Leoni (13) aus Dillhausen hat gestern im Impfzentrum in Limburg von Christiane Jakob ihre erste Spritze gegen Corona erhalten.
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Leoni (13) aus Dillhausen hat gestern im Impfzentrum in Limburg von Christiane Jakob ihre erste Spritze gegen Corona erhalten.

Von Herdenimmunität noch weit entfernt

Die Spritze in den Oberarm für zu Hause

  • Rolf Goeckel
    VonRolf Goeckel
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  • Sebastian Semrau
    Sebastian Semrau
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Landkreis Limburg-Weilburg will wachsender Impfmüdigkeit entgegenwirken und kommt zu den Bürgern. Sonderimpftag am Sonntag.

Limburg-Weilburg -Bis zum Piks in den linken Oberarm dauert es nur wenige Minuten: Ein Blick des Arztes in die ausgefüllten Unterlagen, ein kurzes Aufklärungsgespräch, dann setzt Impfhelferin Christiane Jakob die in einer Schale bereitgelegte Spritze - die 13-jährige Leoni aus Dillhausen hat ihre erste Impfung gegen das Coronavirus erhalten. "Ich mache das zu meiner eigenen Sicherheit", sagt die Jugendliche auch mit Blick auf die Schule, die demnächst wieder beginnt. Ihr großer Bruder, 17 Jahre alt, hat sich ebenfalls spritzen lassen. "Dass wir uns impfen lassen, war für uns immer selbstverständlich", sagt Mutter Simone, die vom Nutzen der Corona-Schutzimpfung fest überzeugt ist.

Einen Termin im Impfzentrum auf der Dietkircher Höhe zu bekommen, ist in diesen Tagen ohnehin kein Problem. Denn seit einigen Wochen schon gibt es Impfstoff genug, berichten die medizinische Leiterin Dr. Gundula Heuschen und ihre Kollegin Dr. Ruth Kittler. Was derzeit fehlt sind die Impfwilligen. War es vor einigen Wochen noch schwierig, überhaupt einen Termin zu bekommen, herrscht heute gähnende Leere in den Impfstraßen. "Jeder, der sich impfen lassen will, kann jetzt zu uns kommen - ohne Termin", berichtet Gundula Heuschen. Und zwar nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahre in Begleitung eines Erziehungsberechtigten und mit Einverständnis beider Eltern.

Schon mit Beginn der Schulferien vor drei Wochen seien die Impfzahlen drastisch gesunken. 250 bis 350 täglich sind es derzeit noch, davon nur rund 100 Erstimpfungen. Im Mai und Juni lag die Zahl der Geimpften bei über 1000 pro Tag, bereits am 26. Mai wurde der Spitzenwert von 1140 erreicht. Den niedrigsten Wert gab es mit 110 am 22. Februar. "Damals hatten wir einfach keinen Impfstoff", berichtet Heuschen.

Die derzeitige Impfmüdigkeit hat nach Heuschens Einschätzung mehrere Ursachen. Zum einen sei Urlaubszeit, zum anderen seien viele Menschen offenbar sorglos geworden, weil die Inzidenzen derzeit niedrig seien. Andere wiederum hielten eine Impfung für unnötig, weil schon so viele geimpft sind. Doch die Zahlen werden wieder steigen, ist sich Gundula Heuschen mit Blick auf die grassierende Delta-Variante sicher. "Spätestens im Herbst wird es so weit sein", sagt sie voraus. Dann werden wohl auch die Impfzahlen wieder steigen, vermutet sie.

Die Kapazität von 3000

wurde nie erreicht

Aber noch geht die Zahl der Impfwilligen zurück. Eine Entwicklung, der der Landkreis nicht tatenlos zusehen will. Mit mehreren Aktionen, berichtet Heuschen, wolle man gegensteuern. So soll in den nächsten Tage ein Programm mit dem Schlagwort "Impfen am heimischen Ofen" starten. Die Idee: Impfwillige, denen der Aufwand zur Fahrt ins Impfzentrum zu groß ist, können anrufen und sich die Spritze in den Oberarm nach Hause bestellen. "Unsere mobilen Impfteams kommen dann von am Wochenende", erklärt Gundula Heuschen. Starten soll die Aktion nächste Woche.

Eine weitere Aktion zielt darauf ab, vor allem jüngere Menschen zu erreichen. Zumal sie nach Heuschens Beobachtung von der Delta-Variante zunehmend betroffen sind. Deshalb werde darüber nachgedacht, die drei mobilen Impfteams, über die das Impfzentrum verfügt, an sogenannten "Hotspots" einzusetzen, also dort, wo sich Menschen unter 40 Jahre aufhalten. Dass ohne diese Altersgruppe die erstrebte Herdenimmunität nicht zu erreichen ist, daran hat Heuschen keine Zweifel. "Ohne eine Impfquote von 80 bis 85 Prozent werden wir die Pandemie nicht los", so die Ärztin. Ein Ziel, von dem der Kreis Limburg-Weilburg mit einer Quote von rund 65 Prozent Erstgeimpften weit entfernt ist.

Eine weitere Zielgruppe, die es laut Heuschen zu erreichen gilt, sind ausländische Mitbürger und Geflüchtete. Sie sollen demnächst über die Sozialämter mit fremdsprachigen Flyern über die Corona-Impfung aufgeklärt werden. Wobei die Gruppe der Migranten nicht zu den Sorgenkindern zählt, wie Heuschen unterstreicht. In einzelnen Gruppen liege die Impfquote bei 90 Prozent und darüber, also deutlich über der in der einheimischen Bevölkerung.

