Sie stehen vor der rekonstruierten Verladerampe: Ragnar Feickert mit Frau und Tochter, Axel Becker und Beselichs Bürgermeister Michael Franz (von links).
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Sie stehen vor der rekonstruierten Verladerampe: Ragnar Feickert mit Frau und Tochter, Axel Becker und Beselichs Bürgermeister Michael Franz (von links).

Blick in die Historie

Ein optischer Blickfang im Kerkerbachtal

Marmor-Liebhaber haben die Marmor-Verladestation rekonstruiert.

Schupbach/Gaudernbach -Gerade in Zeiten von Corona entwickelt sich der Radweg durch das schöne Kerkerbachtal zu einer beliebten Strecke für Radfahrer. Ein Gleisanschluss vor einer rekonstruierten Verladestation für Lahn-Marmor lädt nun zum Verweilen ein. Aufgebaut hat sie Ragnar Feickert, Geschäftsführer der Gaudernbacher Baufirma Feickert. Vier Wochen Arbeit hat Marmor-Liebhaber Feickert in den Aufbau investiert. Ihn beraten und dabei geholfen hat Axel Becker aus Schupbach, passionierter Mineraliensammler, Mitbegründer des Lahn-Marmor-Museums in Villmar und langjähriger Vorsitzender des Lahn-Marmor-Vereins.

Nun erinnert die Verladestation bei Kilometer 13,3 auf der Strecke Kerkerbach-Hintermeilingen an eine rege Abbautätigkeit des Lahn-Marmors. Zu einem Ortstermin sind Ragnar Feickert und Axel Becker, außerdem Feickerts Frau und Tochter sowie der Beselicher Bürgermeister Michael Franz (parteilos) gekommen. Bürgermeister Franz hat als gebürtiger Villmarer von Kindheit an einen Bezug zum Lahn-Marmor und sein Vater hat eine Ausbildung bei der Kerkerbachbahn gemacht. "Man kann gar nicht genug anerkennen, wenn eine Firma aus der Region etwas für die Region tut", sagt er. Feickert und Becker hätten hier etwas mit viel Herzblut aufgebaut.

Die Verladerampe befand sich an einem Abzweig der Kerkerbachbahn, um Marmorblöcke aus dem nur wenige Meter oberhalb gelegenen Steinbruch "Korallenfels" abzutransportieren. Der Vertriebsname des dort abgebauten Marmors war "Rosario" oder auch "Rosario Corallo". Um die Verladestelle möglichst originalgetreu zeigen zu können, wurde auch ein Gleis verlegt. Gestiftet wurde es von der Brohltalbahn in der Eifel.

Ragnar Feickert und Axel Becker haben viel zu den Steinbrüchen in der Region recherchiert. Viele Informationen stammen aus dem Staatsarchiv in Wiesbaden. Bei seinen Ausführungen zur Verladerampe berichtet Feickert auch von einem der größten Unfälle in der Geschichte der Kerkerbachbahn: "In den 30er-Jahren fuhr eine Bahn aus Richtung Heckholzhausen kommend aufgrund einer falsch gestellten Weiche ungebremst in den Abzweig der Verladestation, überfuhr den Prellbock und landete im Feld. Die Bergung des Zuges dauerte mehrere Tage." Auch den Prellbock hat Feickert wiederaufgebaut. Die Stahlkonstruktion hat er in seiner Firma zusammengeschweißt, für die Holzbohlen alte Bahnschwellen genommen.

Alte Bahnschwellen

wiederverwendet

Ein weiteres Gleis hat er auf der anderen Seite des Weges verlegt. Dieses führte etwa 250 Meter bis zum Steinbruch der Gewerkschaft Hermes, später auch Elisabeth II genannt. In diesem Steinbruch, der auf der Gemarkung Gaudernbach liegt und sich ebenfalls im Besitz von Ragnar Feickert befindet, wurden von 1908 an die Marmorarten "Orania grau" und "Orania rot" abgebaut. Eine eigens über den Kerkerbach errichtete Bahnbrücke führte zum Gelände, in dem der Marmor auch in einer Schneiderei/ Schleiferei vor Ort weiterverarbeitet wurde.

Der Steinbruch "Korallenfels", der in der Gemarkung Schupbach liegt, wurde erstmals im Jahr 1899 durch die Firma "Marmorwerke Balduinstein Guido Krebs" betrieben. Anfang der 60er-Jahre wurde der Steinbruch geschlossen, weil alle nur noch weißen Carrara-Marmor haben wollten. Jetzt hat ihn Ragnar Feickert gekauft, um ihn in seinem jetzigen Zustand zu erhalten und der Nachwelt zeigen zu können.

In den Steinbruch führt ein weiteres Gleis. "Der Eingangsbereich und die Schienen waren komplett zugewuchert", erzählt Ragnar Feickert. Das hat er alles wieder freigelegt und sogar eine alte Lore aufgestellt. Im Steinbruch sieht man noch die Fundamente des alten Maschinenhauses. Tonnenschwere Marmorblöcke, aus dem Fels herausgeschnitten und für den Abtransport bereit, liegen herum. Es sieht aus, als wäre die Arbeit Hals über Kopf eingestellt worden. Gerade das macht aber den besonderen Reiz dieses Steinbruches aus.

Jährliche

Führungen geplant

Axel Becker, der alle 123 Steinbrüche im Lahn-Marmor-Gebiet zwischen Wetzlar und Balduinstein kennt, findet, dass der "Korallenfels" der schönste ist. "Den Menschen, die hier wandern oder Rad fahren, ist gar nicht klar, dass sie ein ehemaliges Industriegelände durchqueren, in dem einmal richtig viel und hart gearbeitet wurde", erzählt er. "Auch die nahegelegene Hütten-Mühle ist ein Hinweis darauf. Sie wurde so genannt, weil dort ein Verhüttungsbetrieb war." Die Kerkerbachbahn, mit der nicht nur Steine transportiert, sondern auch Personen befördert wurden, hat ihren Betrieb 1960 eingestellt und wurde dann abgebaut. Vor Ort wurden Schautafeln aufgestellt, die den Passanten den historischen Hintergrund der Anlage beschreiben. Ragnar Feickert plant, in jährlichen Abständen Führungen durch die Steinbrüche in Schupbach und Gaudernbach anzubieten. Die Termine sollen über das Lahn-Marmor-Museum veröffentlicht werden. Auch für Besuche von Schulklassen oder Kindergärten würde Feickert seine Steinbrüche öffnen. Ihm ist viel daran gelegen, diese historischen Orte zu erhalten und der Nachwelt zu zeigen. Der Bürgermeister kann sich sogar einen Rundwanderweg um Beselich vorstellen, der wie dieses Anschlussgleis auf historische Stationen hinweist. Andreas Müller

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