Laura Birk berichtet aus Spanien. 
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Laura Birk berichtet aus Spanien.

Coronavirus-Pandemie

Coronavirus: Laura Birk aus Staffel in Bilbao in Quarantäne

  • vonPetra Hackert
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Laura Birk ist in Quarantäne in Spanien und arbeitet im Home Office - ihre Freundin ist Krankenschwester.

Staffel/Bilbao - Laura Birk (31) aus Staffel lebt seit acht Jahren in Spanien und arbeitet im Digital Marketing und E-Commerce in Bilbao, zurzeit im Home Office. Die neuste Statistik weist für Spanien und Italien mehr Tote durch Corona aus als in China. Sie berichtet:

„Vor einigen Wochen war das neue Covid-19-Virus noch weit entfernt und man hörte Sätze wie: ,So eine Panikmache, es sterben weitaus mehr Leute an einer Grippe als an dem Coronavirus', doch mittlerweile belegen die Zahlen traurigerweise, dass dies nicht der Fall ist. Vor einer Woche wurde der Notstand in Spanien ausgerufen. Die am stärksten betroffenen Regionen sind Madrid, Katalonien und das Baskenland. Jeden Morgen wacht man mit schrecklichen neuen Nachrichten auf.

Vorher kamen die Hamsterkäufe

Eine Woche vor dem Ausrufen des Notstands fingen die Menschen mit Hamstereinkäufen an. Obwohl täglich wieder frische Ware in die kleinen und großen Geschäfte und Supermärkte geliefert wurde, bekam man am Abend nach der Arbeit kaum noch etwas. Regale waren leer. Es gab kein Obst und kein Gemüse mehr. Eier und Toilettenpapier fehlten komplett, und das Putzmaterial wurde auch weniger.

Einige Firmen entschieden sich, auf Home Office umzustellen. Schulen, Universitäten, Akademien, Fitnessstudios, Sportvereine und andere öffentliche Einrichtungen schlossen. Durch das Schließen der Schulen waren einige Eltern gezwungen, zu Hause zu bleiben. Die Kinder durften nicht zu den Großeltern. Die öffentlichen Verkehrsmittel verkündeten, dass sie ihren Service reduzieren würden. Bars, Restaurants und Hotels mussten komplett schließen. Ab Samstagabend war es nur noch erlaubt, das Nötigste im Supermarkt zu kaufen und zum Arzt oder in die Apotheke zu gehen...

Die Zahl der Infizierten und Toten stieg von Tag zu Tag. Doch viele schienen den Ernst der Lage nicht verstanden zu haben. Man sah viele ältere Menschen auf den Straßen, trotz Verbots. Aber auch junge Leute und Familien nutzten das gute Wetter, um an den Strand zu gehen oder Sport zu treiben. Polizisten baten die Leute freundlich, nach Hause zu gehen. Am Montagmorgen brach das Chaos auf den Straßen aus. Es gab immer noch viel zu viele Firmen, die ihre Mitarbeiter weiterhin zur Arbeit zitierten. Leider waren viele Mitarbeiter auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen. Da die Fahrtzeiten der U-Bahnen und auch die Anzahl der Waggons reduziert wurden, kam es zu Massenansammlungen in den Stationen und in der U-Bahn selbst. Auch die Leute, die im Home Office arbeiten, hatten keinen erfolgreichen Start. Die Netze waren komplett überlastet, Videoanrufe und Internet funktionierten nur sehr langsam. Dafür quollen die Chats mit Nachrichten über. Wichtige firmeninterne Informationen vermischten sich mit Informationen über die aktuelle Situation, lustigen Videos und Bildern. Es gab eine Reizüberflutung an Information. Private Akademien, Sprachschulen und Kleinunternehmer rüsteten auf Online-Kurse um, um ihre Kunden zu behalten. Seit Dienstagabend kann man regelmäßig Leute auf Terrasse, Balkon und am Fenster hören, die mit Töpfen klatschen. Diese Geste jedoch gilt nicht dem Pflegepersonal, sondern den Politikern. Die Bevölkerung kritisiert die Führung der Regierung. Politiker hätten früher reagieren sollen.

