Klara Quast ist 23 Jahre alt und hat ihren ersten richtigen Job - was nicht berichtenswert wäre, wenn es nicht immer noch eine Ausnahme wäre, dass Menschen mit geistiger Behinderung einen Arbeitsplatz auf dem ersten Arbeitsmarkt finden.
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Klara Quast ist 23 Jahre alt und hat ihren ersten richtigen Job - was nicht berichtenswert wäre, wenn es nicht immer noch eine Ausnahme wäre, dass Menschen mit geistiger Behinderung einen Arbeitsplatz auf dem ersten Arbeitsmarkt finden.

Mitarbeiterin gefunden

Brechen: "Jede helfende Hand ist eine gute Hand"

  • Sabine Rauch
    vonSabine Rauch
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Mitarbeiterinnen in Altenheimen werden dringen gesucht - Das Mutter-Teresa-Haus hat eine ganz besonders motivierte Mitarbeiterin gefunden

Niederbrechen -Eine klassische Win-Win-Situation: Klara Quast hat eine Arbeit gefunden, die ihr Spaß macht, sie kann ihre Miete selbst bezahlen, sie kann selbstständig werden, Benjamin Hoppe, ihr Chef, hat eine "tolle Kollegin" gefunden, eine Stelle über dem Plan besetzt und ihre sozialen Kompetenzen konnten er und seine Mitarbeiterinnen auch noch erweitern - denn Klara Quast ist eine besondere Kollegin. Vielleicht nicht viel mehr besonders als jeder andere Mensch, aber es ist trotzdem eine Seltenheit, dass Menschen wie sie einen Job auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt bekommen. Denn Klara Quast hat eine geistige Behinderung. Und sie ist freundlich, geduldig, empathisch und immer authentisch - die besten Voraussetzungen für eine Arbeit in einem Seniorenheim. Und den hat sie nun, seit 1. Dezember, mit einem festen Vertrag, Tarifgehalt und Sozialabgaben.

"Wir sind alle glücklich"

Zwei Jahre lang konnten die Mitarbeiter des Mutter-Teresa-Hauses in Niederbrechen und Klara Quast schauen, ob sie zusammenpassen, ob die junge Frau den Herausforderungen der Altenpflege und eines langen Arbeitstages gewachsen ist und ob die Bewohner und Kollegen des Seniorenzentrums die Geduld haben, Manches mehrfach zu erklären und Einiges nichts so genau zu nehmen. "Wir sind alle glücklich", sagt Benjamin Hoppe, der Chef des Seniorenzentrums.

Bereicherung für das Seniorenzentrum

Und alle sind gewachsen. Klara Quasts Kollegen wissen, dass "Modellprojekt" geglückt ist und dass es sicher noch einige andere Menschen mit geistiger Behinderung gibt, die eine Bereicherung für das Seniorenzentrum wären. Und Klara Quast hat sich nicht nur einen Arbeitsvertrag mit dem Caritasverband erarbeitet, sie ist auch selbstbewusster und selbstsicherer geworden. Weil sie es jeden Tag geschafft hat, alleine von Heistenbach nach Niederbrechen zu fahren, weil sie gemerkt hat, was sie kann und dass sie nützlich ist. Jetzt will sie es wissen: Seit 1. Dezember hat sie nicht nur einen festen Job, sondern auch eine eigene Wohnung - wenn auch mit einer anderen jungen Frau zusammen und von der Lebenshilfe betreut.

Jetzt muss sie erst einmal lernen, wie der Alltag in ihrem neuen Leben funktioniert, aber sie ist sicher, dass sie auch das hinbekommt. Und ihre Mutter auch: Sie sei sehr stolz, dass Klara die vergangenen zwei Jahre so gut gemeistert hat, sagt Gudrun Quast. Und sie sehr dankbar, dass Klara Menschen gefunden habe, die keine Scheu hatten und sie so nehmen wie sie ist. Und sie sei sehr froh, dass Klara jederzeit unter die Fittiche der Lebenshilfe zurückkehren kann, falls das Projekt "Job auf dem ersten Arbeitsmarkt" scheitert oder Klara krank wird. "Klara behält den Werkstatt-Status", sagt Gudrun Quast. "Das war uns sehr wichtig." Die Alternative wäre ein Außen-Arbeitsplatz mit einer Anbindung an die Lebenshilfe-Werkstatt gewesen. "Aber so ist es besser." Benjamin Hoppe formuliert es so: "Jeder Mensch sollte die Möglichkeit haben, ein selbstbestimmtes Leben zu führen - mit allen Rechten und Pflichten."

Damit auch Klara Quast diese Chance bekommt, haben sich am Ende ihrer Berufsorientierungszeit viele Menschen und Institutionen an einen Tisch gesetzt. Der Fachdienst Berufliche Integration der Lebenshilfe, das Betreute Wohnen der Lebenshilfe, der Integrationsfachdienst, das Mutter-Teresa-Haus und noch ein Vertreter des Rhein-Lahn-Kreises. Denn der finanziert das Betreute Wohnen und Klara Quasts Arbeitsplatz, zumindest 75 Prozent davon. Dafür hat der Rhein-Lahn-Kreis das "Budget für Arbeit." Aus dem Topf werden Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung gefördert - zwar immer nur für ein Jahr, aber immer wieder, sagt Benjamin Hoppe. Und das, obwohl Klara Quast inzwischen nicht mehr im Rhein-Lahn-Kreis wohnt, sondern in Eschhofen.

Die finanzielle Förderung ist natürlich ein Anreiz, Menschen mit Behinderung einzustellen. Aber so einfach geht Inklusion nicht. "Es ist nicht jeder Mensch geeignet, in so einer Einrichtung zu arbeiten", sagt Benjamin Hoppe. Soziale Kompetenz sei Voraussetzung und bestimmte kognitive Fähigkeiten brauche es auch und dann am besten noch jemanden, der zumindest den Start begleitet. Gudrun Quast hat das gemacht. Sie hat nicht nur an ihre Tochter geglaubt, sondern auch mit ihr zusammen gelernt. Gemeinsam haben Klara und Gudrun Quast den Alltagsbegleiter-Kursus beim Malteser Hilfsdienst gemacht, haben gelernt, worauf es bei der Aktivierung von Senioren ankommt, was bei an Demenz erkrankten Menschen zu beachten ist. Beide haben die Prüfung bestanden, auch wenn Gudrun Quast einiges in Leichte Sprache übersetzen musste, damit auch Klara alles versteht. Dafür hatte den anderen Kursteilnehmern etwas anderes voraus: ihre praktische Erfahrung im Umgang mit alten Menschen zum Beispiel.

Im Mutter-Teresa-Haus ist Klara Quast nicht als Alltagsbegleiterin angestellt, sondern als Mitarbeiterin in der Hauswirtschaft. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Und vielleicht kann Klara Quast schon bald helfen, eine neue Kollegin einzuarbeiten: Im Januar stellt sich eine junge Frau mit geistiger Behinderung für eine Tätigkeit im hauswirtschaftlichen Bereich vor. "Jede helfende Hand ist eine gute Hand", sagt Benjamin Hoppe. Natürlich sei eine Kollegin oder ein Kollege mit geistiger Behinderung auch eine Herausforderung. Man brauche die Bereitschaft, Zeit aufzubringen und Geduld und auch mal auf nonverbale Signals zu achten. "Aber wir sehen das als persönlichen Gewinn", sagt Benjamin Hoppe. Und er hofft, dass das Modell Schule macht. Andere Einrichtungen der Caritas hätten schon Interesse gezeigt, sagt er.

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