+
Apotheker-Ehepaar Rainer und Hannelore Boché sowie Mitarbeiterin Andrea Metz passen auf, dass die Kunden genügend Abstand zueinander halten. Fotos: Petra hackert

Corona

Coronavirus in Limburg: Das Leben gleicht einem Ausnahmezustand

  • schließen

Coronavirus: Die Supermärkte in Limburg sind voll, niemand unterschreibt mit demselben Stift. Eine 52-jährige Limburgerin schildert ihre Erfahrungen an der Kasse.

Limburg - Mittwochmorgen in Limburg: Die Innenstadt ist leer wie an einem Feiertag. Marktfrau Sandra Forciniti ist schon seit 5.45 da. Um 8 Uhr kommt der erste Kunde. "Das ist früher als sonst", sagt die Geschäftsfrau. Anschließend sind es deutlich weniger als üblich. Die Menschen meiden die Stadt, obwohl es am im Laufe des Tages etwas lebhafter wird. Doch der Geräuschpegel, der bei geöffnetem Fenster mittags üblicherweise in die Redaktionsstuben reicht, die vielen Menschen, die sich unterhalten, das emsige Treiben, gibt es heute nicht. Tag 1 der Corona-Zeit, in der bis auf Lebensmittelhandel, Drogerien, Einkaufsmärkte die meisten Geschäfte geschlossen haben.

"Liebe Kunden, aus gegebenem Anlass ist zurzeit keine Selbstbedienung möglich", steht auf dem Schild am Obst- und Gemüsestand. Ein älterer Mann mit bayerischem Akzent hat es übersehen und hält schon vier Kartoffeln in der Hand, die er kaufen will. Sie wandern in die Tüte, dabei sieht er das Schild. Sandra Forciniti macht alle aufmerksam. Wie es in den nächsten Tagen wird, wird sich zeigen. Lohnt es sich noch zu öffnen, wenn keiner kommt? Dabei: "Hier im Freien, an der frischen Luft, ist es viel angenehmer, etwas zu kaufen als im dichten Gedränge in einem Einkaufsmarkt", meint eine Kundin.

Coronavirus in Limburg: Der Metzger verstärkt den Spuckschutz gegen Corona

Rolf Schneider verstärkt seinen Imbiss. Der Metzgermeister bringt einen Spuckschutz an. Die Scheibe soll den Mitarbeitern mehr Sicherheit geben. In einigen Apotheken ist das auch schon so. In der WERKStadt-Apotheke an diesem Tag noch nicht, doch er wird folgen, versichert Mitarbeiterin Andrea Metz. Schon beim Eintreten weist ein Schild darauf hin: Abstand halten. Auf dem Boden sind rote Markierungen angebracht. Jeder soll es sehen und beachten. 

Menschliche Nähe ist gefährlich in den Zeiten, in denen sich ein hoch ansteckendes Virus ausbreitet. In der WERKStadt herrscht fast gähnende Leere. Vereinzelt gehen die Leute hindurch. In den Einkaufsmärkten in der Innenstadt ist ebenfalls viel weniger los - weil die Bekleidungsgeschäfte, der Elektromarkt, der übrige das Stadtbild belebende Einzelhandel fehlt. So gelingt es, im Virus-Zeitalter mehr Abstand zu erzeugen. Die Leute kommen noch, doch es wird weniger.

Coronavirus in Limburg: Toilettenpapier wird immer sofort gekauft

Am Morgen gab es in einer Drogerie Toilettenpapier. Gleich war es wieder weggekauft. "Was wollen die Leute damit?", fragt sich Apotheker Rainer Boché. Gemeinsam mit seiner Frau Hannelore und der Mitarbeiterin steht er den Kunden zur Verfügung. "Kurz vor 9 Uhr standen die Leute schon vor der Tür", erzählt er. Dann wurde es ruhiger. "Ich gehe davon aus, dass das auch so bleibt, weil alle gehört haben, dass die meisten Geschäfte geschlossen sind." Warum das Toilettenpapier? Er hat mit Freunden in Spanien telefoniert, die das gleiche berichten. Derweil sind in den Drogerien die Fächer mit Mitteln, die Grippesymptome und Husten lindern, sehr gut bestückt. Wäre das nicht nötiger? Oder ist das Einkaufsverhalten wenigstens hier so vernünftig, für alle etwas dazulassen?

