Meysam Ehtemai, Vorsitzender des Limburger Ausländerbeirats, ist im Iran aufgewachsen. Er sagt: Reglion darf ein Staatswesen nicht dominieren.
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Meysam Ehtemai, Vorsitzender des Limburger Ausländerbeirats, ist im Iran aufgewachsen. Er sagt: Reglion darf ein Staatswesen nicht dominieren.

Islam und Deutschland

Wie Dekan, Bischof und Ausländerbeirat Seehofers Aussage bewerten

  • Petra Hackert
    VonPetra Hackert
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Gehört der Islam zu Deutschland? Innenminister Horst Seehofer (CSU) hat das Thema wieder in die Diskussion gebracht, jetzt wird sie geführt.

„Nein, der Islam gehört nicht zu Deutschland“, sagt der Vorsitzende des Limburger Ausländerbeirats Meysam Ehtemai. Muslime dagegen sehr wohl. Der 37-jährige Offheimer erklärt, was er meint: Er ist im Iran aufgewachsen, in die Moschee gegangen, hat gefastet, gebetet – wie es sich für einen gläubigen Muslim gehört. Als er 14 Jahre alt war, kam seine Familie nach Deutschland. Später studierte er in Frankfurt Wirtschaftsingenieurswesen. Da Meysam Ehtemai ein kulturell und gesellschaftlich interessierter Mensch ist, blickte er über den Tellerrand seines Studiums, erweiterte seinen Horizont in viele Richtungen.

„Ich habe reflektiert und meine Einstellung geändert“, sagt er heute. Beeindruckt vom deutschen Humanismus, den Leistungen der Künstler und Philosophen, ist er für sich selbst zu der Entscheidung gelangt, dass Religion in einer Gesellschaft nicht diese Rolle spielen darf, wie er es in seiner Jugend erlebt hat.

Hinzu kommt: „Wenn ich mir anschaue, welche Architektur es hier gibt, welche Literatur, bildende Künste, dann spiegelt sich darin der Islam nicht wider. Deshalb möchte ich sagen, diese Tradition gibt es hier nicht. Er gehört also nicht zu Deutschland.“ Allerdings werde die Debatte recht beengt geführt: „Überlegen Sie doch einmal: Ich habe mir sagen lassen, dass es in Düsseldorf sehr viele Japaner gibt. Deshalb gibt es wohl schon Geschäfte, die Aufschriften auf japanisch ergänzen. Haben Sie schon einmal die Frage gehört, ob der Shintoismus zu Deutschland gehört? Oder der Buddhismus?“

Religion und Staat

Gefährlich werde es dann, wenn eine Religion das Staatswesen dominiere. Wenn er in den Iran heutzutage blicke mit einem Schau-Parlament, in dem Nicht-Muslime separate Sitzplätze haben und bei bestimmten Abstimmungen nicht teilnehmen dürfen, „weil ein Nicht-Muslim nicht über einen Muslim entscheiden darf“, sei für ihn ganz klar: „Ich bin froh, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört, sonst wäre ich heute nicht ich.“

Er wünscht sich nicht nur, dass das so bleibt – auch für seine Kinder –, sondern dass die Debatte geführt wird. „Dafür bin ich dem Innenminister Horst Seehofer dankbar.“ Allerdings müsse dies differenzierter geschehen, durch Eintreten in einen Dialog, der echten Effekt habe. „Das Thema kommt immer wieder, dann regen sich viele auf, dann ist es wieder weg.“ So wirke es nicht nachhaltig. Er ergänzt: „Die Demokratie, für die Menschen in Deutschland gestorben sind, ist nicht selbstverständlich.“ Deshalb engagiert er sich auch politisch, ist vor kurzem als Stadtverordneter der SPD ins Limburger Parlament eingezogen. Dieses Engagement wünscht er sich in vielen Bereichen von vielen.

„Der Islam gehört nicht zu Deutschland“, sagt auch Manfred Pollex, evangelischer Dekan in Limburg. Und ergänzt: „Das Christentum übrigens auch nicht. Wäre es so, dass eine Religion substanziell zu unserem Staatswesen gehörte, hätten wir eine Art Gottesstaat.“ Aus guten Gründen verpflichte das Grundgesetz den Staat zur religiösen und weltanschaulichen Neutralität. „Er hat sich hinsichtlich aller Religionen tolerant zu verhalten, soweit diese sich in ihren Bekenntnissen im Rahmen der Gesetze des Staates bewegen.“ Darum sei es die Pflicht aller Politiker, zumal von staatstragender Bedeutung wie ein Innenminister, sich zu dieser Neutralität und Toleranz des Staates zu bekennen. „Es ist gerade 85 Jahre her, da wurde befunden, dass eine Religion, es war das Judentum, nicht zu Deutschland gehöre. Die Folgen waren fatal und führten geradewegs in den Abgrund menschlicher Zivilisation: Menschen wurden ausgegrenzt, enteignet, verfolgt, vertrieben und diskriminiert. Mehr als siebeneinhalb Millionen Menschen jüdischen Glaubens wurden ermordet“, erinnert Pollex.

„Vor diesem Hintergrund ist es unerträglich, dass ein Politiker, der für das Wohl und die innere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland verantwortlich ist, diese Debatte lostritt. Er beschämt und beleidigt deutsche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger sowie viele andere Menschen islamischen Glaubens, die derzeit in unserem Land Sicherheit und Frieden suchen, wegen ihres religiösen Bekenntnisses. Brandstifter haben wir gegenwärtig mehr als genug in unserem Land“, sagt Pollex. Deshalb müsse diese substanzlose Debatte sofort beendet werden. Deutschland müsse sich stattdessen mit aller Kraft der schwierigen Aufgabe widmen, seine hier lebenden Menschen in ihren Grundrechten zu schützen und für ein gelingendes Miteinander zu sorgen. „Dazu gehört die Ausübung ihrer Religion, sei es in einer Moschee oder in einer christlichen Kirche.“

Wenig hilfreich

Der Limburger Bischof Dr. Georg Bätzing hält die Diskussion um die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht, für wenig hilfreich oder weiterführend. „Wir leben in Deutschland in einer sehr pluralen Gesellschaft, in der neben dem Christentum und Judentum seit gut 50 Jahren auch der Islam und Muslime stärker präsent sind. Es geht darum, dass wir friedlich miteinander leben in einer Welt, deren Krisen und Konflikte auch bei uns spürbar sind.“

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