Die Zahl der Spritzen, die auf der Dietkircher Höhe verabreicht wurde, kann sich sehen lassen - obwohl das Impfzentrum mit einer Kapazität von 3000 pro Tag laut Heuschen nie voll ausgelastet gewesen sei. Bis Mittwochmorgen wurden 54 633 Menschen zum ersten Mal geimpft, eine Quote von 31,8 Prozent. Die Zahl der Zweitimpfungen betrug 48 490, das sind 27,6 Prozent.

Kleines Impfzentrum

ab 1. Oktober

Dennoch sind die Tage des Impfzentrums in seiner jetzigen Form gezählt, sagt Heuschen. "Wir haben vom Land die Verfügung erhalten, dass wir zum 30. September schließen müssen." Die Corona-Impfungen sollen dann vorwiegend die niedergelassenen Ärzte übernehmen. Ganz zurückziehen will sich das Gesundheitsamt aber nicht, so Heuschen. Vom 1. Oktober an soll es ein kleineres Impfangebot, ein "Impfzentrum light" sozusagen, in der Nähe des jetzigen Impfzentrums an der Sennefelderstraße geben. "Wir verhandeln noch mit dem Land Hessen über die Ausstattung, wobei es vorwiegend um die Software geht", berichtet die medizinische Leiterin. Auch die Inhaber der Arztpraxen hätten mit großer Mehrheit für diese Lösung gestimmt, weil sie in Herbst und Winter mit einer Welle von anderen Infektionskrankheiten, beispielsweise der in der Coronazeit fast "ausgefallenen" Influenza, rechneten.

Manches ist an der jetzigen Praxis in den Impfzentren aus Heuschens Sicht aber auch verbesserungswürdig. "Die Dokumentationspflicht könnte man deutlich verschlanken", meint sie. Das Ausfüllen und Scannen von Formularen sowie das Ausstellen von Impfbescheinigungen koste pro Impfling etwa zehn Minuten und binde damit Personalkapazität, die sinnvoller eingesetzt werden könnte. Nicht nachvollziehen könne sie aber auch, dass sie Impfwillige aus dem benachbarten Rheinland-Pfalz nach wie vor kein Angebot machen kann. "Weite Wege drücken auf die Impfbereitschaft", urteilt die Medizinerin.

Impfteam nach Hause bestellen

Anmeldungen fürs "Impfen am heimischen Ofen" sind immer möglich bis Donnerstag, 11 Uhr, unter (0 64 31) 9 21 70 81, (0 64 31) 9 21 70 89 oder per E-Mail an mobileteams@limburg-weilburg.de.

"Noch keinen Impfstoff

weggeworfen"

Wer sich im Limburger Impfzentrum impfen lassen will, hat die freie Wahl unter den derzeit verfügbaren Impfstoffen von Astrazeneca, Johnson & Johnson, Biontech und Moderna. Allerdings ist Astra fast nur noch für die Zweitimpfung gefragt, berichtet Dr. Gundula Heuschen. Mit sinkenden Impfzahlen - zeitweise kamen 300 bis 400 Patienten einfach nicht - wurde die Zahl der Impfdosen drastisch reduziert. Überschüsse können zurückgegeben werden, wenn auch nur paketweise. "Bisher haben wir aber noch keinen Impfstoff wegwerfen müssen, weil er verfallen ist", so Heuschen. Inzwischen sei beispielsweise der Biontech-Impfstoff bis zu vier Wochen haltbar. Zu Beginn waren es fünf Tage.

Am Sonntag ist Sonderimpftag - Termine

nicht mehr erforderlich

Am Sonntag, 8. August, wird von 10 bis 15 Uhr ein Sonderimpftag im Impfzentrum des Kreises Limburg-Weilburg angeboten. Der Landkreis möchte damit auch berufstätigen Bürgerinnen und Bür an einem Wochenendtag die Möglichkeit geben, sich impfen zu lassen. Für die Impfung ist kein Termin erforderlich. An diesem Tag finden Impfungen mit allen vier zugelassenen Impfstoff von Biontech, Moderna, Astrazeneca und Johnson & Johnson statt, aus denen ausgewählt werden kann. Montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr gibt es darüber hinaus weiterhin die Möglichkeit, ohne Termin ins Impzentrum zu kommen.

Zudem bietet das Impfzentrum in Limburg auch allen impfwilligen Kindern und Jugendlichen ab dem vollendeten zwölften Lebensjahr die Möglichkeit an, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen. Diese erhalten den Impfstoff von Biontech. Erforderlich hierfür ist die schriftliche Einwilligung beider Erziehungsberechtigten auf den Aufklärungsbögen. Die Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren müssen sich in Begleitung eines Erziehungsberechtigten kommen.

Folgende Unterlagen müssen zur Impfung mitgebracht werden:

Lichtbildausweis

Krankenkassenkarte (wenn vorhanden)

Gelber Impfpass (wenn vorhanden)

Der Termin für die Zweitimpfung wird bei der ersten Impfung mitgeteilt.

Aktuelle

Zahlen

Langsam steigt die Zahl der Geimpften auch in der Region weiter. Bundesweit haben laut Robert-Koch-Institut 62,1 Prozent der Menschen die Erstimpfung erhalten. 53,6 Prozent sind vollständig geimpft. Im Landkreis Limburg-Weilburg sind die Zahlen noch etwas besser. Dort haben bislang insgesamt 111 942 Menschen die Erstimpfung erhalten (65,1 Prozent), 96 725 sind vollständig geimpft (56,3 Prozent).

Im Rhein-Lahn-Kreis haben 78 471 Personen die Erstimpfung erhalten (64,2 Prozent), 69 479 sind vollständig geimpft (56,8 Prozent).

Im Westerwaldkreis haben 112 361 Menschen die Erstimpfung erhalten (55,7 Prozent), 100 214 sind vollständig geimpft (49,6 Prozent).

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