Reis, Nudeln, Kartoffeln - gibt es im Innenstadt-Laden zur Genüge. Heute herrscht keine Not. Bei den Einkaufsmärkten "auf der grünen Wiese" wird reglementiert. Lebensmittel wie Milch und Zucker zum Beispiel - da werden nur noch fünf Stück jeweils pro Haushalt verkauft. Wer mehr will, muss es an der Kasse wieder abgeben. Praktizierte Vernunft. Voll ist es nicht in den großen Märkten. "Die Leute kommen, kaufen und sind dann schnell wieder weg", sagt eine Mitarbeiterin. Viele müssen Überstunden schieben. "Jetzt muss ich auch am Sonntagnachmittag arbeiten", erzählt eine Kollegin. Die Regale füllen sich nicht von alleine. Freitag, Samstag, Montagmorgen - die schlimmsten Zeiten. Manche sind nett und umsichtig, bei weitem nicht alle. "Jetzt zeigt sich, wer auch sonst ein Egoist ist - und asozial. Man sieht's ja sonst nicht immer so deutlich", meint eine Kundin. Eine weitere Kasse öffnet, die Schlangen verteilen sich. Anders als sonst: Es gibt überhaupt kein Gedränge, niemand schiebt sich vor. Die Leute lernen.

"Das ist absurd. Die Bekleidungsgeschäfte schließen, aber wir haben doch auch Familie", sagt ein Friseur in Limburg. Er sorgt sich um seine Gesundheit und die seiner Angehörigen. Der Mann fegt gerade Haare vom Boden weg. Das Geschäft ist leer. Noch haben die Friseure auf. Er weiß: Er muss die Leute anfassen, von Berufs wegen. Wenn Infizierte ohne Symptome dabei sind - kein guter Gedanke. Wie er sich schützt? "Viel Händewaschen", lautet sein grundlegender Tipp.

Coronavirus in Limburg: In Supermärkten wird viel Abstand gelassen

Eine Polizeistreife patrouilliert durch Limburg. Ein Mann und eine Frau. "Das machen wir immer so, das ist unser Routinerundgang", sagt der Polizist. Es fällt nur mehr auf, weil sich in der Stadt weniger Leute bewegen. Die Cafés sind fast leer an diesem Tag mit viel Sonnenschein. Der Frühling ist gefühlt schon da. Es dauert ja auch nicht mehr lange, bis es kalendarisch so weit ist. In einer Bäckerei sitzen fünf ältere Menschen an einem Tisch. Das ist die größte Gruppe. Sonst verteilen sich noch vier Kunden im gesamten Laden. Vier aus der Gruppe sind über 80. Sie kommen regelmäßig, so auch jetzt. Alle sind guten Mutes, wollen auf ihr kleines Treffen nicht verzichten.

 "Wir werden noch eingemauert", meint einer. "Sicher, ein bisschen Angst ist auch da", sagt seine Tischnachbarin. Sie hat gehört, dass sich bei dem Arzt in Diez, der den Corona-Test anbietet, bereits lange Schlangen bilden. Die fünf Freunde fühlen sich gut und hoffen, dass es so bleibt. "Wenn man den Fernseher anschaltet, sieht man nichts anderes mehr. Den ganzen Tag nur Corona", sagt einer. Und: "Ich mache mir Gedanken um die mittelständischen Betriebe. Da muss unbedingt geholfen werden."

Hans-Peter Kaiser ist Postbote. Er trägt gerade Pakete aus. "Die Leute hier in der WERKStadt sind sehr entgegenkommend. Die Rücksichtnahme, das Miteinander ist groß", sagt der 48-Jährige. Normalerweise wird elektronisch unterschrieben. Das heißt: Er zückt das kleine Gerät und alle, die ein Paket erhalten, unterschreiben mit dem gleichen Stift, den er ihnen reicht. Jetzt nicht mehr. Die Deutsche Post AG hat umgestellt. "In dem Feld erscheint jetzt ein Q wie Quarantäne", erklärt Kaiser. Dann unterschreibt er selbst anstelle des Kunden. Kontaktvermeidung. Das schützt andere - und auch ihn.

Coronavirus in Limburg: Hohe Belastung für Beschäftigte in Supermärkten

Zu Hause ist jetzt auch alles anders. Seine beiden Söhne sind daheim. Der jüngere schreibt am Donnerstag Abitur, der ältere wäre normalerweise an der Uni. 20 und 24 Jahre alt - die beiden wären sonst viel mehr unterwegs, als das jetzt der Fall ist. Für das Abitur wollten sie in einer Lerngruppe zusammen üben. "Das haben sie abgesagt. Sie machen das jetzt alles per Skype als Videokonferenz." Die beiden sind Fußballer. Das ist jetzt bitter. 

Der Sport fehlt richtig. Nicht nur vor dem Fernseher. Sie würde gerne trainieren und wissen, dass es unvernünftig wäre. "Dafür spielen wir jetzt zu Hause", erzählt der Familienvater. Rommé, Backgammon, Mühle - alles wurde ausgepackt. Und auf der Playstation ist "Fifa Online" gegen alle möglichen andern Spieler der Renner. Das geht auch ohne Virus. Es sei denn, er steckt im Computer. . . pp

Zur besten Frühstückszeit wenig Betrieb, mittags teils gähnende Leere in den Cafés und Restaurants. Am Nachmittag kommen etwas mehr Menschen - in etwa so wie sonst am frühen Morgen. "Wir hatten noch keinen einzigen Gast", sagt Stefania Aresti. Das von 11 bis 13.30 Uhr. Sie arbeitet seit fünf Jahren im Restaurant "Adria" in der Limburger Altstadt (ehemals "Goldener Löwe"). "So etwas habe ich noch nie gesehen", sagt die junge Frau. "Telefonisch wurde auch noch nichts bestellt." Das ist wichtig, denn ab 18 Uhr wird nur noch Essen nach draußen gegeben. "Die Leute dürfen nicht rein, und wir nehmen nur Bargeld."

