In der früheren Niederbrechener Weberei Zimmermann und Schmidt fanden zahlreiche Heimatvertriebene ihr Auskommen. Der gelernte Friseur Willhelm Kuffner (hintere Reihe) arbeitete dort bis 1970 als Weber und ab 1957 in Werschau in seinem alten Metier.
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In der früheren Niederbrechener Weberei Zimmermann und Schmidt fanden zahlreiche Heimatvertriebene ihr Auskommen. Der gelernte Friseur Willhelm Kuffner (hintere Reihe) arbeitete dort bis 1970 als Weber und ab 1957 in Werschau in seinem alten Metier.

Aus der Heimat vertrieben

Brechen: Vor 75 Jahren begann ihr Leben in der neuen Heimat

  • vonUrsula Königstein
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Vertriebene aus den Ostgebieten mussten wieder ganz von vorne anfangen - Neue Schrift berichtet über ihr Schicksal

Werschau -Vor 75 Jahren, am 13. März 1946, kamen die ersten Heimatvertriebenen nach Werschau. Fast 160 Menschen fanden in dem kleinen Dorf eine neue Heimat. Ihrem Schicksal ist die neue Schrift des Gemeindearchivs gewidmet, die am morgigen Samstag erscheint.

Nach dem zweiten Weltkrieg waren nach Schätzungen von Historikern etwa 14 Millionen Menschen aus den Ostgebieten wie Ostpreußen, Pommern, Sudetenland und Schlesien gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Etwa acht Millionen von ihnen wurden in die spätere Bundesrepublik gebracht und 4,1 Millionen in die frühere DDR; der Großteil wurde auf ländliche Regionen verteilt. Und nicht überall waren sie willkommen, hatten doch auch die Einheimischen unter den Kriegsfolgen zu leiden. Allein Werschau erhielt auf einen Schlag fast 160 neue Bewohner, die es unterzubringen und zu versorgen gab, für das kleine Dorf eine fast unlösbare Aufgabe. Akribisch dokumentiert ist das Schicksal der Werschauer Neubürger in der neuen Veröffentlichung des Gemeindearchivs, die am morgigen Samstag erscheint.

Die Familien Friedl, Lätzig und Schlenz waren die ersten, die in Werschau eintrafen. Alois und Adolfine Schlenz, ihr Sohn Josef mit seiner Frau Theresia und Enkel Rudi zum Beispiel lebten in Tuschkau im Kreis Mies. Am frühen Abend des 26. Februars 1946 wurden sie per schriftlicher Anordnung aufgefordert, sich am nächsten Morgen um 7 Uhr zur Aussiedlung bereitzuhalten.

Zunächst kamen sie in das Aussiedlungslager in Mies. Während Adolfine Schlenz in ein Internierungslager gebracht wurde, ging es für die restliche Familie am 7. März per Bahn mit Güterwaggons, in denen jeweils 30 Personen zusammengepfercht waren, in den Westen. Ziel war das Durchgangslager in Villmar, das am 10. März erreicht wurde. In dem Lager war Stroh als Unterlage aufgeschüttet, es regnete durch das Dach.

Insassen wurden entlaust

Adolfine Schlenz, die in der alten Heimat die Ortsbäuerin gewesen war, musste einen Monat in dem Internierungslager ausharren, derweil die Bevölkerung per Aushang aufgefordert wurde, gegen sie auszusagen. Am 13. April wurde sie schließlich auch mit einem Transport Richtung Westen geschickt, in Grenznähe wurde der Transport angehalten die Insassen entlaust und mit Nahrung versorgt, ehe es weiter nach Dachau zur Registrierung und weiter nach Miesbach ging. Nach zwei Tagen im Lager wurde sie einem Altersheim in Neuhaus am Schliersee als Putzhilfe zugewiesen, später einem Bergbauern als Hilfskraft. Erst im Juni durfte sie zu ihrer Familie nach Hessen.

Die übrige Familie war am 13. März per Lastwagen nach Werschau gebracht und der Landwirtsfamilie von Wilhelm Jung in der Hessenstraße zugeteilt worden. Nach Jungs Tod führte Alois Schlenz drei Jahre lang die Landwirtschaft weiter. Der damals 17-jährige Rudolf Schlenz kam zunächst als Knecht zu Landwirt Johann Ricker in der Hessenstraße, während die Großeltern im leergeräumten Kartenraum der Schule einquartiert wurden. Adolfine Schlenz wurde nach ihrer Ankunft in Werschau von Wilhelm Jungs Witwe Johanna aufgenommen. Wie alle Neuankömmlinge erhielt sie eine Registrierungskarte und durfte zunächst den Ort nicht verlassen.

Zuständig für die Einquartierungen bei den Einheimischen, die nicht überall auf Zustimmung stießen, war, wie überall, der Bürgermeister, der auch für die Versorgung mit dem Lebensnotwendigen wie Lebensmittel- und Bezugsscheinen zu sorgen hatte. Pro erwachsener Person waren sechs Quadratmeter Wohnraum vorgesehen, Familien sollten in einem Raum untergebracht werden. Die Einquartierungen geschahen teils gegen den Widerstand der Eigentümer. Gleichzeitig waren sie für die Versorgung dieser Personen mit "Lebensnotwendigem" zuständig.

So richtig wohl fühlten sich die Neuen zum Teil in Werschau nicht. Wie die meisten, die ihre Heimat hatten zwangsweise verlassen müssen, hofften sie, irgendwann wieder nach Hause zurückkehren zu können, vergeblich jedoch, wie der Lauf der Geschichte zeigte. Je länger sie in Werschau lebten, desto mehr richteten sie sich in ihrem neuen Leben ein und wurden Teil der Dorfgemeinschaft. Sie brachten auch ihre Bräuche mit nach Werschau, zum Beispiel die Maskenbälle, die sie in den 1950er Jahren im Gasthaus Urban organisierten. Auch den Ortsvereinen schlossen sich viele von ihnen an. Mit ihrem Fleiß und ihren Bemühungen, ihren Familien schnell ein wirtschaftliches Fundament zu schaffen, errangen sie bald die Anerkennung der Bevölkerung.

Wie das Schicksal der Familie Schlenz wird in dem neuen Heft des Gemeindearchivs, das unter der Federführung von Ullrich Jung entstand, das Leben aller Heimatvertriebenen akribisch dokumentiert und, so weit möglich, mit Bildern illustriert. Eigene Schilderungen der Betroffenen von der Vertreibung, der Ankunft neuen Heimat und dem Aufbau des neuen Lebens in der zunächst fremden Umgebung zeichnet ein beredtes Bild jener schweren Zeit.

Das Heft kaufen

Das Heft 19 der Schriftenreihe des Gemeindearchivs Brechen "Heimatvertriebene in Werschau" ist im Rathaus in Niederbrechen sowie bei Ullrich Jung in Werschau, (0 64 38) 92 00 88, erhältlich.

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