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Missbrauch im Bistum Limburg: Kai Moritz ist von seinem priesterlichen Pflegevater als Minderjähriger sieben Jahre lang sexuell schwer missbraucht worden.

Missbrauch hatte keine Folgen für den Priester

Kind jahrelang im Bistum Limburg sexuell missbraucht - Dezernat gesteht Vertuschung

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Kai Moritz ist von seinem priesterlichen Pflegevater als Minderjähriger sexuell schwer missbraucht worden. Das Bistum in Limburg gibt nun die Vertuschung des Falls zu.

Update vom Mittwoch, 20.11.2019, 14.33 Uhr: Kai Moritz ist als Minderjähriger von seinem priesterlichen Pflegevater sexuell missbraucht worden. Das geht aus dem Abschlussbericht des Bistums Limburg durch den Juristen Ralph Gatzka hervor. Gatzka hatte die Vorwürfe im Auftrag des Bischofs geprüft. Demnach habe sich der langjährige Personaldezernent Helmut Wanka, nachdem sich Kai Moritz offenbart hatte, zwar um die Vermittlung eines Therapieplatzes für das Missbrauchsopfer wie auch um eine psychotherapeutische Behandlung des Täters bemüht. 

Allerdings habe Wanka auch versucht, „ein Absehen des Opfers von einer Strafanzeige gegen den Priester zu erreichen“ – erfolgreich. Die kirchliche Selbstverpflichtung zur Weitergabe von Informationen an die staatlichen Strafverfolgungsbehörden gab es damals, im Jahr 1997, noch nicht. Der Missbrauch an Moritz war zu diesem Zeitpunkt noch nicht verjährt.

Missbrauch in Limburg: keine Folgen für den Priester

Eine kirchenstrafrechtliche Voruntersuchung wurde damals ebenfalls nicht eingeleitet. Entsprechend gab es auch keine Wertung des Missbrauchs durch die Kirche und keinen Eintrag in der Personalakte des Priesters. „Dass die Bistumsspitze, also Bischof und Generalvikar, informiert worden wären, lässt sich der Personalakte nicht entnehmen“, so Gatzka.

„Das Fehlen jeglicher schriftlicher Hinweise in der Personalakte des Priesters auf die Tatvorwürfe und die sich anschließenden Gespräche, die allesamt nicht in den Räumen des Bistums geführt wurden, (...) legen nahe, dass der Personaldezernent agiert hat, ohne seine Vorgesetzten zu unterrichten, und das Geschehen bistumsintern nicht publiziert wurde“, schreibt Gatzka weiter.

Der Priester wurde nach einer Therapie wieder an alter Wirkungsstätte eingesetzt. Vorkehrungen, damit sich der Missbrauch nicht wiederholt, gab es nicht. Auflagen auch nicht. Als der Priester in eine andere Diözese versetzt wurde, blieben die Missbrauchsvorwürfe unerwähnt.

Missbrauch in Limburg: Wanka bedauert „schwerwiegende Fehler“

In einer persönlichen Erklärung bedauert Wanka seine schwerwiegenden Fehler und entschuldigt sich beim Betroffenen. Er schreibt: „Ich bedauere zutiefst, dass ich schwerwiegende Fehler in der Wahrnehmung und anschließenden Einschätzung eines nun feststehenden schweren sexuellen Missbrauchs an Herrn Moritz durch seinen Pflegevater Pfarrer B. gemacht habe. Ich bitte vorrangig und an erster Stelle das Opfer und dann auch die Gläubigen des Bistums Limburg um Verzeihung.“ Heute sei ihm klar, dass er entschiedener, hartnäckiger und präziser hätte nachfragen müssen, als der Betroffene sich an ihn gewandt hatte und heute habe er einen anderen Wissensstand, der dazu führe, dass er den erlittenen sexuellen Missbrauch anders bewerte und zu anderen Einschätzungen komme.

Bischof Franz Kamphaus, zwischen 1982 und 2007 Bischof von Limburg, hatte nach eigenen Angaben keine Kenntnisse von diesem Fall. Im Zusammenhang mit Missbrauchsvorwürfen gegen einen anderen Priester sei ihm aber heute klar, dass er entschiedener hätte durchgreifen müssen.

Der Täter verbringt seinen Ruhestand im Erzbistum Bamberg. Ihm ist inzwischen die Ausübung jeglicher priesterlicher Dienste untersagt. Die Diözese Limburg hat die kirchenstrafrechtliche Voruntersuchung eingeleitet und beendet. Das Ergebnis der Voruntersuchung wurde zusammen mit einem Votum des Bischofs an die zuständige Kongregation für die Glaubenslehre gesandt. Hier wird über das weitere Verfahren gegen den Priester entschieden. 

