Menschen für den Wohnort Beselich entscheiden, liegt eher an der Infrastruktur als an der Ruhe. Das zeigt sich an den Immobilienpreisen, einmal im Verhältnis von Obertiefenbach (von der B 49 am stärksten betroffen) zu den anderen Ortsteilen, aber auch im Verhältnis von Beselich zu ruhiger gelegenen Gemeinden in der Region. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass wir Verständnis dafür haben, dass jede Immissionsquelle eine Beeinträchtigung für die Bürger darstellt und gründlich geprüft werden sollte."

Für Schulte hingegen stehen "Ruhe und Natur" an erster Stelle für Lebensqualität. Derzeit sei Beselich Standort der Kreisabfalldeponie, der Kompostierungsanlage und von Tongruben. Auch werde die Gemeinde von der B 49 durchschnitten. Daher stelle sich die Frage, wie diese Faktoren mit einem Steinbruch Hengen vereinbar wären. Insgesamt bemängelt der BI-Vorsitzende, dass seine Fragen "nur sehr oberflächlich" beantwortet seien. "Das lässt Raum für Spekulationen", sagt er. Für ihn sei die "Handschrift der Befürworter des Steinbruchs Hengen" aber klar erkennbar.

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