Von seinem großen Traum -Musiker zu werden - hat er sich inzwischen verabschiedet, aber Johannes Koser gibt nicht auf. Jetzt hofft er, dass er als Lokführer arbeiten kann.
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Von seinem großen Traum -Musiker zu werden - hat er sich inzwischen verabschiedet, aber Johannes Koser gibt nicht auf. Jetzt hofft er, dass er als Lokführer arbeiten kann.

Eine lange Geschichte über Jugendhilfe

Brechen: Der ewige Kampf mit dem Amt

  • Sabine Rauch
    vonSabine Rauch
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Am 2. April ist Weltautismustag - Dass dieser Tag nötig ist, zeigt Johannes Kosers Kampf um eine angemessene Förderung

Oberbrechen -Er wollte gerne Musik studieren. Er spielt Klavier und Cello, und dass er das Abitur schaffen würde, bezweifelt eigentlich auch niemand. Aber es war schwer, die richtige Schule für Johannes zu finden. Und als die Eltern sie gefunden hatten, wollte sie niemand bezahlen. Deshalb wird das hier auch keine Geschichte über einen jungen Mann, der mit oder trotz einer Behinderung sein Glück findet, sondern eine lange Geschichte über Jugendhilfe, die nicht immer hilft, verzweifelte Eltern und frustrierte Jugendliche. Wer weiß, vielleicht wird ja noch alles gut, denn Johannes Koser ist jetzt 22 Jahre alt. Im Juli wird er 23. Dann ist der Landeswohlfahrtsverband der zuständige Kostenträger, nicht mehr das Jugendamt Limburg-Weilburg.

Seit drei Jahren kämpfe sie mit dem Jugendamt um die geeignete Hilfe für ihren Sohn, sagt Silvia Heinze. Immer wieder seien ihm Steine in den Weg gelegt, Anträge verschleppt worden, von dem Zwischenmenschlichen ganz zu schweigen. "So geht man nicht mit einem behinderten Menschen um." Die Kreisverwaltung will sich zu dem Fall nicht äußern - mit Hinweis auf den Datenschutz. "Wir können nicht erkennen, dass hier ein berechtigtes Interesse an der öffentlichen Bekanntgabe von doch sehr persönlichen Angelegenheiten besteht." Aber eines sei klar: "Dass das Jugendamt des Landkreises Limburg-Weilburg noch nie Anträge ,bewusst' verschleppt hat".

Silvia Heinze und ihr Sohn haben kein Problem damit, dass ihre Angelegenheiten öffentlich werden. Weil sie hoffen, dass ihr Fall anderen Menschen hilft, wenn auch vielleicht nur dank der Erfahrung, dass sie nicht die einzigen sind, die immer wieder kämpfen und betteln müssen, obwohl es ja eigentlich Gesetze gibt, die ganz klar regeln, was wem zusteht. Und weil es um die Zukunft von Johannes geht.

Dass er nicht auf eine Regelschule passt, sei schon im Kindergarten klar gewesen, sagt Silvia Heinze. Deshalb hatten sie und ihr Mann ja auch entschieden, ihn in die Waldorfschule zu schicken. Die Grundschule lief gut, auch wenn Johannes immer zu den zurückhaltenden, leisen Kindern gehörte. In der sechsten Klasse wurde es anders: Johannes wurde immer stiller. Die Eltern schoben das darauf, dass seine Klassenlehrerin gegangen war und hofften, dass er trotzdem zurecht komme. Aber Johannes kam nicht zurecht. Er bekam immer häufiger Bauchweh, wollte lieber zu Hause bleiben. Dass er in der Schule gemobbt wurde, sei aber erst herausgekommen, als sein kleinerer Bruder ebenfalls zum Opfer gemacht wurde. "Johannes hat ja nie was erzählt."

Johannes Eltern sprachen mit der Schulleitung, hofften, dass das Problem gelöst sei. Und holten sich Hilfe beim Jugendamt des Rhein-Lahn-Kreises, denn damals wohnten sie noch in Netzbach. Dass Johannes Autist sein könnte, war damals noch eine Vermutung. "Wir haben all unsere Kinder so genommen, wie sie sind", sagt Silvia Heinze.

Diagnose

"Asperger Syndrom"

Die Diagnose "Asperger Syndrom" brauchte Johannes erst, als seine Eltern eine wirklich geeignete Schule für ihn gefunden hatten: Ein Internat in Bonn, das sich auf die Förderung von Asperger-Autisten spezialisiert hat. Die Schule hätte ihn genommen, dort hätte er Abitur und die ersten Schritte in ein selbstständiges Leben machen können und hinterher vielleicht Musik studieren. Mit der Diagnose bekam Johannes auch attestiert, dass er ein Fall für die Eingliederungshilfe nach Paragraf 35a des Sozialgesetzbuches ist - und damit das Jugendamt für ihn zuständig ist, obwohl er damals schon 18 war. Genauer: Das Jugendamt Limburg-Weilburg, denn die Familie war inzwischen nach Oberbrechen umgezogen.