Erstmeldung, 19.11.2019, 23.13 Uhr: Limburg - Es ist von den vielen Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche, die in den vergangenen Jahren in Hessen Schlagzeilen machten, der spektakulärste. Weil Kai Moritz sein Martyrium öffentlich machte. Mit seinem Namen und seinem Gesicht. Weil er seinen Peiniger - Cousin, Pflegevater und Priester - an den Pranger stellte. Und weil er die Verantwortlichen im Bistum Limburg beschuldigte, seine Hinweise vertuscht zu haben. 

Kai Moritz hat recht. Daran dürfte kaum jemand gezweifelt haben. Nun bekommt es der 42-Jährige schriftlich. Schwarz auf weiß von der Diözese, die damit ihr Versagen einräumt. Der Abschlussbericht zu dem Fall soll bald veröffentlicht werden. Die Untersuchungen bestätigen nach Informationen der Frankfurter Neuen Presse alle Angaben von Kai Moritz.

Skandal in Limburg: Bistum vertuscht Missbrauch - Abschlussbericht liegt vor

Bischof Georg Bätzing hatte die Expertise im Frühjahr beim früheren Limburger Landgerichts-Präsidenten Ralph Gatzka in Auftrag gegeben. Wegen der grundsätzlichen Bedeutung und der widersprüchlichen Aussagen in der konkreten Causa. Bätzing war dabei in einem Gewissenskonflikt. "Ich glaube dem Opfer", sagte er. Er glaubte aber auch dem langjährigen Personaldezernenten Helmut Wanka, der behauptete, von den Vorwürfen nichts gewusst zu haben.

Von dieser Darstellung ist der Prälat nach Informationen dieser Zeitung abgerückt. Auf die Sprachregelung darf man gespannt sein. Wanka, bis März 2015 fast 30 Jahre Personalchef der Diözese, soll die Situation wohl falsch eingeschätzt haben. Der damalige Bischof Franz Kamphaus und Generalvikar Günter Geis sind dem Vernehmen nach nicht informiert gewesen.

Bistum Limburg vertuscht Missbrauch: Das Leiden begann mit zehn

Kai Moritz hat lange geschwiegen; aus Scham und Angst. Sein Leiden begann mit zehn. Nach dem Tod seiner alleinerziehenden Mutter kam er 1986 als Pflegesohn in das Haus seines Cousins Fritz B., der als Priester in einer Gemeinde am Rand des Bistums, im Kreis Marburg-Biedenkopf, wirkte. Bis 1993 missbrauchte der Seelsorger den Jungen regelmäßig und schwer.

Mit 20 vertraute Moritz sich der besten Freundin der Mutter an, danach wandte er sich an Wanka. Das Opfer nahm das Angebot der psychologischen Betreuung an. Das war's. Nach der öffentlichen Erregung über die Studie zum Missbrauch in der katholischen Kirche zeigte Moritz im September 2018 die Vergehen an. Der Schauspieler schilderte die erlittene Gewalt sowie die ebenfalls als schmerzlich empfundene Vertuschung.

Missbrauchs-Skandal im Bistum Limburg: Strafanzeige gegen Priester

Das Bistum Bamberg, wo der Pfarrer seinen Ruhestand verbringt und gelegentlich Gottesdienstvertretungen übernahm, stellte Anfang des Jahres Strafanzeige. Der Mann darf seitdem keine priesterlichen Dienste ausüben.

In einer Pressekonferenz Anfang April in Limburg hatte Bätzing auf Anfrage berichtet, dass es weder in den Personalunterlagen noch in den im Geheimarchiv aufbewahrten Schriftstücken Hinweise zu dem Fall gibt. "Es fehlen relevante Dinge", so der Bischof.

Bistum Limburg vertuscht Missbrauch: Kirche drängt jetzt auf Aufklärung des Skandals

Strafrechtlich seien die Vergehen laut Staatsanwaltschaft zwar verjährt, doch die Kirche dränge auf Aufklärung. Deshalb habe er mit Gatzka einen erfahrenen Juristen eingeschaltet.

Dessen Ergebnisse interessieren freilich nicht nur die katholische Kirche, sondern wahrscheinlich auch den Vatikan. Bei der römischen Kleruskongregation läuft nach wie vor das kirchenrechtliche Verfahren gegen den inzwischen 72-jährigen Fritz B.; das Bistum Limburg wartet seit Wochen auf eine Rückmeldung. Dem beurlaubten Priester droht die Entlassung aus dem Klerikerstand. Damit würde er auch seine Rentenansprüche verlieren.

Von Joachim Heidersdorf/tom

Auch ein Schulpfarrer aus dem Bistum Limburg musste nach Vorwürfen von Missbrauch endgültig gehen.

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