Aus Kondolenzbriefen im Kreis Limburg-Weilburg wird wohl gezielt Geld gestohlen. Die Deutsche Post steht in der Kritik.
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Aus Kondolenzbriefen im Kreis Limburg-Weilburg wird wohl gezielt Geld gestohlen. Die Deutsche Post steht in der Kritik. (Symbolbild)

Deutsche Post

Geld aus Trauerkarten gestohlen: „Fassungslos, wie man so dreist sein kann“

  • Rolf Goeckel
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Eine Familie im Kreis Limburg-Weilburg verliert zwei Menschen. In die Trauer mischt sich Wut: Aus Kondolenzbriefen wird wohl gezielt Geld gestohlen. Die Deutsche Post steht in der Kritik.

Beselich – Der Tod eines Angehörigen ist für die Betroffenen schon schlimm genug. Wenn Trauernde dann aber auch noch feststellen, dass Kondolenzbriefe geöffnet und Geld daraus gestohlen wurde, mischt sich Wut in die Trauer. So geschehen bei Rita Eichler und ihrer Enkelin Lisa-Marie Jentzsch aus Obertiefenbach im Kreis Limburg-Weilburg.

Beide Frauen hatten innerhalb von nicht einmal anderthalb Jahren gleich zwei Trauerfälle zu verkraften - und jedes Mal wurden unzählige Trauerbriefe, die mit der Post verschickt worden waren, von Unbekannten geöffnet und Geld, das von den Absendern üblicherweise anstelle von Blumen in die Kondolenzkarte gesteckt wurde, daraus gestohlen. Manche Briefe, das ergaben Recherchen der Trauernden, kamen erst gar nicht an, so dass der Verdacht nahe liegt, dass auch hier Diebe zugeschlagen hatten.

Deutsche Post im Kreis Limburg-Weilburg: Kondolenzbriefe aufgeschlitzt

Mitte März 2020: Die Mutter von Lisa-Marie Jentzsch ist mit nur 51 Jahren verstorben - für die Familie ein unfassbar trauriges Ereignis, an dem auch viele Menschen aus Obertiefenbach und Umgebung teilnahmen. Unzählige Kondolenzbriefe gehen ein - "aber einige sahen sehr merkwürdig aus", erinnert sich Lisa-Marie Jentzsch. "Die Briefe waren seitlich aufgeschlitzt, total zerknittert, und hinten war die dreieckige Lasche nur noch in den Umschlag hin eingesteckt." Mindestens 20 Briefe, berichtet Jentzsch, waren betroffen. Da sie die Absender, die teilweise aus Nachbartorten kamen, gut kannte, fragte sie nach. Und siehe da: Das Geld, das in den Umschlägen steckte, war verschwunden. Keine riesigen Beträge zwar - üblich sind fünf, zehn, auch mal 20 oder gelegentlich sogar 50 Euro - doch ärgerlich allemal.

Die Obertiefenbacherin, die als Pfarrsekretärin arbeitet, hakte bei der Beschwerdestelle der Deutschen Post nach. Sie füllte ein Online-Formular aus, gab die Absender der Briefe an - und hörte seitdem kein Wort mehr von dem Logistik-Riesen aus Bonn. Jentzsch ließ die Sache auf sich beruhen und ärgerte sich im Stillen. Bis vor rund zwei Wochen, als sie und ihre Großmutter Rita Eichler dieselbe Erfahrung erneut machen musste.

Rita Eichler ist fassungslos. Dies ist einer der Briefe, die beschädigt bei ihr ankamen. Das darin liegende Geld wurde gestohlen.

Der Opa war gestorben - und wieder erhielt das Trauerhaus Jentzsch/Eichler Kondolenzbriefe, die ganz offensichtlich geöffnet und geplündert worden waren. "Ich bin fassungslos, wie man so dreist sein kann", empört sich Lisa-Marie Jentzsch, die dieses Mal nicht stillhalten wollte und die Sache öffentlich machte. Erneut wandte sie sich an die Beschwerdestelle der Post und hörte - nichts. "Ich bin stinksauer", schimpft die Obertiefenbacherin. Zumal ihre Großmutter, die nur eine kleine Rente bezieht, das gestohlene Geld für die Beerdigung hätte gut gebrauchen können. "Acht geöffnete Briefe sind uns aufgefallen, es waren aber garantiert viel mehr", ist Jentzsch überzeugt.

Deutsche Post: Diebstähle bei Trauerkarten „bekannt“

Besonders ärgert sie, dass die Diebstähle kurz nach dem Tode ihrer Mutter im vergangenen Jahr in die Zeit des ersten Corona-Lockdowns fielen. "Keiner kam, um einen mal in den Arm zu nehmen oder zu drücken, das lief alles über Kondolenzbriefe", erinnert sie sich. Wenn dann noch Diebstahl im Spiel ist, sei dies einfach niederschmetternd. Jentzsch: "So etwas ist unterste Schublade."

Der Deutschen Post ist bekannt, dass es bei der Versendung von Geld in Trauer- oder auch Glückwunschkarten immer wieder zu Diebstählen kommen kann, erklärte auf Nachfrage Pressesprecher Heinz-Jürgen Thomeczek. Solchen Fällen, die nach seinen Angaben sehr selten seien, werde seitens der Post mit Entschiedenheit nachgegangen. Wenn die Täter Angestellte der Post sind, müssten sie mit fristloser Entlassung und einem Strafverfahren rechnen.

Deutsche Post zum Fall bei Limburg: Briefe mit Geld sind nicht versichert

Auf Schadenersatz können die Diebstahlsopfer freilich nicht hoffen, stellte der Postsprecher klar. Denn: Nach den Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Post sei Bargeld in einfachen Briefen nicht versichert. "Daher raten wir davon ab, Geld per Brief zu verschicken", so Thomeczek. Lediglich im Wertbrief sei Bargeld bis zu 100 Euro versichert. Nachteil: Die Post verlangt einen saftigen Aufschlag. Im vorliegenden Fall sei die Konzernsicherheit eingeschaltet worden, die nun Kontakt zu den Betroffenen aufnehmen wolle, sagte der Sprecher, der sich zuversichtlich zeigte, dass der oder die Täter schlussendlich ermittelt werden können. "Irgendwann schnappen wir die Täter."

Wie genau die Post - meist in Zusammenarbeit mit der Polizei - dabei vorgeht, wollte Thomeczek nicht verraten. Die Beförderungskette sei lang und reiche vom Briefkasten oder einer Postfiliale über das Verteilzentrum - in diesem Falle Mainz-Kastell - bis zum Austräger. Aber: "Unsere Aufklärungsquote liegt bei fast 100 Prozent", so Thomeczek. (Rolf Goeckel)

Erst vor wenigen Monaten hatte ein anderer Vorfall für Aufregung gesorgt: Ein Mitarbeiter der Deutschen Post bunkerte jahrelang Briefe und Postkarten in seiner Wohnung in Wiesbaden. Die Zustellung erfolgte erst jetzt.

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