Der "Batzewert" hat schon geschlossen. Ein Schild an der Tür wirbt um Verständnis. Corona-Zeit. Gegenüber im Cafè Meloni sind ein paar Stühle besetzt. Normalerweise wäre an solch einem Sonnentag kein Platz mehr zu bekommen. Drei Tische belegt im Weinhaus Schultes, nur zwei Mittagessen verkauft bei "Valentino" - das Geschäft lohnt sich nicht, obwohl die Café-Plätze auf dem Neumarkt im Außenbereich am Nachmittag etwas stärker frequentiert sind. 16 Gäste: Die können sich gut mit weitem Abstand voneinander verteilen. "Wir schließen am 20. März", sagt der Koch Kenan Yaman.

Coronavirus in Limburg: Metzger Rolf Schneider arbeitet mit weniger Mitarbeitern

Rolf Schneider, der mit seinem Team den Imbiss auf dem Neumarkt betreibt, arbeitet mit reduzierter Mitarbeiterzahl. "Wer weiß, wie lange wir noch aufmachen", sagt auch er. pp

Blumen sind nicht lebensnotwendig. Aber schön und verderblich. Diese Läden sind offen. Während die Blumenhändlerin in der Limburger Fußgängerzone einen orangeroten Frühlingsstrauß bindet, kommt eine Kundin dazu. Die Sonne scheint, es ist wenig los in der Stadt. Trotzdem: "Es kommen sogar mehr Kunden zum Schauen", sagt die Geschäftsfrau. Gefühlt: viel Frequenz. Das Hauptgeschäft läuft im Hof, an der frischen Luft. Abstand wird gehalten. pp

"Seit etwa Mittwoch letzter Woche herrscht bei uns der absolute Ausnahmezustand. Wir können die Regale gar nicht so schnell nachfüllen wie es nötig ist", berichtet eine Verkäuferin aus Limburg. "Der Betrieb ähnelt im Aufkommen in etwa dem Weihnachtsgeschäft unmittelbar vor den Feiertagen.

Problematisch sind die Kunden, die aggressiv reagieren, weil jetzt gerade kein Klopapier, Mehl oder Nudeln da sind. Die Regale mit Nudeln, Reis,Nährmitteln sowie Hygieneartikel wie Klopapier, Damenbinden, Seife sind derzeit leer gefegt. Und kaum bringst du die Ware auf der Palette zum Regal, wird dir die Ware von den Kunden aus der Hand gerissen", sagt die 52-Jährige. 

"Ein recht beängstigendes Bild bietet sich zurzeit kurz vor sieben - also unmittelbar vor Ladenöffnung, wenn die Menschen in breiter Front, die leeren Einkaufswagen wie Rammböcke vor sich, vor der Eingangstür stehen und auf das Öffnen der Türen warten. Dann setzt der Sturm auf die Regale ein, die ja noch nicht wieder aufgefüllt sind. Der Frust darüber entlädt sich schließlich auf uns an der Kasse.

Ein Herr in fortgeschrittenem Alter glaubte heute früh, er käme schneller zu Klopapier, wenn er mich anbrüllt. Er musste trotzdem ohne abziehen, denn aus den Rippen schneiden kann ich es mir schließlich auch nicht. Ich fürchte, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis es zu Handgreiflichkeiten kommt.

Es gibt aber auch schöne Szenen: Letzten Freitag zahlte ein sehr netter Kunde mittleren Alters bei mir an der Kasse ohne viel Aufhebens den Frühstückseinkauf von Notarzt und Rettungsassistentin, die hinter ihm standen, gleich mit, verbunden mit einem Dank dafür, dass die zwei immer im Einsatz sind. Fand ich eine tolle Geste!

Heute durfte ich erleben, dass viele Kunden dich regelrecht in Schutz nahmen, wenn jemand ungemütlich wurde, und viele bedankten sich dafür, dass wir die Stellung halten. Das tut sehr gut!

Schutzmaßnahmen seitens der Firma: 100 Milliliter Desinfektionsspray an jeder Kasse. . . Leider kann kaum jemand beim Husten oder Niesen die Hand (respektive Arm) vor sich halten, und an der Kasse sitzt du regelmäßig im "Sprühnebel". Das ist nicht nur in Zeiten von Corona mehr als widerlich!"

Petra Hackert

In Dornburg im Kreis Limburg-Weilburg werden vor einem Markt Großpakete Klopapier direkt an den Autos verkauft. Der sogenannte „Toilettenpapier-Drive-in“ kam gut an.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare