Unfallopfer

Erinnerungen an das Busunglück 1966 bei Niederbrechen

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Für Ronald van Cutsem war es ein schwerer Weg: Er gehörte zu den wenigen Überlebenden des Busunglücks bei Niederbrechen am 25. Juli 1966, bei dem 28 Kinder und fünf Erwachsene ums Leben kamen, darunter auch einBruder. Jetzt kam der 62-Jährige zum ersten Mal an den Ort des Geschehens zurück.

Immer wieder ist er über diese Autobahnbrücke gefahren. Der Belgier Ronald van Cutsem organisiert große Musikfestivals mit Tausenden von Besuchern. Dadurch führt ihn sein Weg in alle Welt. Unter anderem auch über die A 3 zwischen Limburg und Frankfurt. Vor 51 Jahren gehörte der heute 62-Jährige zu den wenigen Überlebenden des schweren Busunglücks bei Niederbrechen.

Ein belgischer Reisebus, der sich gerade auf der Rückfahrt nach einem Ferienaufenthalt in Tirol befand, war von der Autobahnbrücke bei Brechen zwölf Meter in die Tiefe gestürzt. 33 von 43 Insassen fanden den Tod, darunter 28 Kinder und auch sein Bruder. Ronald van Cutsem überlebte. Mehrmals ist er schon über diese Brücke gefahren. Jetzt fasste er sich zum ersten Mal ein Herz und ging nach unten, begleitet vom damaligen Niederbrechener Wehrführer Willi Kremer.

Die beiden Männer stehen an der Landstraße. Ihre Blicke führen die Brückenpfeiler hoch zur Autobahn. Es sind bewegende Momente. Es fehlen die Worte. „Es war hart, ja schwer“, sagt der Belgier heute. „Da kommen plötzlich so viele Erinnerungen hoch.“

Nicht nur an dieser Stelle, sondern auch zu Hause bei Willi Kremer. Willi Kremer war 20 Jahre Wehrführer in Niederbrechen. An jenem Schicksalstag, dem 25. Juli 1966, wurde er wie viele andere seiner Kameraden zur Unfallstelle gerufen. Der 19-Jährige rückte mit aus.„Das war ganz anders als heute. Wir hatten gar nicht diese Ausrüstung, die Schere zum Beispiel, mit der Feuerwehrleute heute ein Fahrzeug aufschneiden. Und zuerst dachten wir, die Ziegelei brennt“, erinnert er sich. Dort, wo heute die Firma Triesch steht, befand sich früher die Ziegelei, in der Willi Kremer als Betriebsschlosser arbeitete.

Am Unfallort angekommen, hatte er nur noch funktioniert, berichtet er. „Ich habe das gemacht, was man mir sagte.“ Kinder wurden geborgen, mehr Werkzeug gebraucht. Immer wieder fuhr er los, um neues zu holen. Um zu helfen, so gut es ging. Mit Eisensägen arbeiteten sich die Helfer durch das Gewirr von Blech und Stahl.

17 Menschen starben noch an der Unfallstelle, weitere auf dem Transport in die Klinik oder später in den umliegenden Krankenhäusern. „Eine Notfallseelsorge, so wie heute, hatten wir noch nicht“, sagt der 70-Jährige. Kremers Arbeitgeber gab ihm und seinem Kollegen Gregor Höhler, ebenfalls Feuerwehrman, am nächsten Tag frei.

Ronald von Cutsem nahm jetzt die Einladung an: Begleitet von einer auf Traumabewältigung spezialisierten Sozialpädagogen ging er zur Unfallstelle und zu Willi Kremer nach Hause. Beide blätterten in den Alben, betrachteten die Zeitungsbilder. Ronald erkannte sich selbst: Ein kleiner Junge im Krankenhaus mit einer Fleischwunde in der linken Gesichtshälfte.

Sein Bruder starb im Alter von nur 15 Jahren. Er selbst durfte nach einem mehrwöchigen Aufenthalt im Limburger Krankenhaus zurück zu seiner Familie. „Das war sehr emotional“, sagt Willi Kremer. Auch für ihn. Viele Journalisten sind gekommen, haben Fragen gestellt, deutsche und belgische. „Was soll ich sagen, es war ein Unfall“, meint van Cutsem heute. Ein folgenschwerer, der aber auch eine Freundschaft begründet hat: In dem Bus waren auch die Kinder von Feuerwehrleuten. Wochen nach der Katastrophe entwickelte sich ein erster Kontakt zwischen der Feuerwehr Niederbrechen und der Wehr Enghien in Belgien in der Nähe von Brüssel. Noch heute treffen sie sich regelmäßig. „Wir fahren etwa alle fünf Jahre dorthin, und unsere Freunde kommen hierher. Dadurch sehen wir uns etwa alle drei Jahre“, sagt Willi Kremer. 2016, 50 Jahre nach dem Unglück, gab es eine Gedenkfeier. Ronald van Cutsem hat davon gehört. Jetzt wollte er eben nicht wieder „nur“ über die Brücke fahren. Diesmal machte er halt.

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