"Und damit fing alles an", sagt Silvia Heinze. Das Jugendamt habe immer wieder neue Unterlagen und Befunde angefordert, die Johannes bescheinigten, dass er intelligent genug für den höheren Bildungsabschluss aber trotzdem nicht für den Ersten Arbeitsmarkt geeignet sei. Die Familie brachte die gewünschten Papiere so schnell es ging. Das Jugendamt habe sich dann Zeit gelassen, sagt Silvia Heinze. Nach einem halben Jahr und mit Hilfe eines Anwalts konnte die Familie einen Bescheid erwirken. "Abgelehnt." Johannes Koser kann sich noch an die Begründung der Jugendamtsmitarbeiterin erinnern: "So etwas haben wir noch nie bezahlt." Die Familie zog vor Gericht. Silvia Heinze kann sich noch gut an die Argumente des Jugendamt-Anwalts erinnern: Weil die Familie ja schon die Waldorfschule aus eigener Tasche bezahlt habe, sei das Amt nicht in der Pflicht, das Internat zu bezahlen. "Johannes müsse erst mal an einer staatlichen Schule scheitern, bevor man die Übernahme der Kosten für eine private Schule in Erwägung ziehe." Das Gericht gab dem Jugendamt Recht. Und die Familie hatte nicht die 40 000 Euro, die das Internat gekostet hätte.

Also ging Johannes weiter in die Waldorfschule - oder auch nicht. Seine Mutter kämpfte weiter um Hilfe für ihren Sohn und stellte jede Menge Anträge und wartete auf Bescheide. Johannes litt. Irgendwann mochte er gar nicht mehr in die Schule; morgens verließ er das Haus, dann trieb er sich irgendwo herum. Nach 11,5 Schuljahren verließ er die Schule offiziell. Und stand ohne Abschluss da - ohne Perspektive und mit Russisch als zweiter Fremdsprache. "Dann ging es auf einmal darum, dass er überhaupt einen Abschluss machen kann", sagt Silvia Heinze. Das Jugendamt habe ganz klare Präferenzen gehabt: Ein Berufsbildungswerk, in dem er einen Hauptschulabschluss machen und ein Handwerk lernen kann. Aber Johannes Koser wollte Abitur machen und Musik studieren. Und die Eltern wollten alles tun, damit er sich seinen Wunsch erfüllen kann.

TEACCH-Förderung

der Lebenshilfe

Das Jugendamt hatte andere Prioritäten. Aber immerhin habe es Johannes irgendwann eine TEACCH-Förderung beim Fachdienst für Autismus der Lebenshilfe Limburg Diez finanziert, sagt Silvia Heinze. Und vor einem Jahr sagte es sogar die Finanzierung der Flex-Schule, einer Internet-Schule, zu. Allerdings nicht so wie gewünscht. Das Jugendamt übernimmt die Kosten für den Hauptschulabschluss. Den Antrag auf Finanzierung des Realschulabschlusses hat das Amt inzwischen - sieben Monate nach Antragstellung und "intensiver Prüfung" - abgelehnt. Obwohl auch bei diesem Eignungstest herausgekommen war, dass Johannes leicht den Realschulabschluss machen könnte, und obwohl das nicht wirklich teurer gewesen wäre. Stattdessen empfiehlt das Amt inzwischen die Beantragung einer betreuten Wohnform. Der Hauptschulabschluss ist fast geschafft, auf seine Präsentationsprüfung hat Johannes vor ein paar Tagen eine glatte Eins bekommen. Er hat den Durchhänger, den er im Dezember vergangenen Jahres hatte, schon wieder fast vergessen. Damals hatte er entschieden, dass ihm die Unterstützung der Lebenshilfe-Mitarbeiter nichts bringe, schon gar nicht in Zeiten von Corona, wo man ja sowieso nur telefonieren oder skypen könne. Und auf Schule hatte er damals auch keine große Lust, hat es manchmal versäumt, die Unterlagen rechtzeitig zu schicken.

Inzwischen weiß er, dass er die Unterstützung noch immer braucht und hat einen neuen Antrag auf TEACCH-Förderung gestellt. Aber so einfach geht das natürlich nicht: Jetzt habe das Jugendamt erst einmal aktuelle Diagnosen angefordert, berichtet Silvia Heinze. "Als ob sich das Asperger-Syndrom irgendwann auswächst." Jedenfalls geht wieder Zeit ins Land, bis Johannes einen Psychiatrie-Termin bekommt, bis der Befund geschrieben, und dann noch mal, bis der Bescheid erlassen ist.

Zeit, die Johannes Koser fehlt. Von seinem großen Traum hat er sich inzwischen verabschiedet. Er will nicht mehr Musik studieren, er will jetzt Lokführer werden. Weil die auch nachts arbeiten und das besser zu seiner Tagesstruktur passt, und weil die nicht viel reden müssen. Aber dafür braucht er wenigstens einen Realschulabschluss. "Wir haben einen langen Atem", sagt Silvia Heinze.

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