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Die ersten ukrainischen Kinder im Unterricht

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Von: Sabine Rauch

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Zunächst einmal sollen die ukrainischen Kinder auch an den Schulen im Kreis Limburg-Weilburg Deutsch lernen. Doch dazu bräuchte es eigentlich mehr Lehrkräfte.
Zunächst einmal sollen die ukrainischen Kinder auch an den Schulen im Kreis Limburg-Weilburg Deutsch lernen. Doch dazu bräuchte es eigentlich mehr Lehrkräfte. © picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Nächste Herausforderung für die Schulen im Landkreis Limburg-Weilburg. Auch die Corona-Lage verschärft sich.

Limburg-Weilburg -Die eine Herausforderung ist noch lange nicht gemeistert, da kommt schon die nächste. Und das in einer Zeit, in der Lehrer Mangelware sind. Sowieso. Und wegen Corona. Jetzt auch noch der Krieg in der Ukraine und Kinder, die ein Recht auf Freunde, Alltag und Bildung haben. Auf Schule. Und es werden täglich mehr. Vorgestern waren dem Staatlichen Schulamt für den Landkreis Limburg-Weilburg 82 Kinder und Jugendliche mit einer Schulberechtigung gemeldet, gestern waren es schon 117. Und niemand weiß, wie viele es noch werden. Die Lage ist unübersichtlich, auch juristisch.

"Wer aus der Ukraine nach Deutschland kommt, darf eine Schule besuchen", erklärt Schulamtssprecher Dirk Fredl. Wer einen Aufenthaltstitel hat, hat eine Schulpflicht, jedenfalls im Prinzip. Ganz so einfach sei die Sache natürlich nicht. Und das gilt auch für das Prozedere: Deshalb haben die Städte und Gemeinden auch einen Leitfaden bekommen, in dem auch auf Russisch und Ukrainisch erklärt wird, was die Geflüchteten zum Thema Schule hierzulande wissen müssen. Zum Beispiel, dass die Kinder bei einem Aufnahme- und Beratungszentrum (ABZ) gemeldet werden müssen, damit sie einer Schule zugewiesen werden. Natürlich sei die größte Sorge der Geflüchteten erst einmal eine geeignete Unterkunft, sagt Dirk Fredl. Deshalb kommt der große Zustrom auf die Schulen vermutlich noch.

Fünf neue Klassen seit Montag

Aber die ersten Kinder aus der Ukraine sind schon in den Schulen angekommen. An 14 Schulen im Landkreis Limburg-Weilburg sind inzwischen sogenannte Intensivklassen eingerichtet worden, erst am Montag sind fünf neue Klassen dazugekommen - an der Taunusschule in Bad Camberg, der Fürst-Johann-Ludwig-Schule in Hadamar, am Gymnasium Philippinum in Weilburg und gleich zwei in der Schule im Emsbachtal in Niederbrechen.

In den Intensivklassen sind in der Regel zehn bis 16 Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Herkunft und Altersgruppen zusammen, um erst einmal Schule zu erleben und die fremde Sprache zu lernen. Das Ziel sei es, die Schüler in ein bis zwei Jahren in die Regelklassen zu übergeben, sagt Fredl. Manchmal klappt es auch früher, vielleicht zunächst im Sport- oder Kunstunterricht.

Ob alle Schüler aus der Ukraine so lange bleiben ist eine ganz andere Frage. Aber schon jetzt ist klar: "Das ist eine riesige Herausforderung für Schule", sagt Dirk Fredl. Aber alle seien sich einig, dass auch diese Herausforderung gemeistert werden müsse, "auch wenn das noch mehr Arbeit bedeutet".

Lehrkräfte mit Zusatzqualifikation knapp

Und Veränderung. Und zwar nicht nur für die Lehrer, sondern auch für die Mitschüler in den Regelklassen. Denn Lehrer sind knapp und Lehrer mit der Zusatzqualifikation "Deutsch als Fremdsprache" oder gar dem Studium erst recht. "Bislang bekommen wir das ganz gut hin", sagt Dirk Fredl. Aber dazu gehört auch, dass hier eine Lehrkraft abgezogen werden muss, um dort eine Intensivklasse zu unterrichten. "Das ist die logische Konsequenz."

Bernd Steioff, der Leiter der Schule im Emsbachtal, hat natürlich auch zu wenig Personal, aber er hat genug, um die neuen Kinder unterrichten können. "Ich habe ein gutes Netzwerk." Und er habe zwei Kolleginnen, die Russisch oder Ukrainisch können und die Möglichkeit, bestehende Verträge aufzustocken. Deshalb hat die Schule im Emsbachtal auch gleich zwei Intensivklassen bekommen, sogar freiwillig. Aber Intensivklassen will er sie gar nicht nennen, "bei uns heißt das Willkommensklassen". Denn darum gehe es ja: "Wir wollen helfen, wo es geht." Nicht nur mit Spendenaktionen. Und die Kinder seien hoch motiviert, sie wollten lernen. "Die paar Flüchtlinge sind nicht das Problem", sagt Bernd Steioff. Die strukturellen Probleme bereiteten ihm Sorgen.

Das sieht man der Johann-Christian-Senckenberg-Schule in Runkel ähnlich. Sie hat am Montag erfahren, dass sie Kinder aus der Ukraine aufnehmen wird. "Dank engagierter Kollegen haben wir sogar das Personal, um die Kinder zu unterrichten", sagt Rektorin Isabelle Faust. Aber an der Schule sei es nicht nur personell, sondern auch räumlich eng: Die Kinder müssten in die Turnhalle oder spazieren gehen, der Förderschullehrer musste auch schon seinen Raum aufgeben. Aber es gehe um die Kinder. Darum, ihnen einen Alltag zu schenken, die Möglichkeit, unter Gleichaltrigen zu sein und die Erfahrung, dass andere Menschen sich kümmern und helfen wollen. Oder einfach nur darum, dass sie hier in die Schule gehen, damit sie dann, wenn sie in die Ukraine zurückkehren, nicht sitzenbleiben. "Aber wir haben auch eine Fürsorgepflicht den Kollegen gegenüber", sagt Faust.