Im Baskenland war Donnerstag ein Feiertag, Freitag Brückentag. Obwohl man das Auto nicht nutzen durfte, fuhren einige mit ihren Familien zu ihren Landhäusern, um das lange Wochenende dort zu verbringen. Regeln und Kontrollen verschärften sich.

Die Anspannung steigt täglich, und die Nerven liegen bei vielen blank. Das Internet ist weiterhin permanent überlastet. Da viele Länder ihre Grenzen geschlossen haben, bricht gerade der Markt zusammen. Firmen können ihre Arbeiter nur wenig bis gar nicht beschäftigen.

Der Alltag wird nie wieder sein wie zuvor

Vor ein bis zwei Wochen verabschiedete man sich von seinen Arbeitskollegen und Kolleginnen mit dem Gedanken, für zwei Wochen in Quarantäne zu gehen und danach den Arbeitsalltag wieder erneut aufnehmen zu können. Dies wird nicht der Fall sein. Das Virus Covid-19 hinterlässt einen schlimmen Schaden, sowohl in der Wirtschaft als auch bei der Bevölkerung. Man muss damit rechnen, seinen Kollegen, Nachbarn oder ein geliebtes Familienmitglied nicht mehr wiederzusehen.

Krankenhäuser berichten von Horrorszenarien, dass sich Verwandte nicht mehr von ihren Angehörigen verabschieden können. Sie erhalten dann nur noch einen Telefonanruf mit der traurigen Nachricht. Ich selbst habe Freunde, die direkt an der Front um das Leben anderer kämpfen. Was das für sie bedeutet? Sie sind der permanenten Gefahr ausgesetzt und schieben Überstunden, die man schon gar nicht mehr zählen kann. Die einen bangen um ihre Familie und haben Angst, etwas mit nach Hause zu tragen, und die anderen haben sich schon komplett von ihrer Familie oder Partner isoliert und sehen diese auf unbestimmte Zeit nicht mehr. Sie sind erschöpft und schlafen trotz Müdigkeit nicht gut. Trotzdem stehen sie jeden Tag wieder auf und kämpfen weiter. Auf die Frage: ,Hast du Angst?' antwortete mir eine Freundin: ,Respekt, großen Respekt, aber wir müssen helfen und funktionieren und stark sein. Die Leute sterben allein hier und sie haben Angst. Es gibt nichts Traurigeres.'

Der Zusammenhalt und die Solidarität der Menschen wachsen. Industrie- und Textilfirmen versuchen, Krankenhäusern zu helfen, indem sie ihre Fabriken zur Herstellung von Desinfektionsmittel anbieten. Firmen mit 3 D-Druckern haben sich zusammengetan, um weiteres Material wie Augenschutz und Beatmungsgeräte für Krankenhäuser herzustellen, Schulen werden aus- bzw. umgebaut, um weitere Intensivfälle aufnehmen zu können, und Textilfirmen fangen an, weitere Schutzkleidung zu nähen.

Die Quarantäne nagt enorm an der Psyche

Jeden Abend pünktlich um 20 Uhr wird geklatscht. Im Baskenland fährt die Zivilpolizei in einigen Orten mit einem Streifenwagen, offenem Kofferraum, riesigen Boxen und lauter fröhlicher traditioneller baskischer Musik durch die Wohnviertel, um die Nachbarschaft ein wenig aufzuheitern. Um nicht den Mut und den Kopf zu verlieren, vertreiben sich viele am Abend die Zeit mit Bingo. Einige spielen mit ihren Nachbarn im Wohnhaus, andere mit Freunden online. Ein paar Leute vertreiben sich die Zeit mit Puzzeln oder belegen Online-Kurse, andere setzen auf Sport im Treppenhaus oder mit Hilfe von Online-Trainern in ihren Wohnungen.

Diese Tage in Quarantäne haben uns verändert und nagen enorm an der Psyche. Ich persönlich kann Deutschland nur einen Tipp geben: Diejenigen, die es können: Bleiben Sie zu Hause, nehmen Sie die Situation ernst und halten Sie sich an Hygiene-Maßnahmen. So schwer es vielleicht gerade fällt, bei gutem Wetter drinnen zu bleiben, aber der nächste Frühling kommt bestimmt. Bleiben Sie zu Hause aus Respekt - dem Gesundheitspersonal gegenüber, den älteren Menschen und vor sich selbst.“

pp

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