Aufklärung mit der Eule am Ärmel

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Die Stadt Diez an der Lahn ist nicht nur unter dem Begriff Grafenstadt bekannt. Viele Menschen in der ganzen Bundesrepublik kennen Diez auch als – ehemals – größere Garnisonsstadt.

Die Stadt Diez an der Lahn ist nicht nur unter dem Begriff Grafenstadt bekannt. Viele Menschen in der ganzen Bundesrepublik kennen Diez auch als – ehemals – größere Garnisonsstadt. Schon seit ewigen Zeiten wird das Ende des 17. Jahrhunderts errichtete Schloss Oranienstein als Unterkunft für Soldaten genutzt – so wurde dort 1867 eine preußische Kadettenanstalt eingerichtet. 1956 wurde es Sitz des Stabes der 5. Panzerdivision. Später zog der Stab der Panzerbrigade 34 aus Koblenz in das Schloss. Von 2002 an quartierte sich das Sanitätskommando II ein. Derzeit residiert in der „schönsten Kaserne der Bundeswehr“ das Kommando Regionale Sanitätsdienstliche Unterstützung.

Anfang der 1990er Jahre wurde im Rahmen einer Strukturreform das Fernmeldebataillon 5 nach Koblenz verlegt und die „Stadt-Kaserne“ (heute Wilhelm-von-Nassau-Park) aufgegeben. An der Limburger Straße findet man – jedoch nur noch einige Monate, da auch diese Kaserne geschlossen wird – die Freiherr-vom-Stein-Kaserne. Hier waren von Anbeginn Nachschubsoldaten, Transporteure und Logistiker beheimatet.

Doch beherbergte die Kaserne von 1971 bis 1999 auch eine ganz außergewöhnliche Dienststelle: die Frontnachrichtenlehrkompanie 300. Diese Einheit, deren Soldaten schon allein wegen ihrer goldgelben Waffenfarbe und den schwarzen Baretts (Zugehörigkeit zu den Aufklärungstruppen) auffielen, war die einzige aktive Kompanie im Heer, die ein Element der Nachrichtengewinnung und Aufklärung der Bundeswehr bildete und deren Soldaten zur Herstellung eines umfassenden Lagebildes im Einsatz beitrugen. Aufgrund ihrer geringen Personalstärke waren die Aufgaben der Soldaten selbst in der Bundeswehr weitgehend unbekannt. Dabei ging es dort gar nicht so geheimnisvoll zu. Die Soldaten trugen ihr Verbandsabzeichen offen am Ärmel: eine Eule auf grünem Grund (deswegen auch Eulenkompanie). Die Eule – als Symbol für Wachsamkeit, Weisheit, Wissen und den scharfen Blick. In dieser einzigartigen Kompanie gab es mehr Zeit- und Berufssoldaten als Wehrpflichtige. Neben ihrem eigentlichen militärischen Auftrag trugen die Soldaten der Kompanie auf vielfältige Weise auch zur Überwindung von „Sprachlosigkeit“ zwischen Ost und West bei.

Primärer Auftrag der Soldaten war die Befragung von in Gefangenschaft geratenen gegnerischen Soldaten. Auch die Auswertung von „Beutematerial“ und „Beutedokumenten“, also das, was die Gegner mitführten, gehörte zu den Aufgaben. In Zeiten des Kalten Krieges wurden intensiv die Sprachen Russisch, Polnisch, und Tschechisch geschult. Wegen ihrer Sprachkenntnisse fand man sehr viele Spätaussiedler in der Kompanie. Doch auch diese mussten mindestens alle vier Jahre zu Sprachprüfungen und -weiterbildungen. Mit Beginn der Einsätze der Bundeswehr in Krisengebieten, also seit etwa 1995, befasste sich die Kompanie auch mit der Ausbildung von Bundeswehrsoldaten, für den Fall, dass diese selber einmal in Gefangenschaft geraten.

In den Einsatzgebieten der Bundeswehr sind die Soldaten der Feldnachrichtenkräfte das wichtigste und oft sogar das einzige Mittel, um Stimmungen und Absichten der Konfliktparteien sowie des sie umgebenden Umfeldes zu erkennen. Damit tragen sie nicht nur entscheidend zum Gelingen der Mission bei, sondern leisten auch einen wesentlichen Beitrag zum Schutz der eigenen Soldaten.

Der heutige Auftrag der Feldnachrichtenkräfte besteht überwiegend im „Humint“-Bereich. Damit wird die Gewinnung von Informationen mit menschlichen Quellen bezeichnet. Solche Informationen werden auch bei scheinbar belanglosen Gesprächen gewonnen.

Keimzelle der Einheit war der in den 1960er Jahren aufgestellte Frontnachrichtendienst. 1999 verlegte die zwischenzeitlich in Feldnachrichtenlehrkompanie 300 umbenannte Einheit in die Kaserne Schloss Oranienstein. Von 2002 an bildete sie zusammen mit den Feldnachrichtenkräften der Luftwaffe das Feldnachrichtenzentrum der Bundeswehr. Das Zentrum war bis zu dessen Umgliederung in ein brigadeäquivalentes Kommando dem Heerestruppenkommando unterstellt. 2008 wurde das Zentrum in Diez aufgelöst und die zugehörigen Feldnachrichtenkräfte unmittelbar den Divisionen des Heeres zugeordnet.

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