Das weiß auch Philipp Naumann, der stellvertretende Leiter der Fürst-Johann-Ludwig-Schule, der größten allgemeinbildenden Schule im Kreis. Er habe gerade mal eine Kollegin, die Deutsch als Zweitsprache studiert hat. Und er erwartet 14 neue Schüler - aus Hadamar, Waldbrunn, aber auch aus Beselich und Limburg. Da sei allein der Transport eine Herausforderung. Und bei der einen Klasse werde es ja wahrscheinlich nicht bleiben, und wer soll die anderen unterrichten?

"Das ist eine Gemeinschaftsaufgabe", sagt Naumann. Das sei im Moment auch allen klar, die Solidarität sei sehr groß. Und für ein paar Wochen könne Schule immer flexible Lösungen finden. "Aber wir müssen langfristig eine gute Lösung finden" - für die Schüler aus der Ukraine und alle anderen. Und natürlich auch für die Lehrer.

Angespannte Corona-Lage: Durchhalten bis Ostern

Manchmal hilft nur Sarkasmus. Deshalb ist Bernd Steioff manchmal sarkastisch, zum Beispiel wenn er sagt, dass die Aufhebung der Maskenpflicht an den Schulen vor allem ein Ziel habe: "Die Politiker wollen kurz vor Ostern noch mal testen, wie belastbar die Lehrer sind." Seine Kollegen von der Schule im Emsbachtal sind ziemlich belastbar. Aber wenn sie in Quarantäne müssen, müssen sie in Quarantäne. Seit einer Woche seien einige Schüler nur schwer davon zu überzeugen, dass eine Maske ein sinnvolles Utensil sei, und seitdem steigen die Corona-Zahlen an der Schule im Emsbachtal in Niederbrechen rasant. Inzwischen falle ein Viertel seiner Kollegen wegen Corona aus, sagt der Schulleiter. Deshalb musste er am Dienstag gleich zwei Klassen für eine Woche in den Distanzunterricht schicken. Weil einfach kein Lehrer da ist, der sie in der Schule unterrichten könnte und weil sowieso nicht alle Schüler da sind. "Wir haben alles versucht, aber es geht nicht mehr", sagt Bernd Steioff. "Die Belastungsgrenze ist erreicht."

So ähnlich formuliert es auch Dirk Fredl, der Sprecher des Staatlichen Schulamts. Die Lage sei angespannt, sagt er. Und immer mehr Lehrer fallen wegen Corona aus. Alleine in der vergangenen Wochen mussten im Schulamtsbezirk 91 Lehrer wegen eines positiven PCR-Tests zu Hause bleiben. "Und die aktuellen Zahlen lassen befürchten, dass es nicht weniger, sondern mehr werden." Und dazu kommen ja auch noch die Kollegen, die sich aus anderen Gründen krank gemeldet haben. Und das hat Folgen: An einigen Schulen mussten Klassen zu Hause bleiben, manchmal auch eine ganze Jahrgangsstufe. "Erfreulicherweise sind das noch Einzelfälle", sagt Dirk Fredl. Noch. Denn nach wie vor gilt die Devise: Präsenz geht vor. Und an den Grundschulen habe Präsenzunterricht absolute Priorität. Weil den Grundschülern das Distanzlernen schwerer falle und vielen Grundschullehrern offenbar auch.

Das Schulamt unterstütze die Schulen so gut es kann, sagt Dirk Fredl. "Die Personalabteilung unterschreibt fast im Akkord befristete Verträge." Aber: "Wir können uns keine Lehrer backen."

Das müsse man auch nicht, sagt Bernd Steioff. Man hätte nur besser planen und mehr Lehrer ausbilden müssen. Es sei doch absehbar gewesen, dass jetzt viele Lehrer in Pension gehen und es sei auch absehbar gewesen, dass mit besseren Betreuungsmöglichkeiten auch die Zahl der Kinder steige. Und jetzt zeige sich, welche fatalen Folgen der Lehrermangel habe.

Da helfen dann auch Überstunden, TVH-Verträge (also befristete Tarifverträge) und VSS-Kräfte (externe Kräfte auf Abruf für die Verlässliche Schule) nur begrenzt. Aber ohne sie sei das alles gar nicht mehr zu leisten, sagt Ingo Nierfeld, der Leiter der Johann-Christian-Senckenberg-Schule in Runkel. "Ohne VSS-Kräfte könnten wir das gar nicht stemmen." Denn wenn von seinen 70 Kollegen auch nur fünf nicht da sind, seien fünf Klassen nicht versorgt. Zum Glück gebe es das Budget für die Verlässliche Schule, unter normalen Bedingungen reiche das auch aus. "Ob es jetzt ausreicht, wird sich zeigen." Zum Glück seien die meisten Schüler sehr verantwortungsbewusst und trügen die Maske. "Auch da sind wir Lehrer Vorbilder." Auch in Sachen Zusammenhalt. "Wir sind alle eng zusammengerückt." Und alle freuten sich schon auf die Ferien. Philipp Naumann, der stellvertretende Leiter der Fürst-Johann-Ludwig-Schule in Hadamar, formuliert es so: "Wir kriegen das gerade noch hin, aber wir machen uns Sorgen, ob wir bis Ostern durchhalten."

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