Die verschwundene Nickfigur in der Oberbrechener Kirche ist über 100 Jahre alt.
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Die verschwundene Nickfigur in der Oberbrechener Kirche ist über 100 Jahre alt.

Vandalismus oder Zeichen gegen Rassismus?

Brechen: Die verschwundene Nickfigur

  • vonPetra Hackert
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Aus der Oberbrechener Kirchenkrippe ist eine schwarze Nickfigur verschwunden

"Ich bin dann mal weg", steht auf dem Zettel, der auf dem Platz an der Krippe liegt. Mal weg ist eine Figur, die auf der Spendenbox für das Münzgeld stand. Die ganze Box mit dem Kleingeld fehlt, von der Verschraubung weggerissen. Geblieben ist das Opferkästchen, in dem die Scheine liegen. Also scheint es hier nicht ums Geld zu gehen.

"Die Figur ist über 100 Jahre alt", sagt Magda Sabel. Seit über zehn Jahren betreut sie mit einem Team von freiwilligen Helfern die Oberbrechener Kirchenkrippe. Das ist viel Arbeit, denn sie legen Wert auf Details: das Moos der Naturkrippe, die vielen Figuren und topographischen Einzelheiten. Es gibt sogar ein schwarzes Schaf in der Herde. Die Idee hatte Magda Sabel, nachdem sie eine schöne Geschichte von einem kleinen schwarzen Schaf gehört hatte, das im dunklen Stall übersehen worden war.

Nicht zu übersehen war die Nickfigur - auch schwarz. War das der Grund für den Diebstahl? Neben dem Zettel lag nämlich noch ein Briefumschlag mit 20 Euro darin. Eine Spende, die jemand hatte einwerfen wollen und nichts mit dem Diebstahl zu tu hat? Oder ein Obolus für das Entwenden der Figur? Das sind Spekulationen, genauso wie die Frage, ob jemand an der schwarzen Hautfarbe der Nickfigur Anstoß genommen haben könnte.

Pfarrer vermutet Vandalismus

Pfarrer Ernst-Martin Benner denkt nicht in diese Richtung. Er vermutet eher Vandalismus, den es leider immer wieder gegeben hat. Das bestätigt auch Magda Sabel. Mal wurde Blumenschmuck gestohlen, mal mit Kerzenwachs Verschmutzungen angerichtet. Allerdings habe beim Geld für die Kerzen in den Opferstöcken nie etwas gefehlt. Die Menschen, die die Möglichkeit nutzten, eine Kerze aufzustellen, seien offensichtlich sehr bedacht darauf, dass alles ordentlich abläuft.

Jetzt die Sache mit der Figur. An Heiligabend stand sie noch in der Krippe. Sie wird traditionell direkt nach dem Advent aufgestellt. Auch am ersten Feiertag noch. Man konnte die Zeit eingrenzen auf den zweiten Feiertag zwischen 12 und 14 Uhr - da muss es passiert sein. Die Kirchengemeinde hat Anzeige bei der Polizei erstattet, die unter (06431) 91400 um Hinweise bittet. Magda Sabel, die die Krippe betreut, hat außerdem eine Belohnung von 100 Euro ausgesetzt. Sie hätte die Figur gerne zurück, auch wegen der vielen Menschen, denen sie etwas bedeutet. "Letztens war ein alte Frau hier, die unbedingt selbst etwas hineinwerfen wollte. Und eine Frau, die kürzlich gestorben und 100 Jahre alt geworden ist, konnte sich noch daran erinnern, dass sie die Figur aus dem Pfarrhaus in die Kirche zum Aufbau der Krippe getragen hat", weiß Magda Sabel.

Es sind die Erinnerungen, die ihr wichtig sind. Vandalismus in der Kirche tue ihr besonders leid, weil gerade jetzt, in der Zeit der Pandemie, die Türen offen stehen sollen. Es gibt keine Gottesdienste wie früher, zu denen man einfach und ohne Anmeldung kommen konnge, aber das Bedürfnis nach Andacht. Manchmal sogar noch stärker als bisher. Deshalb sind die Kirchen in der Weihnachtszeit von 10 bis 17 Uhr geöffnet, und normalerweise passiert nichts.

Gemeinde möchte die Figur zurück

Die andere Seite: Im weiten Umkreis wurden die schwarzen Nickfiguren in den Kirchen ersetzt. Vielerorts gibt es nun einen Engel, der auf der Spendenbox steht und sich beim Einwurf von Münzen bedankt. Ist der Diebstahl ein Hinweis, man möge auch in Oberbrechen mit der Zeit gehen und keinen Anflug von Rassismus aufkommen lassen? Auch das ist Spekulation. Ob die Figur, wenn sie zurückkehren sollte, wieder aufgebaut wird, vermag auch Magda Sabel nicht zu sagen. Vielleicht landet sie auch im Museum. Auf jeden Fall: Selbst über ein anonymes Zurückgeben würde sie sich freuen.

Diesen Zettel fand man anstelle der Spendenbox vor.

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